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In der vergangenen Woche hat Stefan Merath erläutert, was eigentlich Sinn ist, was die Voraussetzungen für ein sinnvolles Unternehmen sind und wie weit die Wirkung von Sinn wirklich reicht. Im zweiten Teil geht es nun darum, wie Unternehmer ein sinnvolles Unternehmen schaffen und wie sich der Sinn auf die Anziehungskraft auf exzellente Mitarbeiter auswirkt.

Motivation, Vision und Mission

Nun ist der Sinn nicht alles. Es gibt durchaus andere persönliche, unternehmerische Motive. Zum Beispiel: Anerkennung durch andere, Macht, Geld, das Verwirklichen von Ideen etcetera. Diese Motive sind nicht schlecht oder verwerflich. Manchmal sind sie stärker als der Bedarf nach Sinn. Und treiben einen als Unternehmer voran.

Sie stellen auch nicht unbedingt einen Gegensatz zum Sinn dar. Wenn man die eingangs erwähnte Kathedrale bauen will, braucht man Geld und Macht. Nur: Das Motiv, mehr Macht zu erlangen, wird allein kaum dazu führen, dass andere die eigene Idee unterstützen (es sei denn, sie erhoffen sich in Ihrem Windschatten auch für sich selbst mehr Macht). Und wenn man es nicht schafft, seine Motive in Einklang mit dem Sinn zu bringen, wird die Glaubwürdigkeit darunter leiden. Und in dem Maße wird die Anziehungskraft des Sinns verloren gehen.

Sinn bezieht sich außerdem auf die Zukunft. Er spendet ungeheuren Antrieb. Trotzdem bleibt Steineklopfen eben Steineklopfen. Daher ist es wichtig, Sinn mit Spaß und Freude zu vereinen. Ein Beispiel: Die meisten Menschen empfinden wohl die Pflege von Kranken als sinnvolle Tätigkeit. Aber die wenigsten möchten es auch selbst tun.

Sinn ist im Optimalfall das, was in der Unternehmensvision zum Ausdruck kommt. Selbstbezogene „Visionen“ wie „Wir sind der weltführende Fastfood-Anbieter“ (McDonalds) oder „Wir wachsen bei gleichbleibender Rendite doppelt so schnell wie der Markt“ (unbekannt) sind weder gute Visionen noch ist darin ein Sinn erkennbar. Anders ist dies zum Beispiel bei „Wir wollen Menschen glücklicher machen“ (Walt Disney) oder „Kosmetika ohne Tierversuche und Umweltverschmutzung“ (The Body Shop).

Nun unterscheiden hier viele zwischen Vision und Mission eines Unternehmens. Mission wäre demnach das nach außen Orientierte, also das, was den Sinn enthält – und Vision wäre das nach innen Orientierte, also das mit dem eigentlichen Ziel. Das halte ich für einen entscheidenden Fehler. Sich zwei unterschiedliche Ziele zu schaffen, führt zu Verwirrung und verhindert Glaubwürdigkeit.

Zudem ist es unnötig. Wenn die Vision klar genug ist, dann ergibt sich die Innenorientierung automatisch aus der Sinnorientierung. Beispiel? Wenn meine Vision ist, „Menschen glücklicher zu machen“ (Walt Disney), dann heißt dies: „alle Menschen“. Und es heißt: „mindestens einmal im Leben“ (unter Umständen auch öfter). Daraus ergibt sich schon zwangsläufig eine Mindestgröße und eine gewisse Innenorientierung.

Wie schaffe ich ein sinnvolles Unternehmen?

Die Erarbeitung des Sinns ist die Aufgabe des Unternehmers. Er kann natürlich seine Mitarbeiter daran mitwirken lassen, aber letztlich ist und bleibt es Unternehmeraufgabe und er benötigt ein Ergebnis, hinter dem er zu 110 Prozent steht. Das liegt schlicht daran, dass er als Unternehmer, solange er noch nicht alle Unternehmeraufgaben erfüllt hat, der einzige ist, der nicht austauschbar ist.

Hinter jedem Sinn steht ein Grundmotiv. Um einen Sinn für sein Unternehmen zu entwickeln, ist der entscheidende erste Schritt, sein eigenes Grundmotiv herauszuarbeiten. Der beste Weg hierzu sind Geschichten aus dem eigenen Leben. Der zweite Schritt ist, dass man sich eine wünschenswerte Zukunft ausmalt. Vor allem in Hinblick auf sein Grundmotiv. Der dritte Schritt ist die Definition der Größe seiner „Welt“ und damit auch die Definition seiner Zielgruppe. Findet man schließlich die Schnittmenge, kann das eigene Unternehmen am meisten zu der wünschenswerten Zukunft beitragen.

Anziehungskraft für exzellente Mitarbeiter

Warum ist das mit dem Sinn für die Mitarbeiter wichtig? Nun, die Antwort ist einfach: Der Mensch ist ein gesellschaftliches Wesen. Das subjektive Sinngefühl ergibt sich daraus, etwas beizutragen. Etwas beitragen zu können, fühlt sich gut an. Ein Unternehmen, das also etwas Sinnvolles tut, ist ein Unternehmen, in dem man gerne arbeitet und mit dem die Kunden (und Stakeholder) gerne zu tun haben. Sinn macht anziehend!

Auch und gerade für exzellente Mitarbeiter. Ist doch klar: Die wirklich guten Leute wollen dort arbeiten, wo sie das Gefühl haben, etwas beitragen zu können. Die Mehrheit der etwas intelligenteren und engagierteren Mitarbeiter arbeitet eben lieber beim Produzenten von Windkraftwerken als im Rüstungsbetrieb.

Nun ist der Sinn nicht fest vorgegeben, sondern ergibt sich aus der Perspektive, mit der man etwas betrachtet. Also die Frage: Wie weit zoome ich an das Bild heran oder wie weit trete ich zurück? Das kann in die eine Richtung so weit gehen, dass jemand am Fließband als Sinn definiert: Ich stecke die Schraube ins Loch, damit mein Nachbar die Mutter draufdrehen kann. Das ist ein Beitrag für einen anderen. Und in die andere Richtung kann man über irgendwelche spirituellen Erklärungsmodelle so weit gehen, dass man mit seiner Tätigkeit das Universum verbessert. Das eine Extrem ist für den Einzelnen meist unbefriedigend, das andere meist unnötig.

Aber wenn es darum geht, ein anziehendes Unternehmen zu schaffen, dann ist es doch eher wichtig, eine möglichst große Perspektive zu wählen. Als Steuerberater kann ich den Sinn meiner Arbeit darin sehen, professionelle Steuererklärungen zu erstellen. Oder ich kann den Sinn darin sehen, das aufgeblasene Steuersystem für die Menschen in meinem jetzigen und zukünftigen Wirkungsbereich einfacher und verständlicher zu machen. Zwei unterschiedlich große Perspektiven. Zwei unterschiedlich große Anziehungskräfte.

Der Haken ist halt: Wenn man als Anbieter in eine große, komplexe, gesellschaftliche Luftblase (wie das Steuersystem) integriert ist, kann man die Perspektive nicht sehr groß machen, ohne dass die Sinnlosigkeit für alle ersichtlich wird. Dann bleibt nur: Entweder in der kleinen Perspektive zu verharren (und noch mehr Luft rein zu pumpen). Oder sich eine neue Funktion suchen: durch Spezialisierung und/oder Veränderung des Angebots.

Unser Steuerberater kann also hergehen und sich die Frage stellen: Welche Unternehmen leisten denn einen sinnvollen Beitrag? Und er kommt dann vielleicht auf den Ökologie-Sektor. Nun kann er feststellen, dass es dort zwar viele Förderungen gibt, das oft aber nicht wirklich durchsichtig ist. Wenn er nun seine Funktion dahin gehend ändert, Unternehmen aus dem Ökologie-Sektor im Bereich Finanzierung und Unternehmensführung voranzubringen (und nebenbei auch noch die Steuern macht), dann wird die Tätigkeit plötzlich auch aus größerer Perspektive sinnvoll. Er hat seine Funktion geändert.

Letzten Endes reduziert sich alles immer auf zwei Fragen. Erstens: Wie kann ich die Perspektive möglichst groß wählen? Und zweitens: Was ist die Funktion meines Unternehmens innerhalb dieser Perspektive?

Bildmaterial: pixelio.de/Albrecht E. Arnold