Rechnungswesen Startups

 

Die Klassiker

Warum erzielen manche Unternehmen hohe Gewinne und müssen dennoch Insolvenz anmelden? Wie kann es sein, dass andere Firmen Verluste machen, aber das Bankkonto trotzdem steigt? Diese geheimnisvollen Vorgänge erklären sich aus Geschäftsvorfällen und ihren Auswirkungen auf Erfolg und Liquidität. Um die Zusammenhänge zu verstehen, müssen einige Begriffe bekannt sein, etwa was Geschäftsvorfälle, Erfolg und Liquidität bedeuten.

Geschäftsvorfälle

Ausgangspunkt des Rechnungswesens sind die Geschäftsvorfälle eines Unternehmens. Geschäftsvorfälle sind einzelne Ereignisse, welche die Vermögens- beziehungsweise Schuldensituation der Firma verändern. Geschäftsvorfälle können (müssen aber nicht!) Auswirkungen auf Erfolg und Liquidität haben, wie gleich ersichtlich wird.

Erfolg

Erfolg ist der Oberbegriff für Gewinn oder Verlust. Erfolgswirksam ist ein einzelner Geschäftsvorfall dann, wenn dadurch das Unternehmen reicher oder ärmer wird, also einen Wertzuwachs oder Wertverlust erzielt. Hier geht es nicht um den Aktienkurs, sondern ob intern, durch unternehmerische Tätigkeit, eine Wertveränderung im Unternehmen entsteht. Dann wäre der Geschäftsvorfall erfolgswirksam.

Liquidität

Liquidität hingegen ist, vereinfacht gesagt, der Bestand an Geldmitteln (“flüssige Mittel”), mit denen man seine Rechnungen bezahlen kann. Liquiditätswirksam ist ein einzelner Geschäftsvorfall dann, wenn er im Unternehmen einen Geldzufluss oder Geldabfluss bewirkt. Das kann mehr oder weniger Bargeld in der Kasse oder ein wachsendes beziehungsweise schrumpfendes Girokonto bedeuten oder Veränderungen bei Wechseln und ähnlichen geldnahen Mitteln.

Und aus dieser Unterscheidung erklärt sich das Problem der Unternehmen, die zwar Gewinne erwirtschaften, aber Insolvenz anmelden müssen: Es gibt nämlich recht viele Geschäftsvorfälle, die einen Wertzuwachs im Unternehmen bewirken, bei denen aber kein Geld fließt. Umgekehrt lösen viele Geschäftsvorfälle einen Geldzufluss aus, ohne dass das Unternehmen damit einen Wertzuwachs erzielt. Ein typisches Beispiel dafür ist die Kreditaufnahme. Durch den Kredit fließt dem Unternehmen Geld zu, aber ein Gewinn ist das keineswegs, weil sich gleichzeitig die Schulden an die Bank erhöhen, von der späteren Kreditrückzahlung und den Zinsen ganz zu schweigen.

Und wenn es ganz schlecht läuft, dann gibt es viele solcher Geschäftsvorfälle, die zu einem Gewinn führen, mit denen aber kein Geldzufluss einher geht und dann kann es zu den beschriebenen Problemen kommen, dass Firmen trotz Gewinnen zahlungsunfähig werden.

Beispiele und ihre Auswirkungen

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Wenn ein Unternehmen, das Doppelte Buchführung betreibt, einem Kunden eine Rechnung schickt, der Kunde aber noch nicht bezahlen muss, weil ihm zum Beispiel 60 Tage Zahlungsziel eingeräumt wurden, dann ist das ein Geschäftsvorfall. Aber erhöht dieser den Gewinn, obwohl der Kunde noch nicht bezahlt hat?

Ja, das tut er. Man argumentiert, dass dem Unternehmen zwar das Geld noch nicht zugeflossen ist, es aber einen Rechtsanspruch auf Bezahlung erworben hat. Und dieser Rechtsanspruch ist ein Wert an sich – eine Forderung, die durch den Versand der Rechnung dokumentiert wurde. Dass Forderungen Werte darstellen, kann man daraus ersehen, dass man sie verkaufen kann, zum Beispiel an spezialisierte Firmen, die man als Factoring-Anbieter bezeichnet. Nicht nur “mehr Geld” bewirkt also einen Wertzuwachs, sondern auch “mehr Forderungen”.

Damit löst ein solcher Geschäftsvorfall eine Gewinnsteigerung aus, aber keinen Geldzufluss. Im Extremfall hat man viele solcher ausstehender Rechnungen und kann deshalb womöglich eine morgen fällige Rechnung nicht bezahlen. Es kann soweit kommen, dass man daher, also nur weil trotz Wertzuwächsen keine Liquidität zugeflossen ist, Insolvenz anmelden muss, denn das bedeutet Insolvenz im Wortsinne: Zahlungsunfähigkeit. So etwas passiert in der Realität weit häufiger als man glaubt.

Dies ist ein eingängiges Beispiel, aber es gibt eine Vielzahl weiterer Geschäftsvorfälle, die sich auf den Gewinn auswirken, aber nicht auf die Liquidität – oder umgekehrt! Ohne hier näher darauf eingehen zu wollen, sind Kapitaleinlagen, Kapitalentnahmen, Rückstellungen, Abschreibungen, Kreditaufnahmen und Kredittilgungen oder der Kauf von Vermögenswerten gegen bar allesamt Geschäftsvorfälle, bei denen Liquiditäts- und Gewinnwirkung auseinander fallen, um nur einige zu nennen.

Maßnahmen

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Das kann massive Ausmaße annehmen, auch bei kleinen Firmen. Ganz besonders bei Startups ist das ein Thema: Sie erhalten von Investoren Kapitaleinlagen (Liquiditätszufluss) und von Banken Kredite (auch Geldzufluss), aber mit Gewinn hat das nichts zu tun. Hier fallen oft die Auswirkungen auseinander, denn obwohl womöglich ein Verlust erwirtschaftet wurde, haben die Liquiditätszuflüsse zu einer Erhöhung des Bankkontos geführt. Dies ist dann gegeben, wenn die Geldabflüsse aus dem Verlust niedriger waren als die eingenommenen Gelder von Kreditgebern und Investoren.

Und genau deshalb gibt es im Rechnungswesen eine separate Liquiditätsplanung. Die Liquiditätsplanung hängt zwar organisatorisch eng mit der Buchhaltung zusammen und man bedient sich aus den Zahlen der Buchhaltung, die dann um geplante Geldzuflüsse und Geldabflüsse ergänzt werden, aber theoretisch könnte man eine Liquiditätsplanung auch ohne Doppelte Buchführung betreiben, in dem man bei einem gegebenen Bestand an liquiden Mitteln dann für jeden Beleg notiert, ob und wann er Zahlungsvorgänge auslöst und welche zukünftigen Zahlungsvorgänge außerdem zu erwarten sind.

Je nachdem, ob man dies tagesgenau, wochengenau oder auf den Monat berechnet, kann man schon jetzt sagen, ob zum Beispiel im kommenden Februar mit einer Knappheit auf dem Bankkonto zu rechnen ist, und kann schon jetzt Gegenmaßnahmen einleiten. Banken und Investoren wissen eine solche Vorschau sehr zu schätzen.

Weil diese Liquiditätsplanung eben unabhängig von den zu erwartenden buchmäßigen Gewinnen oder Verlusten erstellt wird und sie sich stattdessen ausschließlich an den Geldströmen orientiert, verhindert man so Liquiditätsprobleme, die sich aus dem Auseinanderfallen von Erfolgs- und Liquiditätswirkung ergeben können. Damit sichert man erfolgreich beides: Gewinn und Liquidität.

Im dritten Teil der Reihe wird es um die Kosten- und Leistungsrechnung gehen.

Bild: Jorma Bork  / pixelio.de
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