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Vor der Kamera hoppeln Meerschweinchen in ihrem Käfig auf und ab. Auf einem Holzstück liegt ein Zettel mit dem Link zu einem YouTube-Kanal. Sonst passiert nichts. Das ist also das Internet-Monster, von dem alle reden?

Der YouNow-Kanal ChanMachtSo, der hinter dem Haustier-Broadcast steckt, hat mehr als 12.000 Fans. Chan, der eigentlich Sven heißt, hat außerdem unter ChanUndSo einen eigenen YouTube-Kanal mit fast 240.000 Abonnenten. Ob es interessant ist, Meerschweinchen beim Hüpfen zuzuschauen, sei dahingestellt. Die virale Reichweite ist jedenfalls beeindruckend.

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Auch Denny hat mit seinem YouNow-Kanal DennysBlog mehr als 13.000 Fans. Der Jugendliche reißt Witze, verändert seine Stimme, wirkt wie ein Comedian. Warum streamt er? Weil er es liebe, Menschen zu unterhalten, sagt er, als er unsere Frage im Chat liest. Mehr Aufmerksamkeit schenkt er uns nicht – dafür sorgen andere Kommentare, die im Sekundentakt im Live-Chat auftauchen. Denny hat auch eine offizielle Facebook-Seite, einen Instagram- und einen Twitter-Account.

DennysBlog und ChanMachtSo sind damit nicht allein. Denn viele YouNower haben nicht nur einen Live-Stream, sondern verbreiten sich auch auf anderen sozialen Netzwerken. Gekonnte Selbstvermarktung. Und das teilweise mit einem Erfolg, auf den manch ein Unternehmen neidisch sein könnte.

Lukas Rieger, der unter dem gleichnamigen Kanal auf YouNow zu finden ist, hat neben den typischen Kanälen sogar eine eigene Webseite. Dort promoted er, wie in den Live-Streams, seine Musik. Wir versuchen, Lukas zu fragen, warum er YouNower ist. Unser Kommentar wird nicht einmal abgeschickt, die mehr als 700 Zuschauer überfordern die Chatfunktion. Vor lauter Herzchen sieht man den weißen Hintergrund nicht. Lukas ist eindeutig ein Teenie-Schwarm und seine Fans verliebte Teenies. Früher standen Fans auf Konzerten und wurden ohnmächtig, wenn sie dachten, ihr Lieblingspopstar habe ihnen kurz in die Augen geschaut. Heute haben Lukas’ Fans den Vorteil, dass er sogar ihre Fragen beantwortet – wenn sie es schaffen, sie abzuschicken.

Eine riesige Community entwickelt sich auf der Plattform – und dass live und für alle zugänglich. Oft sind mehrere Jugendliche gleichzeitig vor der Kamera. Man hört: „Ist das nicht der und der?“ oder „Kennen wir den nicht von da und da?“. Auch Jessi aus Berlin ist wegen der Gemeinschaft bei YouNow, erzählt sie gegenüber Gründerszene. „Durch YouNow habe ich so viele neue Leute kennengelernt, wie etwa Caro. Seit wir uns kennen, hängen wir jede freie Minute zusammen. Wir haben auch seit 2 Wochen Kev aus Saarbrücken zu Besuch,“ so die 21-jährige. Eine Freundin habe ihr von der Plattform erzählt – und erst dachte sie, es wäre „totaler Müll“. Mittlerweile mache es Spaß – auch, weil ihre Zuschauer sich freuten, wenn sie online geht.

Also alles nett und harmonisch? Weit gefehlt. Denn wir haben unangebrachte Fragen zu Themen wie Oralsex gelesen, als wir uns auf der Plattform umgesehen haben. Was sagt Jessi dazu? „Ich werde auch schon mal gefragt, ob ich meine Füße zeigen kann oder ob ich Gummihandschuhe habe. Total crazy,“ erzählt sie. Was noch schlimmer sei: „Dass Kinder ab 11 Jahren dabei sind. Und das manchmal auch mitten in der Nacht.“ Sie sei dafür, dass YouNow strenger kontrolliert werde.

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Ihre Freundin Caro fing bei YouNow an, weil sie anderen Leuten zuschauen wollte. Eine YouTuberin hat ihr davon erzählt. Auch sie fände mehr Kontrolle gut. Sie selbst versuche, keinen Jugendlichen unter 14 Jahren zuzugucken – das fände sie „komisch“. Die Moderatoren seien allerdings auch ab und zu im Chat und fragten, ob alles ok sei, verteidigt Caro die Plattform. Die 19-jährige aus der Nähe von Berlin stört es anscheinend nicht, wenn sie beleidigt wird oder obszöne Kommentare bekommt: „Beängstigend finde ich das jetzt nicht. Ich bin alt genug, um zu wissen, wie ich damit umzugehen habe. Von mir werden diese Sachen einfach strikt ignoriert. Wenn er oder sie nicht aufhört, wird er halt gemeldet oder sogar geblockt,“ erzählt sie.

Fehlende Kontrolle: Genau deswegen steht YouNow in der Kritik. CEO Adi Sideman sei froh, dass eine öffentliche Diskussion über Jugendschutz im Internet angestoßen wurde, erzählt er gegenüber Gründerszene. Eltern sollten sich besser bewusst sein, was ihre Kinder im Internet treiben. „Aber wir arbeiten natürlich auch daran, die Sicherheit auf unserer Seite zu verbessern. Wir haben nicht nur mehr Moderatoren eingestellt, sondern auch Tools hinzugefügt, die es einfacher machen sollen, eine unangebrachte Nutzung von YouNow zu melden,“ so Sideman.

Wenn soziale Netzwerke kritisiert werden, dann oft, weil diese angeblich echte Freunde ersetzen. Facebook-Freunde, Twitter-Follower. Keine Zeit mehr für reale Intimität. Streamen junge Menschen also in ihr Schlafzimmer, weil sie sich einsam fühlen? Die beiden Freundinnen sind sich nicht einig: „Ich glaube, sie machen es nicht, weil sie einsam sind. Also nicht ausschließlich deswegen. Ich denke, viele möchten einfach nur Aufmerksamkeit oder wollen sich die Langeweile vertreiben,“ findet Caro. Laut Jessi kann es aber schon ein Grund sein: „Es kann sein, dass junge Leute, die sich einsam fühlen, einfach Kontakt zu anderen finden möchten. Aber es gibt auch Leute, die einfach kommen und gute Laune verbreiten wollen. Und ich muss sagen, bei vielen klappt es.“

Seit sie streamen, habe die Plattform ihre Leben stark beeinflusst, gibt Caro zu. Zum Beispiel habe ihr Bewerbungsschreiben darunter gelitten. Das sei nicht nur bei ihr so, viele YouNower vernachlässigten die Schule oder die Arbeit, so Caro. Man könne mit ansehen, wie YouNow bei manchen Leuten zum Leben wird. Und das sei traurig.

Dann machen sich die beiden Mädels wieder daran, ihre Live-Streams vorzubereiten. ChanMachtSos Meerschweinchen sind mittlerweile eingeschlafen.

Bild: Screenshot Younow