Zoe Adamovicz arbeitet bereits ihr ganzes Leben online. 1999 gründete sie ihr erstes Internet-Startup in Warschau. Mit ihrer neuesten Gründung Xyologic (www.xyologic.com) macht sie die App-Economy greifbar – riesige Datenmengen werden monatlich von dem Berliner Startup analysiert. Im Interview mit Gründerszene spricht sich über das Startupmekka Berlin, die App-Trends und verrät, wieso sie mehr Apps listet als Googles Android Market.

Zoe, man sieht Dich auf zahlreichen Events in der Startupszene, Berlin scheint Deine Heimat und Inspirationsquelle geworden zu sein. Wie bist Du nach Berlin gekommen?

Die Geschichte, wie ich nach Berlin kam, ist fast magisch. Ich habe schon immer in der Onlineindustrie gearbeitet, 1999 gründete ich meine erstes Startup in Warschau, Polen. Damals war ich 20 Jahre alt. Eines Tages kam ein deutscher Journalist vom Handelsblatt nach Warschau, auf der Suche nach einer Geschichte über den Dotcom-Boom in Osteuropa. Er machte ein Interview mit mir. Ich war zu unerfahren, um den Wichtigkeits-Faktor zu erkennen und vergaß das Interview wieder. Bis einige Wochen später jemand zu mir sagte: “Zoe, im Handelsblatt ist dieser Artikel mit diesem großen Bild von Dir.” Ich antworte: “Ha … was?” Ich hatte eine Kopie des Artikels, aber konnte damals nicht mal deutsch lesen. Die Kopie verblieb unberührt in meinen Unterlagen.

Einige Jahre später landete ich in Berlin, um dort zu leben. Im Grunde war ich gekommen, weil ich die Komplexitätstheorie von Niklas Luhmann studieren wollte und fand, dass Berlin der beste Ort dafür sei. Als ich meine Papiere sortierte, fiel mir das Handelblatt-Interview wieder in die Hände. Ich las es, zum allerersten Mal. Es war ein langes Interview. Im Artikel stand etwas über über mein rotes Auto, mit dem ich durch den Nebel fuhr, viele Floskeln über den Dotcom-Boom waren enthalten und ganz am Ende des Artikels fragte mich der Journalist: “Nach dem Unternehmen, was wirst Du danach machen?”  Und ich antwortete: “Ich werde nach Berlin ziehen.”

Ich schwöre, er hatte mir diese Frage nie gestellt. Ich hatte damals nicht einmal über Berlin als mögliche Option nachgedacht. Jahre später traf ich Thomas Knüwer, Editor-at-Large der deutschen Wired (www.wired.de) wieder. Seither erinnert er mich jedes Mal, wenn wir uns treffen, an diesen Artikel. Irgendetwas wusste, dass ich in diese Stadt gehöre und hat mich einfach hierher geführt.

Hilft die Szene sich hier gegenseitig? Was macht diese Stadt zur Startupmetropole?

Jeder redet derzeit über Berlin als das Silicon Valley Europas. Es gibt zahlreiche Artikel darüber. Darüber, dass Berlin vor London liegt, darüber, dass das nächste Facebook aus Berlin kommen wird, darüber, weshalb das alles in Berlin passiert und nicht in München oder Düsseldorf. Berlin ist voller Gründergeist, die ganze Stadt ist ein großes Startup. Es gibt kaum Industrie und wenige Arbeitsplätze, das macht es fast notwendig selbst zu gründen.

Es gibt eine Menge zu tun. Im Vergleich zu Paris oder London ist Berlin fast unterentwickelt, so dass es relativ einfach ist, einen Unterschied zu machen. Jahre der Ost-West Trennung haben den Fortschritt verhindert, so entstand auch eine Lücke für Chancen. Das ist sehr motivierend, schafft eine tolle Atmosphäre, fördert Gründungen, den Zuwachs von kreativen Menschen aus der ganzen Welt und die Entstehung eines dezentralen Ökosystems von kleinen dynamischen Unternehmen und Projekten, die verwoben sind und sich gegenseitig unterstützen.

Natürlich erinnert Berlin ein bisschen an eine kleine Version des Silicon Valleys, aber viel wichtiger ist, dass Berlin die Samen für eine neue Generation von Unternehmen sät : mit einem Ökosystem aus miteinander verbundenen kleinen, schnell agierenden Unternehmen. Ich glaube, dass Berlin auf diese Weise, obwohl die Stadt noch immer arm ist, die struktuerellen Innovationen der globalen Wirtschaft befruchtet. Und das ist wahrscheinlich das Aufregendste an dieser Stadt.

Mit deinem Startup Xyologic analisiert Ihr riesige Datenmengen aus 29 Ländern. Wer gehört noch zum Team und wie seid Ihr auf die Idee gekommen?

Es gibt drei Gründer: Matthaeus Krzykowski, Marcin Rudolf und mich. Alle von uns haben in ihrer gesamten beruflichen Laufbahn in der Mobile-Branche gearbeitet. Vielleicht kennt ihr Matthaeus’ Analysen der Mobile-Szene in VentureBeat. Ich habe zuvor bereits einige Mobile-Firmen gegründet und Marcin hat schon viele komplexe Systeme für die Giganten der Mobile-Branche aufgebaut. Für ein Team wie uns, mit 30 Jahren Erfahrungen im Mobile-Bereich, bietet die Entstehung der App-Wirtschaft ein Eldorado an Möglichkeiten!

Vor zwei Jahren entschieden wir uns zu prüfen, was wirklich in der App-Wirtschaft los ist. Der Forschung von Gartner und Forrester standen wir misstrauisch gegenüber. Deshalb wollten wir uns selbst eine Meinung bilden. Wir stießen eher zufällig auf einen Datensatz zur Entwicklung des Android-Markets und werteten die Daten aus (alle drei von uns lieben Data-Mining).

Die Ergebnisse, die wir bekamen, waren überwältigend: Wir trafen auf eine Wirtschaft mit riesigen Wachstumszahlen, die unsere Gewohnheiten ändert und digitale Inhalte und Software neu definiert. Die App-Wirtschaft – und ich spreche gezielt von Apps und nicht der Mobil-Branche im Gesamten – ist ein kulturelles und wirtschaftliches Phänomen, das, wie wir glauben, einen ähnlich großen Einfluss auf das Internet haben wird, wie das Web 2.0 vor ein paar Jahren. Das klassische Internet ist das Internet der Informationen, die wir verwenden, um etwas zu tun, das Web 2.0 ist sie soziale Hülle, die wir nutzen um Dinge gemeinsam zu machen, die App-Industrie ist das Internet der allgegenwärtigen kleinen Helfer, die Dinge für dich und um dich herum organisieren. Wir fanden uns selbst vor etwas ganz Großem. In den folgenden Wochen bauten wir unsere erste Technologie, erfanden diesen schrecklichen Namen und starteten Xyologic.

Was sind die drei wichtigsten Trends in der App-Economy in diesem Jahr?

Bisher gab es nur einen wichtigen Trend: Aufwärts. Die Downloadzahlen steigen, die Anzahl der Apps wächst. Das bedeutet, dass Menschen Apps konsumieren, die Nachfrage ist riesig, und die Entwickler entwickeln immer weiter. Fakt ist: Verglichen mit dem Wachstum des Internet zum Höhepunkt in den frühen Neunzigern scheint die App-Wirtschaft noch schneller zu wachsen – es gibt heute mehr Apps, die täglich erstellt werden, als damals Webseiten.

Ihr kooperiert mit namhaften Medien wie Techcrunch und Time. Was versprecht Ihr Euch davon und welche Daten nutzen Medien am liebsten?

Eines unserer Ziele ist es, mehr Transparenz in die weltweite App-Wirtschaft zu bringen. Indem wir Daten zur App-Economy kostenlos an die passioniertesten Personen geben, ermöglichen wir es ihnen lokale Märkte zu analysieren. Die App-Industrie in China unterscheidet sich wesentlich von der in Israel oder Deutschland und wir lassen lokale Analysten darüber diskutieren. Deshalb veröffentlichen wir so viele Daten kostenlos und unterscheiden nach Ländern. Derzeit haben wir rund 30 Partner auf der ganzen Welt, in der Regel Tech-Blogs oder Publikationen, aber auch Finanzanalysten von der Wall Street oder große Magazine, die neue und exklusive Daten monatlich von uns nutzen.

Jeden Monat gibt es Artikel basierend auf Xyologic-Daten, oft in einer Sprache, die wir nicht einmal verstehen. Von Hebräisch über Arabisch bis hin zu Chinesisch. Das ist wahrscheinlich einer der schönsten Momente für uns – wenn wir den weltweiten Diskurs über die Mobile-Szene sehen und eine Verbindung zwischen Gleichgesinnten auf der ganzen Welt ermöglichen. So können wir auch Impulse für eine globale Konversation setzen, und die globalen Erkenntnisse landen häufig auf TechCrunch oder in anderen großen Titeln.

Zum Business: Wie funktioniert Euer Geschäftsmodell? Und wie groß ist das Marktpotenzial?

Im September 2011 hatte Apples App-Store 1,45 Milliarden App-Downloads, im selben Monat gab es nur 0,64 Milliarden Downloads im Android Market. Aufgrund der Wachstumsraten gehen wir davon aus, dass beide Plattformen im Juni 2012 3,2 Milliarden Downloads haben werden. Die Anzahl der Anwendungen ist ein weiterer Indikator für die Größe des Marktes. Nach unseren Berechnungen wird Apples App-Store im August 2012 rund 680.000 Apps anbieten und der Android Market fast ebenso viele. Ein weiterer Indikator für die Wachstumsraten ist die Umsatzbeteiligung für App-Entwickler in Höhe von vier Millarden US-Dollar, von denen allein 700 Millionen US-Dollar im vierten Quartal 2011 erzielt wurden.

Wir planen weitere Phasen in der Entwicklung von Xyologic. Derzeit befinden wir uns in der ersten Phase. Unser Business-Modell basiert auf dem Verkauf von Premiumdaten. Was auf unserer Webseite frei verfügbar ist, ist nur die Spitze des Eisbergs, natürlich sind weitere exklusive Daten verfügbar. Unsere Kunden reichen von großen Unternehmen wie McKinsey, Zynga, Microsoft und LG über mobile Werbemärkte bis hin zu kleinen App-Publishern.

Ideen umzusetzen kostet Geld. Wie finanziert ihr euch?

Bisher funktioniert Xyologic nur durch den Cash-Flow. Wir wollten zuerst eigenes Geld erwirtschaften, bevor wir das Geld von jemand anderem nehmen. In einem sich sich entwickelnden Markt ist das der faire Weg. Damit hatten wir genug Erfolg, um unsere Technologie weiterzuentwickeln und uns zu finanzieren. Das war harte Arbeit, hat uns aber viel Vertrauen geschenkt.

Gibt es etwas, das Euch noch fehlt? Ein Mitarbeiter, ein Investor oder ein Büro?

Es gibt immer etwas das fehlt! Jemand, der Data-Mining, Datenvisualisierung oder die App-Wirtschaft liebt oder einfach ein großer Mathematiker ist, findet immer einen Platz in unserem Team. In Bezug auf Investoren – bisher haben wir noch keine Investoren. Bisher. :-)

Wo steht Ihr heute in einem Jahr?

Bereits heute wissen wir über Android mehr als Google selbst. Mehr als jeder App-Store über sich selbst. Wir erkennen das große Bild der App-Wirtschaft und die Abhängigkeiten zwischen verschiedenen Plattformen. Wir haben den umfassendsten Blick auf das Publisher-Ökosystem, die App-Nutzer, ihren Geschmack und ihre Verhaltensweisen. In einem Jahr hoffen wir, diese Informationen in die breite Öffentlichkeit getragen zu haben. Wir glauben, das Xyologic mehr Orientierung und Transparenz in den fragmentierten App-Markt bringt und das wollen wir weiter fördern.

Bild: ABosch