Das Wirtschaftsmagazin Brand Eins (www.brandeins.de) hat einen festen Platz in den Regalen der Zeitungsläden und wird anderen, alteingesessenen Titeln nicht selten vorgezogen. Grund genug, einen Blick hinter die Kulissen des Magazins zu werfen: Gründerszene sprach mit Gründerin und Chefredakteurin Gabriele Fischer über digitale Erlösmodelle, die Gefahr einer weiteren Dotcom-Blase und den allgemeinen Auflagenschwund im Printbereich.


Lässt man im Zeitungsladen den Blick über die einschlägigen Wirtschaftstitel schweifen, dann sticht vor allem ein Cover häufig heraus: das der Brand Eins. Wohl zu Recht – inhaltlich und gestalterisch unterscheidet sich das Wirtschaftsmagazin deutlich von anderen Publikationen. Seit mittlerweile fast zwölf Jahren erscheint die Brand Eins nun schon. Jede Ausgabe glänzt mit einem thematischen Schwerpunkt – immer mit dem Ziel, der jungen Leserschaft mehr als nur die nackten Zahlen zu liefern.

Wer bist Du und was machst Du?

Gabriele Fischer, Journalistin, seit Juli 1998 Unternehmerin, seit Juli 1999 Chefredakteurin von Brand Eins.

Du bist mit der Brand Eins Ende der 1990er Jahre selbst als Gründerin aktiv geworden. Was sind die Schlüsselerkenntnisse aus dieser Zeit?

Dass das Geld nicht auf der Straße liegt – obwohl das damals alle behauptet haben. Dass Rechnungen nicht mehr nur abgezeichnet, sondern bezahlt werden wollen. Und dass selbstständig sein trotz alledem ein Gefühl von Freiheit gebiert, das ich nicht mehr missen möchte. Die wenigsten Selbstständigen sind resozialisierbar.

Mittlerweile wird die Brand Eins zu den wichtigsten deutschen Wirtschaftsmagazinen gezählt. Was unterscheidet euch von anderen Publikationen? Wie groß ist eure Auflage heute?

Wir verkaufen rund 100.000 Ausgaben pro Monat. Was uns von anderen unterscheidet, sind unsere Geschichte und unsere Haltung. Ein von Journalisten gegründetes Magazin, das noch immer eine Herzensangelegenheit ist und kein Job. Ein Magazin, das Aktualität nie wichtig genommen hat, sondern aus dem, was passiert, Themen generiert. Und ein Magazin, das sich für Veränderung interessiert, nicht für den Status quo.

Stichwort Medienkrise: Welche digitalen Erlösmodelle hältst Du als Verlegerin für viel versprechend?

Alles, was nichts mit Inhalten zu tun hat. Verlage verdienen im Internet Geld, wenn sie dort Anzeigen verkaufen, Partner-Börsen einrichten oder Produkte aller Art anbieten. Ob sich das mit den journalistischen Abo-Experimenten (NYT, FT) langfristig ändert, muss man sehen. Ich habe keine Ahnung, was sich am Ende durchsetzen wird; ich weiß nur, dass der Eindruck, alles gehe aus den Fugen, in Zeiten des Umbruchs normal ist. Und normal ist auch, dass Menschen wie Verleger diese Unsicherheit nur ganz schwer aushalten und deshalb so tun, als hätten sie den Stein der Weisen endlich gefunden.

Mit dem Volltextarchiv bietet die Brand Eins einen interessanten Ansatz, der an Freemium-Modelle erinnert. Was hältst Du generell von dieser Art Geschäftsmodell?

Ich finde Freemium interessant, so wie ich alles Neue erst einmal interessant finde. Aber es lohnt sich, das Buch von Chris Anderson zu Ende zu lesen, denn dann wird einem klar, dass es eben nicht um eine neue Kostenlos-Welt ohne Geld und diese blöden Kapitalisten geht, sondern um eine neue Form von Marketing – wie jeder weiß, der sich schon mal eine kostenlose App für ein Spiel herunter geladen und Spaß daran gefunden hat.

Was mir daran gefällt ist: Niemand muss mehr die Katze im Sack kaufen sondern kann sich – kostenlos – ein Bild machen und sehen, ob ihm ein Spiel oder ein anderes Angebot gefällt. Das ist für mich ein respektvoller Umgang mit Kunden, und das war vor zwölf Jahren – als noch keiner von Freemium sprach – für uns der Grund, Brand Eins im Volltext ins Netz zu stellen. Niemand kannte uns, wir konnten mangels Geld keine Werbung machen und haben uns gesagt: Jeder soll sich einen Eindruck machen können. Tatsächlich ist unsere Auflage stetig gestiegen, trotz der kostenlosen Inhalte im Netz; Brand Eins als Magazin zum Anfassen hat offenbar einen eigenen Wert.

Das Platzen der Dotcom-Blase hat die Brand Eins damals mitbeobachtet. Wie siehst Du die Internet-Szene heute? Bahnt sich ein ähnliches Szenario an?

Es ist eine Menge Geld auf der Suche nach Anlagemöglichkeiten, deshalb sind manche Bewertungen schon abenteuerlich. Aber wir haben gerade LinkedIn untersucht, und das ist – sieht man mal von den Bewertungen ab – ein grundsolider Mittelständler. Die Situation ist also anders als um die Jahrtausendwende: Viele der Unternehmen mögen überbewertet sein, aber sie verdienen immerhin Geld. Dass viele Anleger, die auf sie setzen, verlieren werden, ist der Lauf der Dinge. Aber niemand hat sie gezwungen, ins Casino zu gehen. Und niemand hat versprochen, dass im Casino jeder gewinnt.

Und nun eine kritische letzte Frage: Werden Printprodukte auf lange Sicht mit dem Internet mithalten können?

Für mich ist das die falsche Frage. Denn es geht nicht um ein Wettrennen zwischen Print und Internet –  das hätte das Internet längst gewonnen. Es geht eher um Ergänzung und Arbeitsteilung: Wir bei Brand Eins haben das Internet nie als Gegner, sondern immer als Partner betrachtet. Wir freuen uns, dass unsere Leser bei Xing (www.xing.com) und Facebook (www.facebook.com) aktiv sind, sich austauschen, gemeinsam etwas anstellen.

Das wäre ohne Internet nie möglich gewesen. Aber wir lernen gerade von unseren internet-affinen Lesern auch, dass sie es nach allem Chatten, Googeln und Bildschirm-Arbeiten genießen, sich in ein Magazin wie Brand Eins zu vertiefen. Das Internet ist schnell, bunt, vielfältig und unschlagbar bei News, beim Bewegt-Bild, beim Vernetzen, beim Suchen und Hilfe finden. Print dagegen ist, wenn es gut ist: Ruhe, Konzentration, Vertiefung – und eine Wundertüte, in der man auch findet, was man gar nicht gesucht hat.

Gabriele, vielen Dank für das Gespräch.