Die MyBoshi-Gründer Felix Rohland (links) und Thomas Jaenisch

Mützen-Häkler, Youtuber, IT-Nerds

Welche Karrierewege schlagen junge Leute heute ein? Wonach streben sie? Wie definieren sie Erfolg? Das ZDF hat sich an einer Antwort auf diese Fragen versucht und begleitet dazu die Unternehmer von drei Startups. Die knapp halbstündige Doku „Jung.erfolgreich“ lief am Dienstag im Rahmen der dreiteiligen Jubiläumsreihe „Jung“ des ZDF-Formats „37 Grad“, das in diesem Jahr seinen 20. Geburtstag feiert.

Die Doku zeigt zwei bodenständige Häkelmützen-Macher aus Oberfranken, eine ehrgeizige Gründerin, die Tag und Nacht arbeitet, um ihr IT-Startup groß zu machen, und einen gebürtigen Kasachen, der mit deutschen Fußball-Videos auf Youtube Geld verdient. Angenehm dabei: Die Doku spricht nicht für die jungen Unternehmer, sondern überlässt das Reden ihnen.

Mit Häkel-Omis auf der Erfolgswelle

So erzählen Thomas Jaenisch und Felix Rohland, wie sie auf die Idee zu ihrem Unternehmen kamen: „Wir waren 2009 in Japan und haben uns als Ski-Lehrer ein bisschen Taschengeld dazuverdient. Eine spanische Kollegin saß jeden Abend bei uns und hat gehäkelt. Anfangs haben wir gesagt: Häkeln ist nichts für uns. Aber nach einigen Wochen haben wir das dann doch ausprobiert – und seitdem hängen wir an der Nadel und häkeln unsere Mützen.“ Zurück in Deutschland gründen sie MyBoshi – Boshi ist das japanische Wort für Mütze. Als sie damit bei der Bank vorstellig werden, wird ihre Idee als Spinnerei abgetan. Das ist nun fünf Jahre her.

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80.000 wollene Kopfbedeckungen hat MyBoshi schon verkauft. Bei Mützen ist es jedoch nicht geblieben. Inzwischen liefern die beiden Gründer aus Hof auch eigene Wolle, DIY-Strick-Anleitungen und Häkelnadeln in 15 Länder. Auch personell sind sie stark gewachsen: Neben zehn Festangestellten beschäftigen sie saisonal bis zu 40 ältere Damen – ihre Häkel-Omis.

In diesem Jahr wird das Häkel-Startup sogar für den Deutschen Gründerpreis nominiert, in der Kategorie Aufsteiger. Voraussetzung dafür ist ein Jahresumsatz von mindestens einer Million Euro. Zur Preisverleihung gehen die Oberfranken selbstverständlich mit gehäkelten Krawatten. Wie man den Windsorknoten bindet, schauen sie sich auf Youtube an. Obwohl sie nicht den ersten Platz belegen, fühlen sie sich als „Sieger der Herzen“. Ist das eine Erfolgswelle? „Vielleicht“, sagt Felix Rohland. „Aber ich fühle mich jetzt nicht so, als ob ich darauf surfen würde. Eher im Gegenteil. Ich denke immer: Je mehr Erfolg, umso mehr Arbeit – und umso mehr Herausforderungen, die einem gegenüberstehen.“

Das eigene Ding machen

Herausforderungen scheinen hingegen nicht das Problem von Freya Oehle zu sein. Die heute 24-Jährige hat im vergangenen Jahr gemeinsam mit Tobias Kempkensteffen Spottster gegründet. Der Dienst fungiert als ein Online-Merkzettel. Das Prinzip: Der Nutzer sieht in einem angeschlossenden Shop ein Produkt, das gefällt, ihm jedoch zu teuer ist. Spottster verfolgt die Preisentwicklung und informiert den User, wenn der Produktpreis in einer für ihn akzeptablen Spanne angekommen ist. Wer das ZDF-Programm in letzter Zeit verfolgt hat, dem wird das Gesicht der Gründerin bekannt vorkommen – sie war kürzlich auch in der Coaching-Doku-Show „Kampf der Startups“ zu sehen.

G Tipp – Lesenswert bei Gründerszene  Coaching-Doku-Show im ZDF: „Kampf der Startups“

Für ihr Studium ist Oehle fast alle sechs Monate umgezogen, wie sie sagt. Stationen waren Barcelona, Tokio, München, Chicago. Danach schlug sie attraktive Jobangebote aus, wollte lieber ihr eigenes Ding machen. Obwohl sie jetzt hauptsächlich in Hamburg lebt und arbeitet, bleibt das soziale Leben auch jetzt mitunter auf der Strecke. Außerdem ist da noch die Angst, dass jemand anders schneller ist, dass ihr Unternehmen scheitern könnte.

„Gründen ist so ein bisschen wie Fallschirmspringen. Man denkt erst während des Fallens darüber nach, ob man einen Fallschirm hat“, sagt Oehle. Also am besten nicht gar so viel denken. „Wenn es nicht funktioniert, dann geht es irgendwie anders weiter“, ist sie sich sicher.

Youtuber als Lebensziel

Konstantin Hert hat sein Hobby zum Geschäft gemacht: Er verdient sein Geld mit Youtube-Videos zum Thema Fußball. Den Entschluss dazu fasste er während des Studiums – und wurde dafür belächelt. Aber Durchhaltevermögen, so Hert, habe er schon als Kind gelernt, als er mit seinen Eltern aus Kasachstan kam und sich ohne Deutschkenntnisse zunächst durchkämpfen musste.

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Vor fünf Jahren ging es los mit dem Youtube-Channel Freekickerz, damals mit einem Test des WM-Balls. CBS griff das Video auf, danach ging es um die Welt. Jetzt ist Freekickerz der erfolgreichste Fußball-YouTube-Kanal weltweit, das meistgesehene Video hat zehn Millionen Menschen erreicht. Das mache ihn schon stolz, sagt Hert. Seit zwei Jahren kann er von seinen Youtube-Videos leben.

„Natürlich rette ich damit kein Leben – wie ein Arzt“, sagt Dominik Porschen, ein mit Hert befreundeter Youtuber. Wenn man jedoch Leuten die Möglichkeit gebe, dem Alltag zu entfliehen und abzuschalten, sei das genauso erstrebenswert. Auch Konstantin Hert glaubt: „Jeder kann von uns etwas besonders gut oder besser als andere – und das sollte man wahrscheinlich versuchen zu seinem Beruf oder zu seinem Lebensziel zu machen.“

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Die Doku zeigt, dass sich Unternehmertum heute ganz anders gestalten kann als noch vor einigen Jahren. Dabei spielt es keine Rolle, ob die gezeigten Jungunternehmen, ihre Gründer und deren Denkweisen nun besonders repräsentativ für die Startup-Welt sind oder nicht – hier werden verschiedene Facetten dieser Welt eingefangen und ein kleiner, sehr spezieller Einblick gewährt. Es gibt keinen Anspruch, alle damit verbundenen Aspekte abzubilden.

Und das stört nicht im Geringsten: Man schaut sich gern die tiefenentspannten, häkelnden Oberfranken oder den begeisterten Youtube-Kicker an. Dass dadurch vielleicht ein klein wenig mehr Aufmerksamkeit und gesellschaftliches  Verständnis für die Startup-Szene entsteht, kann jedenfalls nicht schaden.

Hier gibt es die Sendung in voller Länge:

Bild: Screenshot/ Jung.erfolgreich, ZDF