Ist der Mann nervös? Oder baut Oliver Samwer einfach nur überschüssige Energie ab? Jedenfalls wippt er an diesem klirrrend kalten Dienstagmorgen um 9 Uhr unter dem Schreibtisch unaufhörlich mit den Beinen. Als ob er sich für die anschließende Jogging-Tour warm machen würde. Nach der Verkündung des neuen „Rocket Internet Capital Partners Fund“ nimmt sich der Chef von Rocket Internet noch ein bisschen Zeit, um den versammelten Journalisten in der Zentrale seiner Firma zu erklären, wie er den Stand seines Unternehmens derzeit sieht. Der Absturz der Rocket-Aktie und einige negative Schlagzeilen gehen ihm offensichtlich an die Nieren.

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Ja. Das Jahr 2015 ist nicht gut gelaufen. Das sei aber in seinem Geschäft ganz normal, versucht sich Samwer an einer Erklärung. Das Führungsteam bei Rocket sei entgegen Meldungen in den den Medien stabil und „unverändert stark“ geblieben. Samwer legt Wert darauf, Selbstbewusstsein zu demonstrieren. Das Umfeld sei derzeit schwierig, Internet-Aktien nicht mehr so sexy. Die Märkte seien halt verrückt. Rocket wolle trotzdem bei seiner Strategie bleiben und weiter Unternehmen bauen, die „Basistrends“ bedienen: Food, Reise und E-Commerce.

Dafür brauche es aber Zeit, wirbt Samwer um Verständnis – Startups aus seiner Schmiede benötigten mindestens fünf Jahre, um profitabel zu werden. „Skalierungskurve“, nennt er diesen Prozess. Und Kurven haben eben auch Talsohlen. Wie im Jahr 2015. Aber Samwer verbreitet Hoffnung für seine Aktionäre und Investoren: 2016 würden deutlich weniger Verluste gemacht werden. Trotzdem werde es ein „Jahr der Verunsicherung“. Für das Jahr 2017 prognostiziert der Rocket-Chef einmal mehr, dass drei seiner sogenannten „Proven Winner“ profitabel werden würden.

Ich verlasse den nervös pulsierenden Brutkasten für neue Digitalunternehmen in der Nähe der Berliner Friedrichstraße und mache mich auf den Weg durch die vereisten Straßen in die Gründerszene-Redaktion. Hat hier jemand in den vergangenen Monaten Aktien von Rocket gekauft? Offenbar nicht. Doch das mag auch an der Kapitalausstattung der Mitarbeiter liegen.

Am nächsten Tag geht es nach Frankfurt. Die Fachzeitschrift Horizont hat zum Deutschen Medienkongress geladen – und alle sind gekommen. Wohin geht die Reise der Medien und der Werbung in diesen ungemütlichen Zeiten, wird mal wieder gefragt. Und es ist schon erstaunlich, dass nach all den Jahren mit dem iPhone in unserer Tasche immer noch so viele Klischees durch den Prachtbau der Alten Oper schwirren.

Ein paar Beispiele? Ok. Here we go: Wer wirklich etwas verstehen will, liest lieber Print. Online wird doch nur von Leuten genutzt, die sich mit Infohäppchen abspeisen lassen. Katzenfotos sind doof und unterkomplex. Wo bleibt denn die Haptik? Vor allem lange Texte sind journalistisch wertvoll. Werbung muss heutzutage gute Geschichten erzählen.

Die Digitalisierung hat den Journalismus in tausende Splitter zerplatzen lassen. Es gibt ihn eigentlich gar nicht mehr. Er hat sich selbstständig gemacht und wächst und wuchert in unübersichtlich viele Richtungen. Und das auch noch sehr schnell. Das ist für die Macher ziemlich ungemütlich. Aber für die Nutzer auch. Es gibt eine nie zuvor erlebte Freiheit, sich seinen ganz privaten Kosmos der Information selber zu formatieren. Auch mit fotos von niedlichen Katzen. Aber Freiheit kommt leider auch immer mit Verantwortung.

Es ist schon niederschmetternd, welchen gequirlten Quatsch intelligente Freunde manchmal in meinen Facebookstream posten. Fake, Unsinn, Propaganda. Nur, weil es gerade so schön zur eigenen Haltung passt. Wir leben in der digitalen Steinzeit und müssen noch viel lernen, bis wir wenigstens im Mittelalter ankommen. Aber die Hoffnung bleibt: Es geht ja alles viel schneller digitalen Zeiten.

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In meinem viel gelesenen Artikel über Blockchain hatte ich bereits vor einigen Tagen angedeutet, dass diese Technologie eine echte Revolution darstellt. Sie hat eben nicht nur mit der virtuellen Währung Bitcoin zu tun, sondern ist auch in anderen Bereichen einsetzbar. Bei allen Arten von Verträgen oder wenn es um Urheberrechte geht. Jetzt gibt es ein Startup, das mit Blockchain dem Giganten Uber Konkurrenz machen will. LaZooz Ri aus Israel baut an einer App, mit der man wie bei einem Taxi oder bei Uber nach Fahrgelegenheiten sucht. Im Idealfall sollen keine Geldtransaktionen mehr nötig sein.

Wir von Gründerszene halten uns jedenfalls an diesem Wochenende mit Geldtransaktionen zurück. Auch mit Investments in Rocket. Zumindest bis die Skalierungskurve wieder nach oben zeigt. Bis dahin hören wir Musik.

Es ist alles nicht ganz einfach. Glenn Fry von den Eagles ist auch von uns gegangen. Take it easy. Ok. Wir arbeiten dran. 

Wo wir gerade in den 70er-Jahre sind. Hier kommt eines der schönsten Liebeslieder aller Zeiten. Ausgerechnet von Randy Newman. Zyniker haben offenbar eine extrem sentimentale Ader.

Und dieser Mann hat offenbar viel 70er-Jahre-Musik gehört. Mac Demarco lässt die Gitarren herumeiern, dass es eine Freude ist.

Foto: Youtube / Screenshot / Mac Demarco