Busuu, Babbel, Sprachenlernplattform, Interview, Silbo Gomero, UNESCO, Silberner Löwe Cannes, Spanien, Bernhard Niesner, Adrian Hilti, Johann Hansmann, Martin Varsavsky, Tomy Lorsch, Adrian Hilti

Was treibt einen Wiener in den afrikanischen Dschungel? Was kann ein Internetgründer für das UNESCO-Weltkulturerbe tun? Warum mit seinem Startup nach Madrid gehen? Paris gab die Antworten. Dort hatte Gründerszene während der LeWeb-Konferenz im Dezember die Gelegenheit, den sympatischen Weltenbummler und CEO der Sprachenlernplattform Busuu (www.busuu.com), Bernhard Niesner, kennenzulernen. Zusammen mit dem Schweizer Adrian Hilti gründete er 2008 die interaktive Sprachenlernplattform, die sich inzwischen über zehn Millionen Nutzer erfreut. Bernhard Niesner verriet einiges über den Werdegang des Startups, Projekte zur Rettung aussterbender Sprachen sowie die Abgrenzung zum Busuu-Konkurrenten Babbel (www.babbel.com). Programmierende Gründerszene-Leser, die gern einmal in Spanien arbeiten würden, sollten besonders gut aufpassen.

Hallo Bernhard, stelle dich doch bitte einmal kurz vor.

Mein Name ist Bernhard Niesner. Ich bin ursprünglich aus Wien, Österreich, bin 32 Jahre alt und der Co-Founder und CEO von Busuu.

Busuu – was ist das für ein Name, woher kommt das?

Busuu ist ursprünglich eine Sprache aus Kamerun, die nur von acht Leuten gesprochen wird. Letztes Jahr haben wir ein Filmteam nach Kamerun geschickt, um diese acht Leute zu finden, da gibt es auch ein recht lustiges YouTube-Video, das du dir anschauen kannst. Wir haben diese acht Leute gefunden und dann gemeinsam eine virale Aktion gestartet – das nannte sich „Save Busuu“, da konnten die Leute dann einen eigenen Busuu-Song singen und ein bisschen mit dieser Sprache experimentieren. Der Hintergrund ist ganz einfach – wir sagen, okay, man kann nicht nur „große“ Sprachen bei Busuu lernen, sondern wir wollen auch jene Sprachen unterstützen, welche vom Aussterben bedroht sind. Und unsere Plattform Busuu.com ist mittlerweile die größte Sprachlerncommunity in Europa.

Ich habe da noch etwas zu einem anderen Projekt bei euch gelesen: Es hatte etwas mit der UNESCO zu tun. Was war das?

Wir haben auch im Jahr 2008 ein Projekt über den Silbo Gomero gemacht. Das ist eine Pfeifsprache von den kanarischen Inseln, der Isla de la Gomera. Wir haben darüber ein ziemlich cooles virales Video gemacht und sogar einen Silbernen Löwen bei den Marketing-Festspielen in Cannes gewonnen.

Wow!

Ja, da waren wir auch ziemlich begeistert, und lustigerweise hat dann kurz danach die UNESCO den Silbo Gomero auch als UNESCO-Weltkulturerbe anerkannt.

Woher kommt dieses Engagement? Kommt ihr Gründer aus dem Sprachenbereich?

Nein, eigentlich nicht wirklich. Wir sind halt alle begeisterte Sprachenlernende und sprechen selber mehrere Sprachen. Sprachen an sich sind eben ein super-interessantes Thema, mit dem man viele kreative Ideen umsetzen kann.

Erzähle bitte noch einmal ausführlicher, was Busuu eigentlich macht.

Busuu.com ist eine Sprachlerncommunity mit derzeit fünf Millionen Usern online. Dazu kommen zusätzlich noch fünf Millionen Benutzer unserer mobilen App, das heißt, wir haben mehr als zehn Millionen User insgesamt. Man hat kostenlosen Zugang zu Sprachkursen in neun verschiedenen Sprachen – alles audiovisuell aufgebaut mit Fotos, mit Stimmen von professionellen Sprechern, mit Dialogen, mit Übungen etcetera.

Und gleichzeitig – und das ist das Innovative daran – hat man eben die Möglichkeit, seine Sprachkenntnisse direkt mit Native Speakern von der Community zu verbessern. Das heißt, wenn du Spanisch lernen möchtest, zeigen wir dir die Spanisch sprechenden Native Speaker und du kannst mittels einer integrierten Videochat-Applikation und gegenseitigen Text-Verbesserungen direkt dein Spanisch verbessern. Man ist somit nicht nur Student einer Fremdsprache, sondern gleichzeitig auch Tutor seiner eigenen Muttersprache.

Interessant. Ich glaube, einer eurer größten Konkurrenten ist ja Babbel. Wie genau grenzt ihr euch von ihnen ab?

Babbel hat einen anderen Approach gewählt: Sie haben ein reines Premiummodell, das heißt, sie bieten Sprachkurse an, für die man gleich bezahlen muss. Wir haben ein Freemiummodell, bei uns kann man also auch kostenlos relativ viel machen. Wir haben auch wesentlich mehr Social-Media-Funktionialitäten – also, die Community steht bei uns mehr im Vordergrund und generell ist unser System auch ein bisschen verspielter.

Wir haben auch einen sogenannten Sprachgarten: Jede Sprache, die du lernst, wird durch einen Baum repräsentiert. Je mehr du lernst, umso größer wird dieser Baum. Wenn du faul bist, schrumpft er wieder. Du kannst Busuu-Berries sammeln… Wir haben, glaube ich, mehr Game-Aproach als Babbel, die haben einfach einen anderen Weg.

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Okay. Du hast gerade das Freemium-Modell angesprochen. Wie genau finanziert ihr euch?

Wie gesagt, der Zugang zur Grundversion ist vollkommen kostenlos. Da kann man schon relativ viel machen. Wenn man allerdings Zugang zu den Premiumfunktionen wie PDF, Podcasts, Live-Units, Grammatikeinheiten, Videounits erhalten möchte, muss man circa fünf Euro pro Monat bezahlen. Pro Tag melden sich 15.000 Leute auf unserer Webseite an, von dem sich ein Teil für die Premium-Version entscheidet.

Abgesehen von den auf der Website generierten Einkünften – was ist da hinter den Kulissen passiert? Wer hat euch bis jetzt unterstützt, wie ist das Ganze entstanden und wann überhaupt?

Die Idee zu Busuu.com kam uns während eines MBAs an der IE Business School, wo Adrian und ich uns kennengelernt haben. Dann haben wir zu Beginn 2008 die Firma in Spanien gegründet – mit privatem Kapital -, waren dann zwei Jahre lang bootstrapped, das war die typische Startupstory mit keinerlei Gehalt, langen Nächten im Büro und relativ wenigen Ressourcen.  Allerdings haben wir eben sehr effizient und viel gearbeitet.

Im Jahr 2010 haben wir die erste Angel-Runde mit Johann Hansmann gemacht, mittlerweile ein recht bekannter Business-Angel – unlängst als bester Business Angel Österreichs gekürt. Im April 2011 hatten wir dann eine Finanzierungsrunde mit Martin Varsavsky, das ist auch ein bekannter Angel aus der Szene, der auch in Madrid lebt. Derzeit sind wir auch in Gesprächen mit unterschiedlichen Investoren.

Zum Thema Madrid: Sehr interessant. Warum Spanien? Auf Gründerszene hatten wir gerade einen Artikel zum Thema, wie schwierig es für deutsche Startups sein kann, aufgrund des großen Kulturclashs in Spanien zu starten. Du bist Österreicher, aber erzähl mal.

Den Artikel habe ich natürlich gelesen, der war von einem Freund von mir, dem Tomy Lorsch. Wir haben damals Madrid gewählt, weil eigentlich keiner von uns zurück in die Kälte wollte – weder ich nach Österreich noch der Adrian in die Schweiz. Natürlich ist es auch so, dass Mitarbeiterkosten in Spanien geringer sind als in Deutschland oder Österreich.

So haben wir das Startup dort gegründet und mittlerweile sind wir ein Team aus 14 Leuten plus circa 40 Freelancern. Nun sind wir dort ganz gut angesiedelt. Madrid ist natürlich auch ein sehr angenehmer Standort zum Leben – ist eben eine junge, pulsierende Stadt – und wir versuchen, immer mehr auch internationale Talente nach Madrid zu bekommen. Das heißt also, wenn sich von euren Lesern mal einer aus dem Winter verabschieden und in Spanien arbeiten möchte und auch noch Programmierer ist, dann möge er sich bitte bei uns melden.

Das heißt aber, ein Großteil eurer jetzigen Mitarbeiter ist spanisch?

Nein, gar nicht. Wir haben ein sehr internationales Team. Bei uns arbeiten Kanadier, Libanesen, Deutsche, Mexikaner, Spanier, Italiener… Wir sind acht Nationen bei Busuu.com. Wir versuchen auch, sehr international zu sein, weil wir natürlich auch die Sprachen sprechen möchten, die wir auf der Webseite anbieten.

Aber wenn du an Spanien denkst, gibt es denn irgendwo mal Reibungspunkte, wo du denkst: Doch, es gibt kulturelle Schwierigkeiten?

Sicherlich ist die Lebenseinstellung zum Teil eine andere als in Deutschland oder in Österreich. Man arbeitet, um zu leben und nicht umgekehrt – was an sich ja nicht schlecht ist! Allerdings gibt es derzeit eine Jugendarbeitslosigkeit von fast 50 Prozent, das ist schon ein Irrsinn. Und leider sind die jungen Leute auch nicht wirklich so gut ausgebildet wie in Deutschland oder in Österreich.

Ein durchschnittlicher Absolvent einer spanischen Uni hat im Vergleich zu einem Deutschen fast gar keine Berufserfahrung. 50 Prozent der Spanier sprechen auch kein Englisch. Deswegen haben wir mit Busuu.com gerade in Spanien relativ viel Erfolg, weil der Bedarf für Sprachlernangebote sehr groß ist.  Da wir allerdings als Mitarbeitersprache Englisch haben, das heißt, nur Leute rekrutieren, die fließend Englisch sprechen können, tun wir uns dann beim Recruiten natürlich ein bisschen schwer.

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Ich habe gehört, ihr habt bei The Europas abgesahnt…

Letztes Jahr haben wir den zweiten Platz gemacht, und dieses Jahr haben wir gewonnen. Das freut uns natürlich sehr und ist eine schöne Belohnung für die harte Arbeit im letzten Jahr. Bestes Education-Startup in Europa zu sein, ist schon eine sehr würdige Auszeichnung – denn es gibt viele tolle Startups. Dies ehrt uns natürlich und hat uns auch angespornt, in der Zukunft noch mehr zu machen.

Wir haben große Pläne für das nächste Jahr. Wir arbeiten sehr stark an mobilen Lösungen. Zum Beispiel wurde unsere iPhone– und Android-App in einem Jahr mehr als fünf Millionen Mal heruntergeladen. Das ist ein unglaublich starkes Wachstum! Außerdem wollen wir neue Sprachen launchen. Nächste Woche wird Arabisch gelauncht, dann kommen Anfang des Jahres noch asiatische Sprachen hinzu. Wir expandieren auch stark in den B2B-Bereich – sprich, wir wollen unsere Plattformen an Firmen, Schulen, Universitäten und so weiter vertreiben – denn da gibt es auch großen Bedarf für innovative Sprachlernformen. Ein paar geheimere Projekte gibt es auch noch – wir haben viel vor!

Meine letzte Frage hast du damit schon sehr ausführlich beantwortet. Vielen Dank, Bernhard, für das Gespräch!

Danke auch!