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Das Internet erweckt oft den Anschein, bereits alle Bereiche unseres Lebens durchdrungen und revolutioniert zu haben. Mag dies für viele Bereiche zutreffen, beharrt jedoch kaum ein Sektor so sehr auf veralteten Werten wie das Banken- und Finanzwesen. Amiando-Mitgründer Marc P. Bernegger hat es sich als Partner der gelisteten Schweizer Beteiligungsgesellschaft Next Generation Finance Invest (www.nextgfi.com) zur Aufgabe gemacht, genau daran etwas zu ändern. Ein Interview über Finance 2.0, Banking 2.0 und die aufstrebende Schweizer Startuplandschaft.

Hallo Marc, stelle dich bitte kurz vor.

Ich bin 32-jährig, komme aus Zürich und habe 1995, damals noch als junger Schüler, das Internet entdeckt, das mich von Anfang an sehr fasziniert hat.

Du hast mehrfach erfolgreich gegründet, verkauft und bist nun selbst VC. Stelle deine Unternehmergeschichte gerne ausführlich vor.

Ich würde mich selber nicht als VC, sondern als Unternehmer, der in andere Unternehmer Geld und Zeit investiert, bezeichnen. ;-) Wie eingangs erwähnt kam ich schon sehr früh mit dem Web in Kontakt und habe 1999 zusammen mit einem engen Freund und unserem damals gesamten Taschengeld von 3.000 Schweizer Franken die Party-Plattform usgang.ch gegründet (usgang.ch wurde 2008 von Axel Springer gekauft; Anmerkung der Redaktion). Nach dem Abschluss meines Jura-Studiums und einem kurzen Ausflug in die Welt der Anwälte war ich einer der Mitgründer von Amiando (de.amiando.com) (Amiando wurde 2010 von Xing gekauft; Anmerkung der Redaktion) und verbrachte einige spannende Jahre in München.

Heute bin ich Partner der an der Börse gelisteten Beteiligungsgesellschaft Next Generation Finance Invest. Persönlich hat mich die Finanzbranche schon immer fasziniert (was natürlich auch daran liegen kann, dass ich in Zürich lebe und die meisten Freunde von mir in diesem Umfeld arbeiten). Ich finde es sehr spannend, mit meinen Erfahrungen als Internet-Unternehmer in diese “alte Welt” vorzustoßen und die enormen Möglichkeiten auszuschöpfen. Meine beiden Partner bei Next Generation Finance Invest, Thomas Winkler und Robert Lempka, haben über 50 Jahre Erfahrung in der Finanzbranche, das heißt, wir sind von unserem Background her sehr komplementär.

Stichwort Finance 2.0 und Banking 2.0: Was heißt das für euch als Beteiligungsgesellschaft genau und was für Unternehmen fallen in diese Kategorie?

Aktuell sind wir mit Next Generation Finance Invest bei fünf Unternehmen beteiligt (Oanda, Gekko Global Markets und aus Deutschland Ayondo, 2iQ Research und Yavalu) und da wir uns in einer absoluten Nische bewegen, bestehen zwischen unseren Portfolio-Unternehmen große Synergien.

Für uns ist es wichtig, dass die Unternehmen disruptive Geschäftsmodelle mit sich bringen, welche schnell skalierbar und international ausrollbar sind. Desweiteren muss das Unternehmen ein potentieller “Game Changer” sein, das heißt, wir suchen Ideen, welche fundamentale Veränderungen in der Finanzbranche auslösen oder zumindest davon profitieren. Nicht umsonst spricht man in Anlehnung zum Begriff “Web 2.0″ bei solchen Ansätzen auch von “Finance 2.0″ oder “Banking 2.0″ und mit Next Generation Finance Invest konzentrieren wir uns genau auf diese Nische.

Die Schweiz ist für viele deutsche Internet-Unternehmer ein willkommenes Internationalisierungsziel. Was aber macht die Schweiz neben der fehlenden Sprachbarriere attraktiv?

Die Schweiz ist weltweit einer der zahlungskräftigsten Märkte überhaupt, was natürlich für jeden Dienstleister spannend ist. Oft bezahlt man in der Schweiz für identische Services deutlich mehr, das heißt, die Margen sind sehr attraktiv. Desweiteren sind Schweizer bei technologischen Entwicklungen sehr aufgeschlossen (zum Beispiel wurden nach der Einführung des iPhones in der Schweiz lange Zeit absolut (!) mehr Geräte verkauft als in Deutschland).

Wie schätzt du die Schweizer Startup- und VC-Szene im Allgemeinen ein? Die deutsche hängt der amerikanischen ungefähr zehn Jahre hinterher. Wo steht die Schweiz?

In der Schweiz ist zwar viel Kapital vorhanden und auch einige der renommiertesten VCs sitzen hier (was viele gar nicht wissen, zum Beispiel Index Ventures (www.indexventures.com www.mficonnect.com) in Genf), allerdings fließt leider nur wenig von diesem Geld in junge und innovative Startups. Hier gäbe es im Vergleich zu Deutschland sicher noch Aufholbedarf.

Die Schweiz als Bankenland Nummer eins und deren Finanzbranche scheint den Trend Internet verschlafen zu haben. Warum?

Das stimmt. Unter den Gesichtspunkten Transparenz und Effizienzsteigerung ausgelöst durch technologische Innovationen wird sich der Zugang zu den Angeboten der Finanzbranche stark demokratisieren. Traditionelle Banken werden nicht darum herum kommen, sich diesem für sie schmerzhaften Prozess anzupassen, das heißt, ihre Strukturen effizienter zu gestalten, dem Kunden gegenüber offener zu sein und vor allem die oft ungerechtfertigt hohen Gebühren nach unten anzupassen.

Ist der Umbruch ein Vor- oder Nachteil für die Startupszene? Und wie schätzt du die Entwicklung der Schweizer Startup- und Finanzbranche in den nächsten Jahren ein?

Aus meiner Sicht wird sich die Finanzbranche durch die Auswirkungen der digitalen Revolution in den nächsten Jahren ähnlich stark verändern, wie dies bereits in anderen Industrien geschehen ist. Wenn man rückblickend analysiert, was sich zum Beispiel im Handel oder Verlagswesen durch das Internet alles verändert hat und diese Entwicklungen mit denjenigen in der Finanzbranche vergleicht, ist es erschreckend, wie wenig sich hier bisher getan hat. Diese Transformation ergibt enorme Möglichkeiten für innovative Ideen und neue Startups, welche sich in den Bereichen Finance 2.0 und Banking 2.0 bewegen.

Marc, danke für das Gespräch.