Alternative zu VC, finanzierung, förderprogramm, ProFIT, staatliche Förderung

Die Debatte, ob die berühmt-berüchtigte Weltfinanzkrise für Internet-StartUps sich nun wirklich zum Höllenszenario (siehe „R.I.P. Good Times” von Sequoia) oder doch eher zum fruchtbaren Boden für engagierte Unternehmertypen mit Biss und Durchhaltevermögen entwickelt, wird diesseits und jenseits des Atlantiks lebhaft diskutiert. Die Meinungen und Argumentationslinien sind so vielfältig wie Ihre Verfechter. Ungewöhnlich einig sind sich Investoren jedoch in dem Punkt, die Finanzkrise als Totschlagargument für härtere Vertragsklauseln, niedrigere Bewertungen und starke Einsparverordnungen zu nehmen.

Für jeden Neugründer mit einem viel versprechendem Geschäftsmodell ohne Proof-of-Concept und/oder hohen Anfangsinvestitionen oder auch für bereits tätige Unternehmer mit kostspieligen Investitionsplänen hat sich die Verhandlungsposition gegenüber BAs und VCs in letzter Zeit somit – begründet oder auch unbegründet – deutlich verschlechtert.

Grund genug sich einmal näher mit den Alternativen zur Aufnahme von Risikokapital durch BAs und VCs zu beschäftigen. Eine bei vielen Gründern oft vernachlässigte, allerdings mitunter äußerst vielseitige Alternative sind staatliche Förderprogramme. Diese haben sich – teilweise leider erfolgreich von der Öffentlichkeit versteckt – im Laufe der letzten fünf bis zehn in Deutschland zu einem erstaunlich weitflächigen Angebot entwickelt. Von Unterstützungszahlungen zur persönlichen Existenzsicherung in der Anfangszeit über Subventionen für Investitionen und Personal bis hin zur Förderung von Innovationsprojekten durch die Bereitstellung von Mezzaninekapital oder unbesicherten Darlehen gibt es eine breite Palette an wohldurchdachten Initiativen für Unternehmen verschiedenster Entwicklungsstufen.

Während diese Programme Internetunternehmern zumeist grundsätzlich erst einmal offen stehen, liegt der Teufel wie so oft im Detail. Die meisten Programme erfordern eine hohen Betreuungs- und Verwaltungsaufwand und nicht jedes Programm eignet sich auch auf den zweiten Blick für jedes Geschäftsmodell. Diese Reihe soll daher in loser Folge eine Auswahl der zu Internetgründern am Besten passenden und viel versprechendsten Programme vorstellen.

Den Anfang macht ein Programm, das in der Berliner Gründerszene in letzter Zeit größere Neugier hervorgerufen hat – das:

„Programm zur Förderung von Forschung, Innovationen und Technologien (ProFIT)”

Was ist ProFIT?

ProFIT ist seit 2004 das zentrale Technologieförderprogramm des Landes Berlin. Gefördert werden zukunftsträchtige Projekte in allen Phasen des Innovationsprozesses – von der Forschung bis zur Markteinführung. Die Förderung wird in Abhängigkeit von der Innovationsphase in Form von Zuschüssen, zinsverbilligten Darlehen oder Beteiligungen gewährt.

Im Januar 2009 wurde der Förderhöchstbetrag bei Darlehen und Beteiligungen im ProFIT von bisher einer Million Euro auf drei Millionen Euro angehoben, um in der aktuellen Phase wachsender Zurückhaltung seitens der kommerziellen Finanziers auf den steigenden Finanzierungsbedarf bei kleinen und mittleren Unternehmen im Rahmen der Umsetzung marktnaher Entwicklungsprojekte zu reagieren.

Wieso ist es für mich als Internetunternehmer relevant?

Für Internetunternehmer ist ProFIT relevant, da der Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien im Weiteren und des Web 2.0 und einiger anderer Bereiche im engeren Sinne zu den ausgewählten Schlüsseltechnologiefeldern des Landes Berlin gehören. In Berlin ansässige Internet-Start-Unternehmer haben also grundsätzlich die Möglichkeit, sich mit technologisch innovativen Projekten um eine Förderung im Rahmen des ProFIT-Programmes zu bewerben. Gefördert werden bei ProFIT allerdings nicht die Unternehmen oder die Gründer als solche, sondern einzig die Projekte mit denen man sich bewirbt. Für StartUps von größter Relevanz sind hier Projekte im Bereich der experimentellen Entwicklung mit anschließender Markteinführung. Unter experimenteller Entwicklung werden Entwicklungsarbeiten verstanden, die auf Basis von grundsätzlich vorhandenem Wissen verbesserte Produkte, Verfahren oder Dienstleistungen erarbeiten, die am Markt Alleinstellungsmerkmale aufweisen.

Bei Annahme eines Förderantrages heißt das, dass grundsätzlich bis zu 80% der Projektausgaben (bis zu einem Höchstbetrag von 3 Mio. €) mit Fördermitteln finanziert werden können. In der Praxis bekommt das geförderte Unternehmen beispielsweise einen Kreditrahmen (auch unbesichert) zur Verfügung gestellt, mit Hilfe dessen es in regelmäßigen Abständen (zum Beispiel quartalsweise) vorab definierte Tranchen abrufen kann, um die Kosten für Softwareentwicklung, Marketingprojekte etc. zu tragen.

Wie stehen die Chancen?

Das ProFIT-Programm steht ausschließlich Unternehmen mit Sitz in Berlin zur Verfügung. Ist diese Voraussetzung erfüllt, hängt es zum allergrößten Teil von dem eingereichten Projekt ab. Da wir Internetunternehmer in Berlin eine Schlüsseltechnologie besetzen und allgemein eher nicht als die allerfleißigsten öffentlichen Antragsteller bekannt sind, stehen die Chancen gar nicht schlecht mit einer gut gemachten Bewerbung auf sich aufmerksam zu machen.

Wie sieht der Bewerbungsprozess aus?

Die Antragstellung zum ProFIT-Programm erfolgt in zwei Stufen. Auf Basis einer Projektbeschreibung und eines detaillierten Projektplans (Kosten, Ablauf, Ressourceneinsatz etc.) wird der Innovationsgehalt von externen Gutachtern geprüft. Verläuft diese Stufe positiv wird einem die Stellung eines offiziellen Projektantrages empfohlen, bei dem dann ähnlich einer VC Due Diligence die wirtschaftliche Tragfähigkeit des Projektes bzw. des antragstellenden Unternehmens, die Sicherung der Co-Finanzierung (nur max. 80% der Kosten werden aus Fördermitteln getragen!) und sonstige eher finanzielle Aspekte geprüft werden. Besteht man auch diese Stufe, erhält man einen Vertragsentwurf und kann mit dem Projekt starten.

Der Aufwand, der von Seiten des bewerbenden Unternehmens zu stemmen ist, ist hierbei nicht zu unterschätzen. Für die saubere Erstellung aller Bewerbungsunterlagen sollte man schon zwei bis drei Mannmonate einplanen und da die Projektplanung an vielen Stellen eng mit der allgemeinen Unternehmensplanung ineinander greifen wird, ist die Bewerbung klare Chefsache! Insgesamt dauert der Prozess bei guter Organisation etwa solange wie die Organisation einer Finanzierungsrunde, sprich drei bis sechs Monate.

Pros & Cons

Als Nachteile des Programms sind aus StartUp-Sicht sicherlich die Begrenzung auf Berlin, sowie der relativ hohe Bewerbungsaufwand zu sehen. Demgegenüber stehen meiner Einschätzung nach jedoch weitaus größere Vorteile, wie die hohe Prozeßsicherheit bei sehr geringem Reibungsrisiko (ein Förderprogramm ist kein launischer VC-Investor) und die Zurverfügungstellung von Fremdkapital (keine Verwässerung!) entgegen. Alles in allem kann das ProFIT-Programm bei klar umreissbaren Projektvorhaben auf Grund der beachtlichen Fördervolumina bei langer Laufzeit so eine valide Alternative zu einer weiteren Finanzierungsrunde sein.

Nähere Informationen, Prospekte und Details zum ProFIT-Programm und der IBB findet Ihr unter: http://www.ibb.de/profit. Möchtet Ihr Euch vorab telefonisch informieren hat die IBB zudem eine Hotline eingerichtet, unter: 030 / 2125-4747.

Über den Autor:

Tobias Johann ist Gründer von sportme und kümmert sich dort als Geschäftsführer um die Bereiche Finanzen, Investor Relations und Vermarktung.

Nach dem Abschluss seines BWL-Studiums mit Schwerpunkt Entrepreneurship an der European Business School (ebs), der University of Sydney und der Universidad Adolfo Ibanez (Chile) arbeitete er für zwei Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Chair for Entrepreneurship der ebs. Tobias hat zahlreiche wissenschaftliche Artikel in den Bereichen Corporate Venture Capital, Business Planning und Unternehmerausbildung publiziert und seine Forschungsergebnisse auf Entrepreneurship- und Finance-Konferenzen in neun Ländern präsentiert.

GD Star Rating
loading...
Staatliche Förderprogramme als Finanzierungsalternative - Teil I: ProFIT, 5.0 out of 5 based on 1 rating
Alle Bilder in diesem Artikel unterliegen der Creative-Commons-Lizenz (Namensnennung-Keine Bearbeitung, CC BY-ND; Link zum rechtsverbindlichen Lizenzvertrag). Ausgenommen sind anders gekennzeichnete Bilder unter anderem von Panthermedia, Fotolia, Pixelio, Morguefile sowie Pressefotos oder verlagseigenes Bildmaterial.