youtailor edsor

Die wechselvolle Geschichte von YouTailor bekommt eine Fortsetzung: Der Berliner Online-Maßschneider, der schon zwei Mal kurz vor der Pleite stand und 2014 mit Kündigungen, Außenständen und massenhaft unbearbeiteten Bestellungen Schlagzeilen machte, soll mit dem Berliner Krawattenhersteller Edsor Kronen zu einem Multichannel-Anbieter verschmolzen werden.

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Für diesen Zweck hat Youtailor-Geschäftsführer Christian Heitmeyer das insolvente Unternehmen um die traditionsreiche Krawattenmarke Edsor übernommen. Edsor verfügt über Ladengeschäfte in Berlin, Hamburg und Zürich – das stationäre Geschäft soll in Zukunft unter der Marke Edsor Berlin laufen, aus YouTailor wird die Marke Edsor Bespoke (bespoke ist englisch für maßgeschneidert).

YouTailor sei keine besonders wertvolle Marke, erklärt Heitmeyer gegenüber Gründerszene. In Zukunft will Heitmeyer bei Edsor Bespoke auch auf ein höherpreisiges Angebot setzen. „Für 59 Euro bekommen Sie kein vernünftig produziertes Maßhemd“, so die späte Einsicht. Die Marke Edsor sei hingegen „weitestgehend unbeschädigt“, allerdings könnte man sie „ein Stückchen verjüngen“.

Mit der Übernahme von Edsor verlässt der bisherige Inhaber Jan-Henrik Scheper-Stuke den Krawattenhersteller. Scheper-Stuke war mit seinem dandyhaften Auftreten in den vergangenen Jahren das Gesicht der Marke, die Bild-Zeitung nannte ihn „Krawattenkönig von Kreuzberg“, der KulturSpiegel „Herr der Fliegen“.

Vor zwei Jahren sei Scheper-Stuke auf ihn zugekommen, erzählt Heitmeyer, er sei daraufhin mit einem Gesellschafterdarlehen eingestiegen. Doch das Geschäft entwickelte sich nicht wie erwartet, Heitmeyer weigerte sich, alleine mehr Geld in das Unternehmen zu stecken. Schließlich habe sich Geschäftsführer Scheper-Stuke „gegen meinen Rat entschieden, Insolvenz anzumelden“, so Heitmeyer. Zwischen beiden habe sich ein Bieterwettstreit entwickelt, um das Unternehmen aus der Insolvenz herauszukaufen, den Heitmeyer schließlich für sich entschied. Er habe „den Markennamen und alle wesentlichen Assets“ von Insolvenzverwalter Christian Otto erworben.

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Für die beiden Geschäftsbereiche von Edsor sind zwei neue GmbHs gegründet worden: einmal die Edsor Berlin GmbH, an der Heitmeyer 90 Prozent und Nadine Lederhilger, ehemalige Logistikchefin des Online-Supermarkts Allyouneed, zehn Prozent halten. Bei Allyouneed war Heitmeyer bis 2012 als Investor engagiert. Die zweite Gesellschaft ist die Edsor Bespoke GmbH, Heitmeyer ist hier mit 80 Prozent beteiligt, Lederhilger wiederum zehn Prozent, die restlichen Anteile hält Claudia Sterrer-Pichler, die seit April 2014 als Generalbevollmächtigte von YouTailor amtiert. Sterrer-Pichler wollte gegenüber Gründerszene nicht bestätigen, dass sie auch nach der Verschmelzung an Bord bleiben wird – ihr Fokus liege „aktuell auf dem erfolgreichen Abschluss der Sanierung von YouTailor“.

Das Beteiligungsgeflecht rund um YouTailor und den 2012 eingestiegenen Hauptinvestor Christian Heitmeyer könnte damit endlich entwirrt werden. Die aktuelle Struktur ist selbst für Eingeweihte schwer zu durchblicken: Da gibt es mit der M2M Fashion GmbH die aktuelle YouTailor-Trägergesellschaft, die einer Schweizer Holding gehört, und die Heitmeyer in Zukunft etwa als Technologie- oder Beschaffungsgesellschaft einsetzen will; außerdem die Sizeless GmbH, an der neben Heitmeyer auch der ehemalige Geschäftsführer Fred Klinkert beteiligt ist, und die einmal als zukünftige Betriebsgesellschaft für den Maßschneider gedacht war – sie soll laut Heitmeyer stillgelegt und liquidiert werden.

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Schließlich gibt es mit der Pearl Bay Beteiligungs GmbH, an der zu 90 Prozent Heitmeyer und der zwischenzeitlich als YouTailor-CEO amtierende Sebastian Schilling beteiligt sind, eine weitere Gesellschaft, die derzeit ein Insolvenzverfahren durchläuft. Nach Angaben von Heitmeyer hätte Pearl Bay einmal Anteile von YouTailor übernehmen sollen, doch wegen der Insolvenz 2012 sei es dazu nicht gekommen, weswegen die Gesellschaft heute keine Beteiligung mehr halte. Zu den Gründen für die aktuelle Insolvenz will Heitmeyer nichts sagen.

Bleibt die Frage, wann genau die Verschmelzung von YouTailor und Edsor stattfinden soll. Nach Aussage von Claudia Sterrer-Pichler gibt es hierfür noch keinen konkreten Zeitpunkt – sicher sei, „dass erst alle offenen Bestellungen sowie Reklamationen abgearbeitet sowie eine operative Überleitungstrategie aufgestellt sein müssen“.

Ein Blick auf die Facebook-Seite von YouTailor zeigt, dass hier noch einiges an Arbeit anfallen dürfte. Die drei letzten Kommentare unter dem letzten YouTailor-Eintrag von Mitte Oktober:

  • 3. Februar: „Heute wird Strafanzeige gestellt!“
  • 17. Februar: „Bald hat meine bezahlte und nicht ausgelieferte Bestellung einjährigen Geburtstag! Das Team von Youtailor ist herzlich zur Feier eingeladen.“
  • 21. Februar: „Mitte September bestellt. Bis heute nichts…“
Bild: © panthermedia.net / Karsten Rahn