Wowereit Startupszene

Gleich 55 Vertreter aus der deutschen Startup- und Digitalszene waren am gestrigen Abend der Einladung des Regierenden Bürgermeisters in die Berliner Senatskanzlei gefolgt. Gut drei Stunden wurde über Themen wie Finanzierung, Netzwerken oder das Schachtelprivileg diskutiert – Wowereit selbst blieb bis spät in die Nacht und präsentierte sich interessiert und tatenwillig.

Internet-Klassentreffen bei Wowi

Es war eine bunte Mischung, die Klaus Wowereit und sein Team gestern ins Rote Rathaus luden. Neben Vertretern von IBB, Berlin Partner und dem Bitkom waren auch zahlreiche Unternehmer wie Lars Hinrichs, Christian Vollmann, Felix Petersen, Constanze Buchheim, Fabian Siegel, Jörg Rheinboldt, Fabian Heilemann oder Ijad Madisch vor Ort. Mit Simon Schäfer, Alexander Kudlich und Christian Nagel fanden auch Vertreter der eher unterrepräsentierten Geldgeberseite zum Kennenlerntreffen. Gründerszene zählte zu den wenigen Pressevertretern. Die Einladungsliste – zusammengestellt aus einer Mischung von Anfragen, die in den vergangenen Monaten beim Senat aufgelaufen waren und Recherchearbeit des Teams von Wowereit, verriet ein Mitarbeiter.

Im Kern sollte es um die Interessen echter Gründer gehen, die an fünf großen Roundtables Platz nahmen, um sich zu den Themen Finanzierung, Netzwerken, Köpfe, Infrastruktur und Wachstum auszutauschen. Fünfminütige Zusammenfassungen durch je einen Sprecher brachten Wowereit dann die Befunde der heterogenen Gruppenverbünde näher. Wowereit selbst bezog durch einen kurzen Impulsvortrag Stellung und verortete anschließend jeden der Kurzvorträge in einer kompakten Zusammenfassung.

Im Anschluß an die unterschiedlichen Themenfokussierungen kam es dann zu einer Diskussion, bei der die Startup-Community ihre Wünsche und Erwartungen an den Berliner Bürgermeister vortrug:

  • Wowereit solle sich New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg zum Vorbild nehmen und zum internationalen Netzwerker der Szene werden. Speziell im Bereich Later-Stage-VC könnte Berlins Regierender zum Katalysator für Finanzierungen werden, indem er internationale VCs nach Berlin holt.
  • Zentral für die Szene ist auch die Abgabe eines digitalen Leitbildes für die digitale Wirtschaft bis 2020. Die digitale Wirtschaft solle als ein zentrales Wachstums-Cluster begriffen werden. Gelinge es, die digitale Wirtschaft in einem Cluster zu vereinen, ließen sich viele Synergien erzielen.
  • Natürlich möge Wowereit auch die Steuer gegen Unternehmertum im Bundesrat nicht unterstützen. Berlin hatte im Bundesrat zunächst für die Empfehlung gestimmt. Wowereit versprach sich das Thema anzusehen. Wirtschaftsminister Philipp Rösler positionierte sich im Treffen mit Gründerszene dazu bereits pro Unternehmertum.
  • Darüber hinaus fehlt es der deutschen Startupszene an einem Ansprechpartner in der Politik, während der Abbau von Hemmnissen bei Behördengängen (Stichwort Visa) wohl ein Evergreen ist.
  • Auch das Zusammenbringen von Universitäten und Unternehmen gelingt im Berliner Raum nur sehr zögerlich. Entsprechende Bedürfnisanpassungen bei den Studiengängen zählen daher zu den wichtigen Anliegen.
  • Mit den üblichen Standort-Marketing-Maßnahmen dürfte sich Wowereit bestens auskennen. Die Präsenz der Politik wird dabei ein zentrales Element, um die Wichtigkeit der Startupszene hervorzuheben.

Der Regierende Bürgermeister erörterte diese und andere Forderungen im Verbund mit den staatlichen Organen Berlin Partner sowie der Investitionsbank Berlin und stellte einen weitergehenden, ergebnisorientierten Dialog in Aussicht. Ein Wunsch, der dabei von Wowereit durchklang: Die Startupszene müsse sich besser organisieren. Die Politik setze die Rahmenbedingungen und könne diese dann am besten anpassen, wenn die Startupszene mit einer starken Stimme spreche. Ansätze wie den neuen Bundesverband deutscher Startups begrüßte Wowereit.

Herr Wowereit, übernehmen Sie.

Nach Treffen mit der Politik liegt die Frage nach dem weiteren Vorgehen stets nahe. Was passiert nun mit den gemachten Erfahrungen? Wird es Veränderungen geben und wenn ja, welche? Grundsätzlich war das Aufeinandertreffen des gestrigen Tages der erste Schritt in einem Dialog, der nun vertieft und konkretisiert werden soll. Die Senatskanzlei präsentierte sich interessiert und kommunikationsbereit – wie realisierbar das Geforderte ist, blieb aber weitestgehend offen. Deutlich wurde allerdings: Es wird nicht bei einem Termin bleiben.

So stellte Wowereit etwa klar, dass das Schachtelprivileg unter steuerpolitischem Blickpunkt einer genauen Prüfung bedarf, bevor er zu einer Aussage in die eine oder andere Richtung bereit ist. Und während er sich schaffensbereit und interessiert zeigte, unterstrich Wowereit auch die Notwendigkeit der Selbstverantwortung – ein bisschen wie der Leitspruch der Bundesagentur für Arbeit: Fördern und Fordern, wer etwas haben möchte, muss selbst auch etwas dafür tun. Oder wie Kennedy es einst formulierte: “Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern was du für dein Land tun kannst!”

Also alles beim Alten – die Politik spielt den Ball zurück und bleibt jenseits der Gespräche selbst passiv? Jein. Die Berliner Startupszene konnte einen wichtigen ersten Erfolg erzielen: Sie hat es auf das politische Radar der Landespolitik geschafft und trifft dort auf offene Ohren. Der erste Schritt einer Dialogreihe ist genommen und im persönlichen Gespräch mit Gründerszene stellte Wowereit klar, dass er Taten und Ergebnisse folgen lassen wolle, weil ein versandender Dialog nur Frustration auf allen Seiten produziere.

Großer Vorteil auch: Das Team hinter Wowereit und dem Chef der Berliner Senatskanzlei Björn Böhning zeigte sich im Gespräch sehr engagiert und wird das Thema ersten Vermutungen nach auf der Agenda halten. Nun bleibt abzuwarten, wie dieser Dialog weitergeht, Wowereit gibt sich zumindest interessiert und blieb zum persönlichen Plausch bis halb elf in der Nacht.

Wowereit zeigte sich übrigens interessiert an einer Ablösung des Arm-aber-sexy-Leitspruchs. Eine erste Idee wurde gestern bereits hervorgebracht: Wowereit könnte sich künftig Gründermeister nennen. Weitere Ideen aus der Startupszene sind gern gesehen.

Mitarbeit: Nora-Vanessa Wohlert

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