Rainer Gerding

Dr. Rainer Gerding, Bundesgeschäftsführer und Mitglied des Vorstands des Wirtschaftsrats der CDU

Old meets New Economy

Seit 50 Jahren vertritt der Wirtschaftsrat Deutschland unternehmerische Anliegen vor der Politik. Viel Wert wird dabei laut Eigendarstellung auch auf eine positive Entwicklung junger Unternehmen gelegt – samt eigens dafür geschaffenem Gremium, dem Jungen Wirtschaftsrat. Dort sollen die Bedürfnisse von Gründern, Startup-Mitarbeitern, aber auch jungen Berufseinsteigern bei Großkonzernen festgehalten und gegenüber Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit vertreten werden.

Veranstaltungshinweis: „Old meets New Economy – Kooperationen fördern – Wachstum generieren“

Bundessymposium des Wirtschaftsrates der CDU e.V. und des Bundesverbandes Deutsche Startups e.V.

Wann? Dienstag, 19. November 2013,13.00 – 18.30 Uhr
Wo? Microsoft Berlin, Unter den Linden 17, 10117 Berlin

Gründerszene sprach mit Rainer Gerding, Bundesgeschäftsführer und Mitglied des Bundesvorstands des Wirtschaftsrats, über Doppelbesteuerung, die Behandlung von Verlustvorträgen, flexibles Arbeitsrecht und Beharrlichkeit. Und darüber, was Alt und Jung in der Wirtschaft voneinander lernen können.

Herr Dr. Gerding, was ist das grundlegende Ziel des Wirtschaftsrats hinsichtlich Startups und Digitalwirtschaft?

Es gibt nicht genug Wachstumsunternehmen in Deutschland. Zwar ist hier in Berlin seit einiger Zeit schon ein gewisser Internet-Hype entstanden. Auf Gesamt-Deutschland bezogen sterben aber mehr Jungunternehmen als gegründet werden. Dieses Verhältnis müssen wir umkehren.

Wie kann das klappen?

Dazu brauchen wir unter anderem günstigere Finanzierungsbedingungen. Hier muss der Staat schnell steuerliche Hindernisse beseitigen, damit vernünftige Risikokapitalfinanzierungen auch hierzulande möglich werden. Dafür streiten wir derzeit auch in den Koalitionsverhandlungen.

Es wird also mehr Kapital gebraucht.

Unbedingt. Mit mehr Geld lässt sich mehr erreichen. Zusammen mit betroffenen Unternehmen diskutieren wir schon seit einer Weile, welche Bedingungen die VC-Geber hierzulande benötigen. Auch international muss der Investitionsstandort Deutschland attraktiver werden. In einigen Konstellationen kommt es etwa zur Doppelbesteuerung, das macht Deutschland im internationalen Wettbewerb unattraktiv und das darf nicht sein.

Ist das Thema Digitalwirtschaft in der deutschen Politik demnach unterbesetzt?

Die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestags zum Thema Internet und Digitale Gesellschaft wurde mit Sachverständigen aus allen Lagern besetzt, aber von den Volksparteien war kein Vertreter der Wirtschaft dabei. Wie kann das sein? Es sind doch gerade die Online-Firmen, die die Möglichkeiten des Internets an die Menschen heranführen!

Hat der Wirtschaftsrat reagiert?

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Wir haben diese Unstimmigkeit zum Anlass genommen, eine Begleitkommission mit 50 Unternehmern aus dem IT-Bereich einzurichten. Mitglieder sind dabei große, weltumspannende Unternehmen wie Microsoft oder SAP, aber auch kleinere mittelständische und junge Unternehmer. Auf diesem Weg wurden zwölf Gutachten in die Enquete-Kommission eingebracht, etwa zu Themen wie Netzneutralität oder Open Source.

Wichtig dabei ist: Netzpolitik ist immer auch Wirtschaftspolitik. Wie auch in der Enquete-Kommission werden in der Politik oft innen- oder rechtspolitische Aspekte in den Vordergrund gerückt. Der Wirtschaftsrat sieht seine Rolle auch darin, diesen Fokus zurechtzurücken. Selbst gegenüber Wirtschaftsminister Rösler musste erst einmal etabliert werden, dass Internet-Themen ein großer Schwerpunkt seiner Arbeit sein müssen.

Der aber offenbar ein offenes Ohr beim Thema Internet-Startups hatte…

Wir sind Herrn Rösler sehr zu Dank verpflichtet, wir hatten ein gutes Miteinander – so wurde auch der Beirat Junge Digitale Wirtschaft eingerichtet. Damit ist unabhängig davon, wer bald an der Spitze des Ministeriums sitzen wird, eine gewisse Kontinuität hinsichtlich Internet-Themen sichergestellt.

Darüber hinaus haben wir uns sehr dafür eingesetzt, dass das Thema Internet eine eigene Stimme bei den laufenden Koalitionsverhandlungen bekommen wird.

Das heißt konkret?

Es wurde eine Unterarbeitsgruppe eingerichtet, die speziell die Themen der jungen beziehungsweise der IT-Unternehmen in die Verhandlungen eingebracht hat, etwa hinsichtlich Risikofinanzierungen. An einigen Stellen zeichnen sich auch schon Fortschritte ab.

Dennoch befürchten einige, dass Startup-Themen in der neuen Regierung nicht mehr den gleichen Stellenwert haben werden wie bisher. Viel scheint durchaus an die Person Rösler gekoppelt zu sein…

Umso mehr muss sich der Wirtschaftsrat für Startups einsetzen. Wir arbeiten auch an einem Maßnahmenkatalog, der sich mit Wachstumsschwellen beschäftigt: Einen wichtigen Knackpunkt stellt beispielsweise die Anschlussfinanzierung dar, wenn nach zwei bis drei Jahren die erste Finanzierung aufgebraucht ist. Hier gilt es, zum Beispiel das Steuerrecht so zu gestalten, dass diese Engstelle aufgebrochen wird.

Wie lässt sich das konkret bewerkstelligen?

Am Beispiel Anteilseignerwechsel: Derzeit gehen die aufgelaufenen Verlustvorträge komplett oder teilweise verloren, wenn Anteile an einem Unternehmen übertragen werden. Dieser Standortnachteil gegenüber anderen Ländern muss beseitigt werden. Daher wird der Wirtschaftsrat dieses Thema über die Koalitionsvereinbarungen hinaus verfolgen. Im März kommenden Jahres wird es eine große Veranstaltung in Berlin geben. In der Politik ist Beharrlichkeit gefragt.

Lässt sich Frau Merkel in Sachen Wirtschaft überhaupt noch „rein reden“?

Die Union ist durchaus offen für Verbesserungsvorschläge. Immerhin hat man sich bereits darauf geeinigt, dass es keine Steuererhöhungen geben soll – was ja nicht einfach ist in dieser Zeit. Wirtschaftlich ist das aber sehr sinnvoll.

Und es ist ja nicht nur die CDU, mit der wir reden. Anders als der ursprüngliche Name suggeriert – Wirtschaftsrat der CDU – war der Wirtschaftsrat Deutschland schon immer parteiübergreifend aufgestellt. Wir können also mit Fug und Recht behaupten, dass der Wirtschaftsrat ganz erheblichen Einfluss hat.

Würden Sie sich dann einen CDU- oder einen SPD-Wirtschaftsminister wünschen?

Ich würde mir einen Wirtschaftsminister wünschen, der mit Kompetenz für Wettbewerb und attraktive wirtschaftliche Rahmenbedingungen sorgt.

Wäre eine neue Technologiebörse sinnvoll – und inwieweit kann sie eine Alternative zur VC-Finanzierung darstellen?

Ein eigenes Börsensegment einzuführen, um jungen, innovativen Unternehmen in Deutschland leichteren Zugang zum Kapital zu ermöglichen, ist der richtige Weg. Seit dem Platzen der Dotcom-Blase ist viel passiert und die Branche ist erwachsen geworden. Ein „Neuer Markt 2.0“ mit vereinfachten Anforderungen würde nicht nur aus regulatorischer Sicht den Gang an die Börse erleichtern, sondern hätte auch eine öffentlichkeitswirksame Schaufensterfunktion. Zugleich wird der Zugang zum Kapitalmarkt für Investoren interessanter gemacht – nicht zuletzt durch zusätzliche Exit-Möglichkeiten.

Die der Wirtschaftsrat ja in seinem Forderungskatalog definiert. Woher kommen die Inhalte dafür?

Wir haben in unserer Bundesfachkommission „Internet und Digitale Wirtschaft“ mit Startups diskutiert, die Inhalte aufgearbeitet und dann abgestimmt. Damit sollten sich das Gros der Jungunternehmer in den Vorschlägen wiederfinden.

Was sind dabei Ihre Erwartungen gegenüber den Startups – auch im Hinblick auf politisches Engagement?

Es ist nicht verwunderlich, dass sich junge Unternehmer zuallererst einmal um ihr Unternehmen kümmern. Da bleibt wenig Zeit für politische Inhalte. Für den Wirtschaftsrat sind Unternehmer aber ein wichtiges Elixier. Jung und Alt müssen sich untereinander austauschen. Die Teilnahme an Gesprächen und Veranstaltungen wie der bevorstehenden, aber auch die Mitgliedschaft beim Wirtschaftsrat ist ein wichtiges politisches Engagement.

Stichwort Austausch: Was haben kleine und große Unternehmen gemeinsam? Ist die Flexibilität, die Startups benötigen, überhaupt vereinbar mit den Bedürfnissen von Siemens, BMW oder SAP? Arbeitsplätze etwa sind ja immer ein brisantes Thema.

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Kleine und große Unternehmen verfolgen beispielsweise bei der politischen Gestaltung des Arbeitsmarkts die gleichen Interessen. Der Wirtschaftsrat gehört zu den Verfechtern der Agenda 2010. Zudem wird Deutschland in ganz Europa um sein Wirtschaftswunder beneidet. Doch statt den erfolgreichen Kurs der Flexibilisierung des Arbeitsmarktes fortzusetzen, gibt es derzeit Tendenzen in den Koalitionsgesprächen – ich spreche hier von den SPD-Vertretern – die den Arbeitsmarkt verriegeln und zurück in die Massenarbeitslosigkeit führen würden.

Auch, dass wir uns beispielsweise auf einen gesetzlichen Kündigungsschutz geeinigt haben, heißt nicht, dass es nicht auch andere Lösungen gäbe.

Zum Beispiel?

In einigen europäischen Partnerländern werden festgelegte Abfindungen für den Fall vereinbart, dass jemand aus dem Unternehmen austritt. Auch solche Lösungen fair miteinander auszuhandeln schafft Flexibilität. Wichtig ist, dass eine gewisse Dynamik auf dem Arbeitsmarkt erhalten bleibt. Anders kann eine gesunde Wirtschaft nicht funktionieren.

Herr Dr. Gerding, vielen Dank für das Gespräch!

Bild: Alex Hofmann