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WirNachbarn-Gründer und -Geschäftsführer Philipp Götting (36)

„Startup-Held“ Philipp Götting im Interview

Laut einer Studie möchten fast 70 Prozent der Deutschen ihre Nachbarn besser kennen lernen. Und sogar 93 Prozent wollen, dass Nachbarn aufeinander Acht geben und sich unterstützen. Dennoch kennen wir uns in der Nachbarschaft kaum noch. „Die Folgen der Anonymisierung für Gesellschaft, Staat, Gemeinschaft und den Einzelnen sind besorgniserregend“, findet Philipp Götting. Er hat mit WirNachbarn ein Nachbarschafts-Netzwerk geschaffen, das dieses Problem lösen will. Damit bietet Götting zum Beispiel die Empfehlung lokaler Geschäfte und Ärzte – für Nachbarn kann das übersichtlicher sein als auf Facebook. Mit seiner Strategie will er sich von dem Netzwerk-Riesen und anderen Konkurrenten abheben.

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Die Idee zu WirNachbarn kam dem promovierten Betriebswirtschaftler im Dezember 2013. Seit August 2014 arbeitet Götting gemeinsam mit den beiden anderen Gründern André Dieling und Aymon Delbridge in Vollzeit an dem Berliner Startup, das Nachbarschaften neu beleben will. Die Beta-Version der Webseite ging im Oktober 2014 live. Seit Februar dieses Jahres gibt es eine App. Mittlerweile sind auf der Plattform allein in Berlin über 100 aktive Nachbarschaften vertreten. Und auch Nachbarschaften in Köln, Hamburg, München oder Remscheid nutzen das junge Netzwerk.

Götting im Gespräch über seine Vision und sein Unternehmen.

Eure Vision lautet „Nachbarschaft neu beleben“ – was meint ihr damit?

Über WirNachbarn können sich Nachbarn sehr einfach ansprechen und kennen lernen. Wer sich kennt, grüßt sich. Wer sich grüßt, hilft einander. Wir beobachten schon jetzt, dass Nachbarschaft so näher zusammen rückt. Sie wird belebt. Man nimmt mehr Rücksicht und kann sich im Zweifel auf seine Nachbarn verlassen. Wir haben deshalb schon einige Nachbarschafts-Initiativen, die WirNachbarn als einzige Plattform für ihre Nachbarschaft nutzen. Diese Effekte werden übrigens von dem Harvard-Soziologen Robert Putnam, der mit seinem Buch „Bowling Alone“ einen Denkanstoß für WirNachbarn geliefert hat, auch beschrieben.

Es gibt bereits einige Nachbarschafts-Netzwerke. Womit setzt ihr euch von diesen ab?

Wir sind die einzige Plattform für Nachbarn und Nachbarschaften, um sich auszutauschen, Dinge zu teilen und sich gegenseitig zu unterstützen. Bei uns gibt es keine Fake-Profile. Zudem gibt es nur bei uns klar definierte Nachbarschaften. Und: Aktivitäten genießen volle Privatsphäre, sind nicht über Google zu finden und unsere Server stehen in Deutschland.

Geht es bei bei eurem Netzwerk dann eher um Vernetzung oder tatsächliche Hilfe unter Nachbarn?

WirNachbarn wird am häufigsten für vier Dinge genutzt: Für direkte Nachbarschaftshilfe, ob beim Tragen schwerer Dinge oder dem Ausleihen von Gartenwerkezug. Für lokale Empfehlungen wie von speziellen Ärzten, Handwerkern oder Babysittern. Für den Austausch lokaler Nachrichten vom Einbruch über Veranstaltungen oder Nachbarschafts-Initiativen oder dem entlaufenen Hund. Sowie für Kleinanzeigen, bei denen Leute direkt vor Ort Dinge abgeben, verschenken, verkaufen oder suchen.

Funktioniert euer Produkt auch in Kleinstädten oder ist es ein Großstadt-Phänomen?

WirNachbarn ist für jede Nachbarschaft geeignet. Wenn sich schon viele Nachbarn kennen, vereinfacht die Plattform den Austausch von Beiträgen und Nachrichten ungemein. E-Mail-Verteiler, wo jeder alles bekommt, egal, ob der Inhalt für ihn oder sie interessant ist, sind furchtbar umständlich. WirNachbarn liefert den Überblick, was gerade in der eigenen Nachbarschaft los ist. In Großstädten wie Berlin kommt hinzu, dass es noch nie so einfach war, die Menschen in seiner Umgebung kennen zu lernen.

Braucht es in Zeiten von Facebook überhaupt ein Nischen-Netzwerk?

Wir leben in drei sozialen Räumen: Es gibt unsere Berufs- und Karrierewelt, unsere Familie und Freunde sowie diejenigen, die direkt um uns herum wohnen, die Nachbarn. Letztere können bei vielen praktischen Dingen des Alltagslebens helfen und unterstützen. Zudem kann man gemeinsam die Wohngegend gestalten. Nachbarschaft ist also keine Nische. Über 90 Prozent der Bürger wünschen sich, dass sich Nachbarn mehr unterstützen. Es braucht aber Nachbarn, die dies vor Ort mit anschieben. WirNachbarn ist dafür ein modernes und bequemes Instrument. Nachbarschaftshilfe wird so über unsere digitale Plattform nachhaltig belebt und erreichbarer.

So gut wie alle Netzwerke haben Probleme bei ihrer Monetarisierung. Wie verdient ihr Geld?

Im Moment und auf absehbare Zeit gar nicht. Aber eines Tages werden wir behutsam lokale Werbeanzeigen einfließen lassen.

Philipp, danke für das Gespräch.

Bild: WirNachbarn