„Im Silicon Valley gibt es mehr Geld, das schneller verteilt“, sagt Arwed Niestroj.

Seit September 2014 führt Arwed Niestroj das Mercedes-Benz Research & Development in Sunnyvale, Kalifornien. Auf dem Posten ist er auch dafür verantwortlich, dass Innovationen den Weg in den Konzern finden. Niestroj kennt sich mit dem Thema aus. Von 2007 bis 2011 war er in der Konzernforschung für Brennstoffzelle und Wasserstoffantrieb zuständig. Im Silicon Valley ticken die Uhren in Sachen Innovation jedoch anders, wie er der Gründerszene in einem Interview verraten hat.

Das Research & Development Center von Daimler im Silicon Valley gibt es nun seit 20 Jahren. Worin liegt der große Vorteil für einen Autohersteller im Valley zu sitzen?

Es gibt Entwicklungen, vor allem im Softwaresektor, die bekommt man nur hier mit. Wenn sie nach Europa schwappen, ist es oft schon zu spät. Dann sind Patente vergeben und die Köpfe dahinter arbeiten in anderen Firmen. Das ist eine Seite. Die andere Seite ist die Tatsache, dass wir täglich mit großen Unternehmen aus dem Valley zusammenarbeiten. Das sind Venture Capital Firmen, aber auch die bekannten Marken wie Google oder Apple und die Zusammenarbeit ist gut. Das liegt daran, weil wir hier im R&D-Center die Kapazitäten haben, Dinge auszuprobieren, die wir kennenlernen. Wir können dann nach Stuttgart fahren und unsere Learnings vorstellen. Wir erkennen so auch schneller Trends, wovon der gesamte Konzern profitiert.

Anzeige
 Wie ist die Zusammenarbeit mit neuen Startups hier im Valley? Wie lernt man die junge Unternehmen kennen?

Inkubatoren und VC laden uns regelmäßig zu Pitches ein und ich finde, dass man sich so viele Startups wie möglich anschauen sollte. Das ist ein Teil der Kultur hier. Die Frage ist für uns natürlich auch immer, ob sich die Idee lohnt. Also kommt wirklich ein Produkt oder ein Service für Mercedes dabei raus? Wir haben hier zwar viele Ressourcen, aber die sind auch endlich. Es ist spannend zu sehen, wie viele Firmen es schon jetzt im Valley zum Thema Automotive gibt. Da müssen wir auch selektieren.

Sollten Hersteller nicht auch zu VCs werden? Also direkt Startups suchen, finanzieren, aufbauen und gegebenenfalls übernehmen?

Ja und nein. Das ist eine Frage der Summen, die man investieren will und kann. Also Geld oder Ressourcen. Letzteres machen wir schon, wir laden regelmäßig Startups ein und wir beschäftigen uns mit deren Ideen. Besonders unser Think Tank Business Innovation arbeitet eng mit Startups zusammen und entwickelt gemeinsam neue Geschäftsmodelle. Wenn man aber an Venture Capital denkt, dann sieht die Sache anders aus. Wir stehen in engem Kontakt mit vielen VCs. Die Startups, die wir da treffen, haben meist schon ein paar Finanzierungsrunden hinter sich und konnten bereits zwischen 50 und 100 Millionen Dollar einsammeln. So was kann niemand aus der Automobilindustrie stemmen, egal wie viel Eigenkapital sie haben.

Das Geld ist also zumindest in den USA kein Problem, aber in Deutschland sieht das anders aus.

Das ist eine große Herausforderung: Wie bekommen wir mehr Geld in die Startups-Szene nach Deutschland? Und wie kann ich die Risikobereitschaft erhöhen? Nur mal ein Beispiel: Es gibt hier Leute, die spenden aus ihrem Privatvermögen 100 Millionen Dollar an die Stanford Uni. Es gibt Investoren wie Elon Musk, denen ist es vermutlich egal, ob sie hier und da mal ein paar Millionen bei einer Investition verlieren.

Davon kann man in Berlin nur träumen.

Die meisten Startups aus dem Softwarebereich sollten sich wirklich gut überlegen, ob sie nicht lieber ins Valley kommen. Hier passieren Sachen sehr, sehr schnell, auch was Investitionen angeht. Ein Beispiel: In der Zeit, in der in Deutschland NDAs und Due-Diligence-Papiere hin und her geschickt werden, sind hier schon die Entscheidungen gefallen. Wenn sie als VC zu lange zögern, haben sie keine Chance – dann sind die vielversprechenden Startups schon längst woanders an ihr Geld gekommen. Den großen Investoren geht es darum, etwas zu verändern und dafür muss man schnell und risikobereit sein.

Sind Startups nicht auch die Zukunft der Automobilindustrie? Werden Apps und Third Party Developer die Industrie verändern?

Die sind jetzt schon da, auch wenn man sie nicht direkt sieht. Wir entwickeln hier neue Systeme, die dem Kunden das Leben erleichtern.

Gut, aber muss ein Autohersteller immer alles alleine machen? Hilft es nicht, wenn andere Entwickler mit einem frischen Blick und neuen Ideen ihre Apps den Autobauern zur Verfügung stellen?

Es wird beide Wege geben. Apple entwickelt ja auch weiter eigene Apps, ebenso Google. Wir werden hier auch einen Mehrwert liefern können, weil es Themenbereiche gibt, in denen wir einfach besser sind.

Anzeige
 Ist es auch ein Kampf der Systeme. Apple Car Play und Android Auto gegen die Ökosysteme der Hersteller?

Sicherlich ist das teilweise so. Es wird Kunden geben, die verlangen, dass sie die Apple oder Android Oberfläche in ihrem Auto vorfinden. Aber es wird auch welche geben, die unsere Angebote bevorzugen, weil wir mit unserem eigenen System, das auf das Auto angepasst ist, mehr Möglichkeiten bieten. Die interessante Herausforderung wird sein, sich zu differenzieren.

Wird die Software ein Entscheidungskriterium beim Autokauf sein?

Das sehe ich nicht so. Also nicht direkt. Es wird eher so sein, dass man darauf achtet, welche Angebote die Infotaimentsysteme liefern. Dazu kommt die Entwicklung des Innenraums. Hier stimmen wir das User Interface auf die Bedürfnisse des Fahrers ab und das sind ganz andere Bedürfnisse, als die eines Smartphone-Besitzers.

Stört es dann nicht, wenn Apple oder Android mit komplett anderen User Interfaces kommen, die nicht in das eigene Infotainmentsystem passen?

Es ist eine alternative Darstellung, die uns herausfordert. Immerhin nutzen das ja ein paar Millionen Menschen. Wir wissen aber auch, was die Fahrer brauchen, und was für sie in welchem Moment wichtig ist.

Ein wichtiges Thema sind Daten. Mercedes hat vor zwei Jahren mit einem Prototypen gezeigt, der aus Daten des Kundenverhaltens, eine Art Vorhersage erstellt. Das System versucht zu erkennen, was der Fahrer als nächstes wollen könnte. Ist das Thema noch aktuell?

Das ist sogar sehr aktuell. Wir hoffen, dass wir das System in naher Zukunft in einem Serienfahrzeug anbieten werden. Das Thema Big Data beschäftigt uns sehr. Und damit aber auch die unterschiedlichen Philosophien zum Thema Datenschutz. Das ist in den USA überhaupt kein Thema, aber in Deutschland eben schon. Hier in den USA sieht man den Mehrwert für den Kunden, also Komfort. In Europa geht es um die Sicherheit der Daten und was man damit eventuell mal machen könnte. Wir denken aber global und wir wissen, dass unterschiedliche Gesellschaften unterschiedliche Ansichten zum Thema haben. Daher schauen wir genau wie Google oder Apple, welche Vorteile wir unseren Kunden anbieten können. Was uns aber immer wichtig ist: Der Kunde soll am Ende die Entscheidung haben und sie auch wieder rückgängig machen können, wenn er seine Meinung ändert.

Bild: Daimler AG