Berliner Startup-Szene vs. Wirtschaftswoche

So viel Kritik, so viel Widerspruch hat Wirtschaftswoche-Redakteur Michael Kroker auf seinen Artikel über die Berliner Startup-Szene erhalten, dass er nun in einem eigenen Blogeintrag reagiert. Es ist die Replik auf die Replik an seiner ausführlicher Geschichte, in der er sich mit der Szene beschäftigt und schließlich konstatiert: „Bei Berlins Startups ist die Party vorbei“. Das gefiel Investoren wie Ciaran O’Leary von Earlybird und Team-Europe-Partner Kolja Hebenstreit ebenso wenig wie Gründern und Managern aus der Tech-Welt. MyParfum-Macher Matti Niebelschütz sah sich sogar genötigt, einen offenen Brief an Kroker zu schreiben, Caroline Drucker, verantwortlich für das Global Brand Design bei Etsy drückte ihre Wut auf Twitter aus.

G Tipp – Lesenswert bei Gründerszene Popcorn-Time auf Twitter: Die Wirtschaftswoche schreibt, Berlins Startup-Party sei vorbei. Die Szene antwortet: Der Text enthalte „eklatante Fehler“.

Nun glaubt Kroker, der Streit beruhe auf einem unterschiedlichen Verständnis von Journalismus:

Journalismus heißt aber in unseren Augen eben nicht „wohlwollende Begleitung“, so wie es O’Leary und Niebelschütz offenbar gerne hätten. Ganz im Gegenteil: Gerade dass wir auch auf Fehlentwicklungen oder sonstige Negativ-Aspekte innerhalb der Startup-Szene hinweisen, ist ein zutiefst journalistischer Ansatz.

Und genau das haben wir mit der aktuellen Geschichte getan. Dass 7 von 10 Startups scheitern müssen, weil das zum System gehört, macht das Scheitern der Betroffenen ja nicht weniger berichtenswert – zumal wenn es sich um einstige Vorzeigeunternehmen der Szene wie eben Amen oder Gidsy handelt.

Kroker hat Recht: Auf Fehlentwicklungen und Negativaspekte hinzuweisen, ist ein wichtiger Bestandteil des Journalismus. Daher ist der Appell von Matti Niebelschütz für mehr Verantwortungsbewusstsein wahrscheinlich übertrieben. Und vermutlich wird niemand in Berlin bestreiten, dass die Startup-Szene im Umbruch ist. Auch Gründerszene hat darüber schon berichtet. Es ist offensichtlich, dass der „Kreisch-Ashton-Kutcher-ist-in-der-Stadt-und-hat-investiert-Kreisch“-Hype längst vorbei ist. Auch das klassische Inkubatoren-Modell ist in weiten Teilen den Bach runtergegangen. Gründer machen nach wie vor zu viele Fehler. Und es fehlt an Risikokapital für junge Unternehmen, um weiter zu wachsen.

Warum also erzürnt der Text der Wirtschaftswoche weite Teile der Szene dennoch so? Und stimmt es wirklich, dass das an einem unterschiedlichen Verständnis von Journalismus liegt?

Nun, man kann Geschichten so oder so erzählen. Man kann – so wie die Wiwo es getan hat – schreiben:

  • dass MyParfum pleiteging und von einem 60-Mann-Unternehmen zu einer Zehn-Mann-„Klitsche“ wurde;
  • dass Team Europe sein Portfolio schrumpft und Mymuesli und Mister Spex verkauft hat;
  • dass Amen und Gidsy nicht mehr existieren;
  • dass es weniger Risikokapital in Berlin gibt als im Silicon Valley.

Alles richtig. Man könnte aber auch schreiben:

  • wie mutig die MyParfum-Gründer sind, dass sie ihr Unternehmen nach der Pleite aus der Insolvenzmasse heraus gekauft haben, weil sie weiter an ihre Idee glauben. Dass sie es geschafft haben, das Unternehmen immerhin zu zehnt weiterzuführen;
  • dass das einst von Team Europe gestartete Delivery Hero gerade fast 90 Millionen Dollar bekommen hat. Die Wirtschaftswoche berichtet davon, allerdings sehr kurz im Vergleich zur „Ernüchterung“, die das Magazin bei Team Europe sieht;
  • dass Team Europe eine massive Kurskorrektur hinter sich hat, aber dass die einstigen „Schützlinge“ heute erfolgreiche Unternehmen sind – etwa MyMuesli oder Mister Spex;
  • dass Gidsy zwar tot ist, aber von GetYourGuide geschluckt wurde. Und GetYourGuide gerade dabei ist, von Zürich und inzwischen auch von Berlin aus einer der führenden Anbieter zu werden;
  • dass es im vergangenen Jahr einige herausragende Investitionsrunden gab. Man müsste die Finanzierungen für SoundCloud und 6Wunderkinder nicht in „Zwar-gab-es-Finanzierungen-aber…“-Absätzen abhandeln. Man könnte auch darüber berichten, dass Bill Gates vergangenes Jahr in Researchgate investiert hat, dass Marco Börries Millionen für sein NumberFour eingesammelt hat, dass die Samwers Milliarden holen – und dass viele ausländische Investoren (Sequoia, Union Square, Insight, IVP, etc.) gerade Berlin entdecken. Was bei der Wiwo nur am Rande vorkommt. 

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Nicht vorwerfen kann man der Wirtschaftswoche, sie benutze falsche Fakten. Zu Recht sieht die Szene jedoch die positiven Aspekte vernachlässigt – sie treibt das Gefühl um, die Wirtschaftswoche krame hervor, was zum gewünschten Dreh der Geschichte passt.

Denn man hätte die Geschichte auch andersherum erzählen können. Vielleicht sogar müssen. Denn ja, einstige Vorzeige-Startups wie Amen und Gidsy sind nicht mehr, wie Kroker in seinem Blog noch mal betont: Gidsy wurde im April 2013 von GetYourGuide geschluckt, Amen ging im Sommer an Tape.tv. Das ist für viele in der Szene schon eine Ewigkeit her, seitdem hat sich die Startup-Welt superschnell weitergedreht, es gibt längst neue Stars – und glaubt man der Wiwo-Geschichte, herrschte vor einem halben Jahr, also nach dem Ende der beiden Firmen, noch eine große Aufbruchstimmung in Berlin.

Company Builder wie Rocket Internet und Project A Ventures werden in der Wiwo-Geschichte höchstens kurz genannt, kommen aber sonst als Protagonisten nicht vor (Rocket hat vergangenes Jahr Milliarden eingesammelt und in Deutschland Lendico gestartet, Project A hat von Springer Millionen bekommen). Auch erfolgreiche Player wie Researchgate, Wooga oder iLiga fehlen, die B2B-Stars sowieso.

All dies führt in der Szene zu dem Eindruck, die Wiwo habe nicht ausgewogen berichtet. Hinzu kommt etwas, das nur als Gefühl beschrieben werden kann. Es ist der Subtext der Magazingeschichte, die geschickt die Sprache einsetzt, um die eigene These zu untermauern. Ein legitimes und wichtiges journalistisches Mittel. Aber dadurch, dass Internetfirmen in die Pleite „rauschen“, ein Zehn-Mann-Unternehmen als „Klitsche“ oder Protagonisten der Story als „Pennäler“ bezeichnet werden, bekommen Teile der Szene das Gefühl, die Story sei „boulevardesk“ und habe einen „sensationalist tone“.

Sätze wie „Selbst vor Pleiten ist die Berliner Internet-Community nicht mehr gefeit“ lösen in der Szene nur eines aus: Kopfschütteln. Denn ja, Scheitern ist für den Einzelnen nicht sehr witzig, Doo-Gründer Frank Thelen hat gerade ausführlich von dieser Belastung berichtet. Aber alle wissen, dass es Teil der Startup-Welt ist. Scheitern ist für Startups und VCs: normal. Das gab es schon immer und kann in ihren Augen daher nicht als Beleg für das Ende der Party dienen.

Die Szene fühlt sich zu Recht missverstanden und von der Wiwo nicht umfassend widergespiegelt; sie sieht in dem Heft plötzlich ein altes Industriemagazin, das in ihren Augen wie große Teile der deutschen Wirtschaftspresse kein Verständnis von der und für die Startup-Szene habe.

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Dabei hat Kroker mit manchem Punkten auch Recht, es gab Dämpfer. Aber hinter dem Umbruch in Berlin verbirgt sich kein drohender Zusammenbruch. Die Szene besteht nicht mehr nur aus ein paar Playern, sondern ist viel breiter geworden. Und deutlich internationaler. US-Tech-Unternehmen eröffnen Büros in der Hauptstadt, wie zuletzt Pinterest. Konzerne starten Accelerator-Programme. Mehr und mehr ausländische Investoren beginnen ihr Geld in die Stadt zu pumpen. Die erste TechCrunch Disrupt Europas fand in Berlin statt. Gleichzeitig entstehen zunehmend B2B-Unternehmen wie Small Improvements oder Sociomantic, die Erfolge vorweisen können.

Die Startup-Szene in Berlin, die selbst noch ein Startup ist, wird nach dem Hype erwachsen. Es ist ein Umbruch, der gerade zum Aufbruch wird.

Aber man kann Geschichten eben so oder so erzählen.

Bild: PantherMediat/steba; Disclaimer: Team Europe ist Gesellschafter der Vertical Media GmbH, dem Medienhaus von Gründerszene. Weitere Informationen zur Vertical Media GmbH hier. www.vmpublishing.com; Korrektur, 20.2.2014, 10.00 Uhr: Wir hatten Caroline Drucker als Etsy-Deutschland-Chefin bezeichnet, sie ist inzwischen jedoch verantwortlich für das Global Brand Design bei Etsy, wir bitten den Fehler zu entschuldigen.