Xing versus Linkedin

Xing/Linkedin: Gute Zahlen, wenig Pepp

Ein Abgesang auf Xing wäre sicherlich verfrüht. So hat das Hamburger Unternehmen erst kürzlich auf eine Reichweitenmarke von fünf Millionen Unique Usern pro Monat verwiesen und beruft sich auf ein solides Mitgliederwachstum: Im deutschsprachigen Raum habe man derzeit 6,3 Millionen Mitglieder, davon 786.000 zahlende. Auch US-Konkurrent Linkedin hat gerade erst einen ordentlichen Anstieg des Nettoergebnisses von rund fünf Millionen US-Dollar im ersten Quartal 2012 auf 22,6 Millionen US-Dollar in den ersten vier Monaten des laufenden Jahres vermeldet. Der Umsatzzuwachs um 72 Prozent auf 324,7 Millionen US-Dollar kann sich ebenfalls sehen lassen.

Gleichermaßen wiegt das strategische Vakuum schwer, in dem sich insbesondere Xing schon seit einer Weile zu bewegen scheint. Beim deutschen Unternehmen scheint man alle Internationalisierungs-Ambitionen endgültig beerdigt zu haben. Erste Schritte in die Türkei oder nach Asien hatten nicht funktioniert, das hat tiefe Wunden hinterlassen. Auch unter dem neuen Eigentümer Burda scheint wenig frischer Wind zu wehen.

Sich allein im deutschsprachigen Raum zu halten, dürfte auf absehbare Zeit für das Hamburger Unternehmen allerdings schwer werden: Mit einem überaus unscharfen eigenen Profil bietet Xing aus Nutzersicht kaum Vorteile gegenüber dem international verfügbaren Linkedin. Zwar finden sich auf der Plattform eine Vielzahl an Diskussionsgruppen, die das wohl wertvollste Asset des Netzwerks darstellen. Ein echtes Alleinstellungsmerkmal sind diese allerdings kaum, denn längst hat Linkedin ein entsprechendes Angebot aufgebaut.

Unscharfe Profile der Plattformen

Beim Blick auf beide Portale fällt derweil auf, wie sehr diese in der Vergangenheit hängen geblieben scheinen. Vergleicht man die Auftritte mit anderen sozialen Netzwerken, wird die Altbackenheit schnell deutlich. Unnötig viele Klicks für simple Funktionen wie Kontaktanfragen beantworten, Nachrichten lesen – hinzu kommen lausige Mobile-Angebote. Das ärgert die Nutzer. Und es verleitet sie, die eigentlich einmal „privaten“ Netzwerke, auf die sich ohnehin kaum verzichten lässt, auch immer öfter für Geschäftskontakte zu nutzen. Da hilft auch erst einmal nicht, dass sich selbst hier immer stärker die Lethargie breit macht und der Hang sowohl zur Selbstdarstellung als auch das Interesse am Geposte anderer schwindet.

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Zwar werden die Karrierenetzwerke all zu bald kaum gänzlich überflüssig werden, zumindest so lange Facebook & Co. kein entsprechendes Angebot starten. Derzeitige Alleinstellungsmerkmale wie Übersichten der letzten Besucher des Profils und eine im Vergleich zu Facebook zumindest gefühlt seriösere Möglichkeit, Kontakt aufzunehmen, werden aber kaum reichen – schon gar nicht für zwei Anbieter im Markt. Gruppen, Foren, Jobsuche, Business-Stammtische oder der jüngst vorgestelle Marktplatz für Freiberufler könnten zwar generell attraktive Angebote sein, auch für die wichtigen bezahlwilligen Kunden. In ihrer gegenwärtigen Form und Darstellung dürften für viele Benutzer aber eher im Hintergrund stehen. Mit reinen Präsenzseiten lässt sich aber kein Geld verdienen.

Natürlich ist das Ausbleiben einer radikalen Neugestaltung zu einem kleinen Teil auch der Klientel der Karrierenetzwerke geschuldet, die sich von den typischen Facebook-Nutzern vor allem beim Alter unterscheidet. Unübersichtlich und schwer bedienbar müssen sie deshalb nicht sein. Entsprechend nachzüglerisch wirkt auch der jüngste Vorstoß des US-Anbieters Linkedin, die Profile mit Fotos und Videos aufzubohren. Selbst dem hinkt der deutsche Konkurrent Xing derweil hinterher, auch wenn dem Vernehmen nach ganz Ähnliches bereits in der Planung sei. Damit reagiert Xing nur, agiert aber nicht. Eine ausgeklügelte (Wachstums-)Strategie sieht anders aus.

Langfristig überlebt nur ein Anbieter

Die nächsten Schritte für Xing liegen auf der Hand: Die Hamburger dürften sich neben einer unumgänglichen Politur der Nutzeroberfläche aufgrund der lokalen Verankerung immer stärker als Jobbörse etablieren, was nicht zuletzt das Burda-Geschäft mit Kleinanzeigen ergänzt und damit auch im Interesse des neuen Eigentümers ist. Auch hier wächst der US-Konkurrent schnell, gleichwohl liegt Xing hierzulande noch eindeutig vorn. Trotz Linkedin-Übermacht gibt es zudem noch einige Branchen, die bezogen auf die DACH-Region allein auf Xing vertreten zu sein scheinen. Sobald ein internationaler Bezug existiert, was zunehmend der Fall sein wird, stellt derweil Linkedin längst die bessere Plattform dar. Und warum sollten Nutzer – bei all der Profillosigkeit der beiden Netzwerke – gleich zwei Profile pflegen?

Apropos: Dass sich Startups und ihre Mitarbeiter vor allem auf Linkedin tummeln, wurde vor Kurzem erst an anderer Stelle statistisch erhoben. Spaßiges Detail der Untersuchung: Der Accelerator HackFwd von OpenBC/Xing-Gründer Lars Hinrichs hat bei LinkedIn dreimal mehr Mitarbeiterprofile als bei Xing. Das bei Linkedinsider getroffene Fazit lässt sich derweil guten Gewissens unterschreiben: Für Gründer und Startups ist die Präsenz auf Linkedin unerlässlich – bei Xing kann man ein Unternehmensprofil haben, muss man aber nicht. Schon gar kein bezahltes.

All dies soll das ursprüngliche Konzept von Hinrichs‘ Xing oder Reid Hoffmans Linkedin gar nicht in Frage stellen. Allerdings fehlt schon seit einer Weile eine gewisse Bewegung. Genau die fordern die Nutzer aber immer stärker – wer nicht liefert, wird seine Kunden nicht halten können, zumal die Grenzen zwischen Netzwerken wie Facebook, dem gerade erst aufgebohrten Google+, Linkedin, Xing oder anderen Anbietern immer mehr verwischen. Und bis auf Letzteres sind alle international ausgerichtet. Auch wenn Xing derzeit also noch eine Daseinsberechtigung besitzen mag, wird beim gegenwärtigen Stand der Dinge langfristig jedenfalls nur einer der beiden (Business-)Anbieter durchsetzen können. Und an einen großen Exit an Linkedin dürfte bei Xing und Burda sicherlich kaum jemand mehr glauben.

Bild: Petra Bork / pixelio.de