Die Live-Stream-Plattform YouNow steht in Deutschland heftig in der Kritik, unter anderem werden Sorgen um fehlenden Jugendschutz laut. Wir sprechen mit YouNow-Gründer und CEO Adi Sideman über die Kritik am „Live-Stream aus dem Kinderzimmer“, die Idee hinter seinem Startup und seine Dokumentation über die Pädophilen-Organisation NAMBLA.

Wie kamst Du auf die Idee zu YouNow?

Lass‘ mich erst einmal meine Vorgeschichte erklären: Ich habe mich bereits während meines Bachelors in „Film and Television“ an der New York University und meines Masters an der NYU Tisch School of the Arts intensiv mit Videos und User-Generated-Content beschäftigt. Über die Jahre habe ich eigene Online-Spiele und interaktive Videos kreiert.

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Auch ist YouNow nicht mein erstes Startup: Unter anderem habe ich den weltweit ersten Online-Karaoke-Dienst, Ksolo, gegründet.

Ich hatte den Gedanken für eine interaktive Plattform mit User-Generated-Videos wohl schon immer im Hinterkopf. Ein Netzwerk von dem Publikum für das Publikum, wenn man so will. Eine Live-Stream-Plattform wie YouNow ist eine Art heiliger Gral im Bereich der Videoproduktion. Nicht nur für mich, sondern für alle in dieser Branche.

Wer ist Euer Zielpublikum?

Wir wollten immer alle Menschen erreichen. Es sollte eine Plattform für jedermann sein. Und wir haben 150.000 Broadcasts pro Tag – es funktioniert also. Unsere Nutzer sind nicht nur Jugendliche, obwohl sie auch ein wichtiger Teil der Community sind.
Um mit YouNow noch mehr potentielle Kunden erreichen zu können, arbeiten wir zurzeit an besseren Content-Management-Systemen. Ein Beispiel: Die Suche nach Broadcasts über bestimmte Interessen oder Themen soll verbessert werden, sodass der Nutzer leichter für ihn interessante Streams finden kann.

YouNow wurde 2011 gegründet. 2014 kam erst der Hype. Was war da los?

YouNow vereint viele aktuelle Trends, die vielleicht vor ein paar Jahren noch nicht so präsent waren. Jeder hat heute eine Kamera in seiner Tasche, es gibt überall WLAN und gute Handynetz-Verbindungen, Reality-TV ist beliebt, Selbstvermarktung ist alltäglich, genauso wie soziale Netzwerke.
Auch ist es natürlich Teil des Startup-Lebens, dass ein Produkt kontinuierlich verbessert wird und sich verändert. Dass einschneidende Veränderungen vorgenommen werden, wenn der gewünschte Erfolg ausbleibt. Und das haben wir gemacht. Wir haben das Produkt verbessert.

Wie habt Ihr das gemacht?

Zum einen haben wir eingeführt, dass unsere Nutzer die Themen der Broadcasts selber aussuchen können. Am Anfang war es so, dass es auf YouNow vorgegebene Themen gab, zu denen die Leute streamen konnten. Es war nicht möglich, eigene Kategorien zu entwerfen.
Die Nutzer mussten sich auch „anstellen“, bis sie streamen konnten. Es ging nicht alles gleichzeitig. Viele Leute sind daher abgesprungen, weil sie nicht warten wollten. Jetzt können alle gleichzeitig senden.
Auch waren wir damals sehr browserlastig. Dann haben wir angefangen, uns auf Apps zu konzentrieren. Mittlerweile greifen auch tatsächlich 90 Prozent der Nutzer via Mobile App auf die Plattform zu.
Ein weiteres Feature, das wir entfernt haben, war der sogenannte „Thumbs Down“-Button. Mit dem konnte man die streamende Person aus dem Kanal wählen, wenn sie einem nicht gefallen hat.

Wie waren die Reaktionen auf YouNow in anderen Ländern? Haben sich genauso viele Leute beschwert wie in Deutschland?

Insgesamt wurden YouNow sehr gut aufgenommen. Die internationalen Reaktionen waren sehr positiv – außer die aus Deutschland.
Unser wichtigster und positivster Markt sind die Vereinigten Staaten. Aber auch andere Länder sind begeistert und sehen das kreative Potential von YouNow. Und das ist riesig.
Lass mich ein Beispiel nennen: Mister Cashier arbeitet in einem Deli in Queens. Jeden Tag legte er sein Handy auf die Kasse und filmte sich dabei, wie er Kunden bediente und Fratzen schnitt. Der Zuschauer hat die Kunden nie gesehen, nur Mister Cashier. Das ist eine ganz witzige Geschichte, sein Broadcast hat immer mehr Zuschauer bekommen. Daraufhin hat Mister Cashier sich mit uns in Verbindung gesetzt und wollte über eine Zusammenarbeit reden: Er wollte mit seinem Broadcast Geld verdienen, um die hohen Mobilfunkgebühren zu decken. Also haben wir uns zusammengeschlossen. Und mittlerweile verdient er mit seinem Broadcast mehr als in dem Deli.
Dieser Typ wäre sonst wahrscheinlich nie berühmt geworden. Aber durch YouNow – und unserem Versuch Reality-TV zu demokratisieren – hat er es geschafft.
Wir haben viele Beispiele für talentierte Leute, die sich auf YouNow vermarkten. In Deutschland sind es ein paar Dutzend.

Also Mister Cashier bekommt für erfolgreiches Broadcasting Geld von Euch. Und wie finanziert sich YouNow?

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Die Nutzer können Geschenke einkaufen und diese im Chat verschicken. Oder auch 50 „Thumbs Up“ für den Broadcaster, die dann dafür sorgen, dass der Streamer im Ranking höher aufsteigt. Alternativ kann man auch sogenannte Superchat-Nachrichten kaufen. Denn wenn man nur ein Zuschauer von 50.000 ist, dann hat man erst einmal keine Chance seine Nachricht im Chat abzuschicken. Kauft man jedoch einen „Superchat“, wird der Beitrag auf jeden Fall gesendet und von dem Broadcaster registriert.

Was sagst Du zu der Kritik, die in Deutschland geäußert wurde. Der mangelnde Jugendschutz und die Pädophilie-Vorwürfe?

Ich verstehe die Sorgen, die sich Eltern machen, sehr gut. Deshalb kann ich ihnen nur raten, mit ihren Kindern zu sprechen und sie über die Gefahren des Internets aufzuklären. Mein persönlicher Ratschlag an die Kids ist: Tue online nichts, was Du nicht auch offline tun würdest.
Aber natürlich übernehmen wir, als YouNow, extra Verantwortung dafür, dass junge Menschen bei uns sicher sind. Deshalb sind unsere Live-Moderatoren in den Chats – 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Auch sogenannte YouNow-Botschafter, ganz normale Nutzer der Plattform mit besonderen Rechten, passen innerhalb der Community auf, dass sich alle an die Regeln halten. Außerdem kann jeder Nutzer jeden Verstoß melden und sollte das auch tun.
Wir haben sogar eine Technologie, die „böse Wörter“ im Chat herausfiltert und uns den Absender zur Kenntnis bringt.
Aber ich finde es gut, dass YouNow dazu geführt hat, dass eine Diskussion entstanden ist. Eltern müssen sich darüber aufklären, was ihre Kinder im Internet so treiben. Das ist ein wichtiges Thema – und wahrscheinlich sehr unterschätzt.

Als Student hast du vor 20 Jahren den Anti-Pädophilie-Film „Chickenhawk – Men Who Love Boys“ gedreht, der sich mit der Pädophilen-Organisation NAMBLA auseinandersetzt. Nun wird dein aktuelles Unternehmen als „Paradies für Pädophile“ beschimpft. Was sagst du dazu?

Es ist sicherlich ironisch, dass sich mein Unternehmen, YouNow, unberechtigterweise mit dieser Kritik auseinander setzen muss, denn auf diesem Feld bin ich ein Experte. Ich habe mich als Student mit dem Thema Pädophilie auseinander gesetzt, es akademisch recherchiert und im Jahr 1993 die Dokumentation „Chickenhawk“ produziert – die übrigens preisgekrönt ist. Heute hilft mir dieser Hintergrund, um die Sicherheit zu gewährleisten.
Ich sehe mich als eine Art „Trust and Safety“-Botschafter in diesem Bereich und nehme auch regelmäßig an Vorträgen in Akademien und an Universitäten teil.
Aufgrund meiner Expertise will und muss ich natürlich besonders darauf achten, dass unsere jungen Nutzer in Sicherheit sind. Dafür haben wir nicht nur die bereits genannten Sicherheitsvorkehrungen getroffen, sondern arbeiten auch mit Organisationen und Verbänden zusammen, um Kinder und Jugendliche vor pädophilen Übergriffen zu schützen. Wir tun sehr viel, um das Bewusstsein der Eltern und ihrer Kinder zu schärfen.

Möchtest Du darüber reden, warum Du den Film damals gemacht hast?

Als ich aufwuchs, hatte ich schlimme Erlebnisse mit Tätern in meiner Nachbarschaft. Als Student wollte ich dann erforschen, was diese kranken Menschen denken.

Adi, vielen Dank für das Gespräch.

Bild: YouNow