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Bis zum 9. Oktober 2011 lief der Einsendeschluss der Gründerinitiative enable2start (www.enable2start.de). Der Gründerwettbewerb der Financial Times Deutschland geht damit in die fünfte Runde. Wieder winken den Gewinnerteams fünfmal 50.000 Euro in bar und eine reichweitenstarke Berichterstattung, die auch vor Veröffentlichung der Geschäftszahlen nicht halt macht. Gründerszene sprach mit dem Initiator Thomas Clark über Unternehmergeist, Gewinner, Verlierer und das Thema Transparenz.

Thomas, stell dich und enable2start doch einmal ganz kurz vor.

Ich bin geschäftsführender Gesellschafter der Agentur Ambo Media, Senior Consultant der Gruner & Jahr Wirtschaftsmedien sowie Ideengeber und Projektleiter von enable2start, der mittlerweile größten Gründerinitiative Europas. Bei enable2start werden jährlich fünf Sieger ausgezeichnet. Sie bekommen 50.000 Euro in bar und werden über ein Jahr lang redaktionell begleitet – mit großer Transparenz, in guten wie in schlechten Zeiten. Damit haben nicht nur die Sieger etwas von enable2start, sondern alle, die sich für das Thema Gründung interessieren.

Bevor du enable2start ins Leben gerufen hast, hast du für die Financial Times Deutschland als Korrespondent über US-Unternehmen berichtet. Inwieweit hat dich der amerikanische Gründergeist angesteckt und zu der Idee von enable2start geführt?

Zuerst war es weniger der amerikanische Gründergeist per se als vielmehr das vibrierende Leben in New York. Ich habe in Midtown-Manhattan gearbeitet, im Greenwich Village und später in Harlem gelebt. Dadurch kam ich mit sehr unterschiedlichen Menschen in Kontakt. Was mir dabei aufgefallen ist: Egal ob Banker, Galerist, Künstler, Lebenskünstler oder Unternehmer – jeder war offen für Gespräche, verstand sich in der Kunst des Geschichtenerzählens und teilte freimütig seine Visionen und Pläne. Sogar in einem Obdachlosenheim, bei dem ich mich damals engagiert hatte, war das so. Das hat mich sehr inspiriert.

Privat fand ich in New York mein Glück sehr schnell, schon drei Tage nach meiner Ankunft lernte ich meine heutige Frau kennen. Dadurch konnte ich mich dann auf berufliche Träume konzentrieren und so begann ich, mit amerikanischen Gründern zu sprechen. Deren Geschichten „live“ zu verfolgen, schien mir enorm spannend – und so entstand die Idee zu enable2start.

Mit Ambo Media bist du 2009 selbst zum Unternehmer geworden. Steckt Unternehmertum an?

Das weiß ich nicht genau, Unternehmergeist hatte ich wohl schon lange in mir, nur hat dieser über Jahre hinweg in der sprichwörtlichen Flasche gesteckt. Raus musste er schon vor der Gründung von Ambo Media – und zwar, um enable2start aus der Taufe zu heben. Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern, als ich der Chefredaktion und der Geschäftsführung der Financial Times Deutschland enable2start präsentiert habe. Es war im Juni 2006, jener Tag, als bei der Fußball-WM Deutschland gegen Argentinien gewann.

Damals zeigte ich den Kollegen eine Power-Point-Präsentation (SEHR ungewöhnlich für Journalisten), legte einen detaillierten Business- und Finanzplan und einen Zeitschriften-Dummy mit richtigen Artikeln über Gründer vor. Die Kollegen waren – nun ja: etwas erstaunt. Mir war klar, dass ich das Geld für die Realisierung einer so teuren Initiative selbst auftreiben musste und deshalb schlug ich vor: Gebt mir vier Monate Zeit, ausreichend Sponsoren aufzutreiben. Schaffe ich es, machen wir das Ding. Schaffe ich es nicht, habt ihr einen sehr demütigen Mitarbeiter. Euer finanzielles Risiko ist mein Gehalt während dieser Zeit und die Reisekosten.

Dann bin ich quer durch die Republik gereist, um mehrere Hundertausend Euro aufzutreiben. Dabei merkte ich schnell: Das ist nicht gerade spaßig, aber reichlich unternehmerisch. Der Gedanke, sich irgendwann selbständig zu machen, ist aber schon viel früher gereift. Es hat nur gedauert, bis ich den Schritt auch umgesetzt habe. Ihr müsst wissen: Ich bin in Wien aufgewachsen, da dauert es meistens, bis die Dinge reifen.

Am 9. Oktober 2011 geht enable2start in die fünfte Runde. Wieder haben fünf Unternehmen die Chance auf jeweils 50.000 Euro Fördergeld. Bisher sind auf diese Weise bereits 1 Million Euro Startkapital verteilt worden. Eine Investition, die sich gelohnt hat?

Die Investition lohnte sich in jedem Fall – für uns und auch für die Leser: Durch die regelmäßige redaktionelle Begleitung können Interessierte genau nachlesen, was es bedeutet, ein Unternehmen zu gründen und zwar bei Startups ganz unterschiedlicher Ausrichtung. So etwas gibt es sonst nirgendwo, weltweit.

Falls sich deine Frage allerdings auf den eigentlichen „Return-on-Investment“ bezieht – ich denke, das ist so wie bei allen Venture Capital Aktivitäten. Einige unserer Sieger sind heute extrem erfolgreich, etwa Mymuesli MyMuesli (www.mymuesli.com) oder Statista (www.statista.com), aber auch Susann Schleifs Kinderbetreuungskette Elly & Stoffl (www.elliundstoffl.de) oder Abotic (www.abotic.com), die einen elektronischen Türöffner für Menschen mit Behinderungen entwickelt haben. Hätten wir dort Anteile für die 50.000 Euro erhalten – was bei enable2start bekanntlich nicht der Fall ist -, hätte sich unser Investment bestimmt vervielfacht.

Doch es gab auch Startups, die sich eher zäh entwickelt haben oder über die Zeit aufgeben mussten.

In Amerika ist Scheitern gesellschaftlich anerkannt, hierzulande ist das Pleitegehen eines Unternehmens am ehesten jedoch mit dem Begriff Scham zu verbinden. Wer gehörte in diesen vier Jahren zu den Unglücklichen?

In der ersten Runde musste Jan Rosenkranz mit seiner Idee eines Bioschnellrestaurants (Nat) aufgeben. Allerdings hat Jan es geschafft, eine Insolvenz zu vermeiden, indem er sich mit allen Gläubigern geeinigt hat. Bei einer Million Bankschulden und 400.000 Euro an offenen Rechnungen war das ein unglaublicher Kraftakt, der ihn über ein Jahr seines Lebens gekostet hat. Für mich ist das ein gutes Beispiel, dass sich Unternehmergeist auch bei der Abwicklung zeigen kann. Jan überlegt schon wieder, ein neues Startup zu gründen.

Aus den Siegern der zweiten Runde schlitterte der Klebefolienspezialist für Handys und Laptops, 123skins, (www.123skins.de) in die Insolvenz – allerdings erst nach dem Ende der redaktionellen Begleitung. Simon (Lee) und seine beiden Gründerkollegen können sich allerdings damit trösten, etwas Bleibendes geschaffen zu haben, denn die Bertelsmann-Tochter Arvato hat die Insolvenzmasse übernommen und führt das Portal weiter – mit Erfolg. Womit sich zeigt: Die Idee war und ist gut, nur bei der Umsetzung gab es zu viele Probleme.

Den Gewinnern winkt neben der Geldausschüttung auch eine journalistische Begleitung. Die sieht unter anderem die Offenlegung der Geschäftszahlen vor. In deiner Kolumne zitierst du den MyMuesli-Gründer Hubertus Bessau mit den Worten „Auf Anhieb fallen mir nicht so viele positive Gründe ein, warum ich übermäßig transparent sein sollte.“ Ist Transparenz also ein Problem?

Für manche schon, allerdings eher ein mentales. Informationen, die wirklich wettbewerbsrelevant sind, müssen bei enable2start nicht veröffentlicht werden, insbesondere keine einzelnen Vertragskonditionen. Die Summe der Ein- und Ausgaben hingegen schon, denn nur so können wir es Lesern möglichen, die Entwicklung eines Startups wirklich einzuschätzen. Ich bin überzeugt: weder Hubertus und MyMuesli noch irgendein anderer Sieger von enable2start hat unter der Veröffentlichung der Quartalszahlen geschäftlich gelitten.

Und ehrlich gestanden: für 50.000 EUR und so viel Aufmerksamkeit finde ich ein wenig mehr Transparenz als sonst üblich, auch ok.

In wenigen Tagen buhlen wieder viele Unternehmen um das begehrte Startkapital. Wonach sucht ihr die Gründerteams und Ideen aus? Würden im Jahre 2012 auch die Gewinner der ersten Staffel 2007/2008 eine Chance auf Preisgeld und Berichterstattung haben oder hat sich der Markt in fünf Jahren zu sehr verändert?

Die Kriterien für die Bewertung der Businesspläne und Geschäftsideen haben sich bis heute nicht verändert und sie sind für jeden nachlesbar.

Natürlich gibt es in unserem Kriterienkatalog einige Punkte, die selbst bei einer sehr sorgfältigen Analyse irgendwie subjektiv bleiben. Und obwohl wir uns für die Bewertung der Einreichungen sehr viel Zeit nehmen und auch eine Fülle von Teams zu persönlichen Gesprächen treffen, ist es mir immer wichtig, zu erwähnen, dass wir vielleicht tolle Ideen falsch eingeschätzt oder andere überschätzt haben könnten. Wir versuchen das durch harte Arbeit und Konsultation zu minimieren, aber ausschließen lässt sich so etwas trotzdem nicht.

Was war die wichtigste Erfahrung, die du in fünf Jahren enable2start mitnehmen konntest?

Was die Finanzierung und Veranstaltung von enable2start betrifft, habe ich erfahren dürfen, dass sich große Konzerne und prominente Unternehmer durchaus für eine gute Idee gewinnen lassen. Der Weg dorthin ist steinig und unglaublich anstrengend, doch ich hatte das Glück, durch Enthusiasmus immer wieder Fans von enable2start gewinnen zu dürfen, oft im allerletzten Moment.

Hoffentlich seht ihr mir nach, dass ich deshalb an dieser Stelle noch einmal die Sponsoren der aktuellen Runde erwähnen möchte, denn ohne die wäre die Staffel 2011/12 nicht möglich. Deshalb: Danke an Daimler (www.daimler.com), Euler Hermes (www.eulerhermes.de), die Otto Group (www.ottogroup.com), Roland Berger Strategy Consultants (www.rolandberger.com), Telefónica (www.telefonica.de) sowie an unseren bewährten Mitveranstalter, dem Zentrum für Innovation und Gründung – UnternehmerTUM (www.unternehmertum.de).

Was die Erfahrungen mit unseren Siegern betrifft, stelle ich immer wieder fest, dass selbst bei wirklich tollen Teams die Dinge meist länger dauern als gedacht. Und mein allgemeines Resümee ist: Es ist ein großes Privileg, in der Gründerszene aktiv zu sein.

Thomas, vielen Dank für das Gespräch!