Vorhang auf! Da ist sie. Die neuste und schlimmste Bedrohung unserer Kinder, seit es das Internet gibt. Zu den vielfältigen Gefahren der Livestream-Plattform YouNow hat sich inzwischen sogar Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) geäußert. Wie immer, wenn Kinder etwas tun, was Erwachsene nicht regulieren und überwachen können, geht man einfach vom Schlimmsten aus. In den Überschriften der Medien liest sich das dann so:

„Online-Striptease im Kinderzimmer“

„YouNow: Ich war ein Opfermädchen“

„De facto sexuelle Belästigung“

„YouNow: Die Kinder können beobachtet werden“

„Pädophile auf Kinderjagd“

Bei Ministerin Schwesig klingt das dann so: „Kommunikationsplattformen wie YouNow sind für Kinder gefährlich und für Jugendliche problematisch. Wer diese Plattform nutzt, ist unmittelbar für alle im Internet sichtbar. Kinder und Jugendliche sind der Gefahr ausgesetzt, ein leichtes Opfer sexueller Belästigung zu werden. Zudem besteht die Gefahr, Opfer von Cyber-Mobbing zu werden. Viele Jugendliche kennen das bereits.“

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Die Idee von YouNow ist ganz einfach. Jeder kann dort nach kurzer Anmeldung mit dem Twitter- oder Facebook-Account Livebilder per Smartphone- oder Computerkamera ins Internet streamen. Eigentlich sollte das Portal von CEO Adi Sideman vor allem Musiker und Youtuber ansprechen. Doch es kam – wie so oft mit Ideen für das Internet – anders. Kinder und Jugendliche kaperten die App und senden jetzt live, von Schulhöfen oder aus ihren Kinderzimmern. In den vergangenen zwei Monaten soll die Zahl der deutschsprachigen Nutzer laut Firmenangaben um 250 Prozent gestiegen sein. Entsteht da gerade ein neuer Internetstandard in Sachen Livestreaming?

Wir haben uns am Sonntagnachmittag angeschaut, was auf YouNow los ist. Es begann eine etwas bizarre Reise durch deutsche Jugend- und Kinderzimmer. Ein unheimliches Gefühl, live hinter die Kinderzimmertüren zu schauen. Die meisten Teenager liegen etwas gelangweilt auf ihren Teenagerbetten oder sitzen vor ihren PCs am Schreibtisch. Sie erzählen von ihrer Lieblingsmusik, von ihren Lieblingsstars, von Freunden, der Schule oder von ihrer Laune. An diesem ganz normalen Sonntagnachmittag in Deutschland dreht es sich vor allem um Langeweile. Es passierte also vor allem – das ganz normale Leben.

Die meisten Teenager erzählen auf YouNow wahrscheinlich mehr über sich, als beim gemeinsamen Mittagessen am Familientisch. Vielleicht sollten sich die Eltern einfach mal live ins Kinderzimmer schalten und zuhören, anstatt einfach nur Verbote auszusprechen. Ja, es ist ein merkwürdiges Gefühl, den jungen Leuten bei ihrem ganz normalen Leben zuzusehen. Sie selber gehen völlig unbefangen damit um und zeigen, dass ihre Medienkompetenz erheblich höher ist, als es Psychologen, Datenschützer und Erziehungsberechtigte wahrhaben wollen.

Nackt war niemand. Niemand wurde aufgefordert, sich auszuziehen. Niemand hat performt oder eine peinliche Show abgezogen. Keine Adresse oder Handynummer wurde preisgegeben. Im Gegenteil: Es herrschte eine gelassene, selbstbewusste Ruhe und Ausgeglichenheit. Ein junges Mädchen verspricht: „Leute, Aylin beantwortet euch alle Fragen, sofern sie nicht zu privat sind.“

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Inzwischen hat das New Yorker Unternehmen auf die Vorwürfe der deutschen Ministerin reagiert und lässt per Pressemitteilung verlauten: „Um bei YouNow auf Sendung gehen zu können, gelten strenge Regeln. Beleidigungen, Mobbing, das Konsumieren von Alkohol und anderen Drogen oder Nacktheit vor der Kamera sind streng verboten. Ebenso die Aufforderung zum Brechen dieser Regeln.“ Weiter heißt es: „Die Einhaltung dieser Regeln wird rund um die Uhr durch deutschsprachige Moderatoren überwacht. Zusätzlich sorgen freiwillige Aufpasser aus der Community für die Einhaltung der Regeln.“

YouNow gibt sich aber auch verständnisvoll und schreibt: Kinder und Jugendliche müssen im Netz besser geschützt und über die Gefahren aufgeklärt werden. Fehler werden auch eingeräumt: Insbesondere durch das schnelle Wachstum der Nutzerschaft in Deutschland gab es Ende 2014 vereinzelt Schwierigkeiten, die Plattform durchgängig zu überwachen und missbräuchliche Nutzung zu ahnden.“ Doch Vorwürfe, man reagiere nicht auf Beschwerden oder mache sich keine Gedanken über den Jugendschutz, weist das Unternehmen jedenfalls entschieden zurück.

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