Ihre Geschichte ist ziemlich ungewöhnlich und doch ist es die Geschichte zweier Unternehmer aus Passion: Farid Zazai und Rias Sherzad kommen ursprünglich aus Afghanistan, von wo sie in den 1980er Jahren wegen dem Einmarsch der Russen nach Deutschland flüchteten. Sherzad brach das Studium der Softwaretechnik ab und machte sich in der IT-Branche selbständig., wo er schnell Fuß fasste. Farid Zazai verschlug es hingegen in den Finanz- und Bankensektor.

Gemeinsam hatten sich die beiden Unternehmer zum Ziel gesetzt, selbstständig unternehmerisch tätig zu sein. Als Gründer von SalamBC konnten die beiden Unternehmertum mit dem Dienst an ihrer Region und ihrem Kulturraum verbinden: Das Portal funktioniert als ein orientalisches Businessnetzwerk. Im Interview mit Gründerszene verrät Rias Sherzad

Stell Dich doch einmal kurz vor, wer bist Du, was machst Du und was hast Du früher gemacht?

Ich bin Rias Sherzad, Co-Gründer vom Salam Business Club, 33 Jahre alt und in Afghanistan geboren, habe aber fast mein gesamtes Leben hier in Deutschland verbracht. Ich stamme ursprünglich aus der technischen Ecke und habe Mitte der 1990er Jahre als Entwickler in kleinen IT-Firmen angefangen und bin dann 1997 in die Internetwelt eingestiegen.

Nach kleineren Zwischenstationen in diversen “Multimedia-Agenturen”, wie sie damals hießen, habe ich mich entschieden, ausschließlich selbständig tätig zu werden. Gereizt hat mich daran auch die Möglichkeit, nebenberuflich einfacher meinen privaten Projekten nachzugehen. Ein angenehmer Nebenaspekt ist, dass unangenehme Vorgesetzte und langweilige Projekte nie ein längerfristiges Problem sind, sondern ich von Projekt zu Projekt springen kann. Die Erfahrungen, die ich bei dutzenden Großprojekten gesammelt habe, kommen mir jetzt beim Aufbau meiner eigenen Unternehmung zugute.

Wie bist Du auf die Idee zu SALAMBC gekommen und was soll der Name aussagen?

Die Idee für den Salam Business Club entstand gemeinsam mit dem Co-Gründer von SALAMBC Farid Zazai, als wir auf Xing auf der Suche nach islamkonformen Hausfinanzierungen waren bzw. nach Personen oder Unternehmen, die diese anbieten. Dort fand sich damals nichts und auch Mitglieder aus dem arabischsprachigen Raum waren kaum vorhanden. Es fehlte nicht viel, hier die Lücke und das Potenzial zu erkennen und eine eigene Plattform zu konzipieren.

Ursprünglich sollte auch der Name zur Identifikationsfindung dienen, damals hieß die Plattform noch “Muslim Business Club”. Allerdings war damit die angenommene Nähe zu religiösen Themen abseits wirtschaftlicher Aspekte doch zu nahe, so dass wir uns für “Salam Business Club” entschieden haben. Hier hat uns bei der Namensfindung übrigens Cem Basman unterstützt, der Vorschlag kam von ihm. Der Begriff “Salam” bedeutet im Arabischen “Friede” und ist die Kurzform für die Begrüßungsformel “Asalamualeikum”, übersetzt: “Friede sei mit Euch”. Der Begriff “Salam” wird nicht nur über die gesamte muslimische und arabische Welt, auch der arabisch-christlichen, hinweg genutzt, sondern ist auch im Westen vielen bekannt, so dass uns die Entscheidung dafür leicht fiel.

Ein weiterer Punkt ist, dass die Businessnetzwerke, in denen ich aktiv bin, zu viel Zeit rauben. Ich kann nach dem Einloggen ein paar Infos über meine Kontakte sehen, aber was ich aktiv tun kann, um in meinem speziellen Feld und dem Netzwerk, das ich aufgebaut habe, zeiteffizient vorgehen zu können, fehlt. Ich muss selbst suchen, mir selbst überlegen, welche Kontakte ich einander vorstelle und wer aus meinem Netzwerk auf der Suche nach etwas ist, womit ich gerade dienen kann. Meine Idealvorstellung von onlinegestütztem Business-Networking ist, dass ich mich einlogge und das System mir aktiv Vorschläge macht, was ich heute tun sollte. Nach spätestens zehn Minuten will ich fertig sein – in dem Wissen, dass ich die Netzwerkpflege für heute abgeschlossen habe.

Nachdem StudentSN wie ein StudiVZ aus der Türkei anmutet, wirkt ihr wie ein LinkedIn- oder Xing-Klon. Macht man in der Türkei nur noch Copycats erfolgreicher Formate?

Eine Sache darf man sich bei der Diskussion um Copycats nicht vormachen – und zwar, dass es im Internet um’s Geschäft geht und vor allem Geld verdient werden will. Den Aufschrei nach Innovation hört man von den ehemaligen Gründern deutscher Vier-Buchstaben-Web-2.0-Plattformen, die ihren Millionen-Exit mit einem Copycat eines amerikanischen Unternehmens gemacht haben und sich jetzt zurücklehnen und darüber auslassen, dass ja momentan nichts Neues und Innovatives im Markt entstünde. Der Mut zum Risiko bzw. zur Innovation ist größer, wenn die finanzielle Absicherung gegeben ist. Sicherlich ist Innovation für die Entwicklung der Branche und hier insbesondere des Standorts Deutschland wichtig, um international mithalten zu können, aber solange sich noch Regionen mit unbesetzten Märkten finden, wird es immer Copycats geben. Vergessen darf man auch nicht, dass auch Copycats ein wichtiger Faktor für die Fortentwicklung der Branche sind. Konkurrenz führt halt auch zu Kreativität.

Mal ganz abgesehen von der Türkei gibt es im gesamten arabischen Raum noch sehr viele unerschlossene Nischen und es ist aus geschäftlicher Sicht schon fast fahrlässig, diese nicht angehen zu wollen, nur um nicht als Copycat gebrandmarkt zu werden. Auf die Märkte gehe ich gleich noch einmal ein.

Was ist Salams Strategie, um gerade international gegen solch einen Riesen wie LinkedIn anzukommen? Was werdet ihr anders machen?

Wir müssen hier betonen, dass wir uns nicht als Copycat verstehen, sondern eine „andere“ Zielgruppe mit „anderen“ Bedürfnissen bedienen. Wir suchen immer wieder nach unseren Mitgliedern auf Xing und LinkedIn und sehen, dass sie dort nicht angemeldet sind oder nur ein sehr rudimentäres Profil besitzen. Wenn wir nachfragen, hören wir häufig, dass sie die Plattformen zwar kennen, aber sie keine Relevanz für sie besitzen. Entweder gibt es nicht genügend Bekannte in diesen Netzwerken, oder der fehlende sprachliche oder kulturelle Faktor ist nicht entwickelt. Um es an einem Beispiel zu bringen: Iraner sprechen sehr häufig gutes Englisch, kommunizieren aber lieber auf Persisch – auch im Internet.

Ein anderes Beispiel wäre, dass wir Muslime gerne im geschäftlichen Leben unter Gleichgesinnten sind. Das bedeutet, dass wir keine Geschäfte eingehen möchten und dürfen, die mit einer Zinskomponente verbunden sind. Im Salam Business Club finden unsere Mitglieder diese Bedürfnisse befriedigt, was dem Fokus auf ihre Länder zu verdanken ist. Über eine reine Übersetzung kriegt man keinen Fuß in unsere Länder, es müssen stark lokalisierte Plattformen entwickelt werden, die auch in ihrer Identität als lokal wahrgenommen werden. Es sind nicht zuletzt häufig politische, kulturelle oder gar religiöse Überzeugungen, die darüber entscheiden, ob eine Plattform einen bestimmten User gewinnt.

Für uns bedeutet das insbesondere, dass wir Dienstleistungen anbieten werden, die zugeschnitten sind auf unsere Zielgruppe. Ein Beispiel wären islamkonforme Hausfinanzierungen, die über unsere Plattform günstiger angeboten werden. Wir werden sehr stark auf den Recruiting-Bereich eingehen, das wäre beispielsweise auch Unterstützung in der Vermittlung und Qualifizierung von Arbeitskräften für den Nahen Osten. Die momentane wirtschaftliche Lage in Dubai hat sich kaum auf Abu Dhabi oder Qatar ausgewirkt, die stehen noch dort wo Dubai vor 10 Jahren stand und legen jetzt erst los.

Wie sieht eure Strategie denn insgesamt eigentlich aus?

Wir sind das meistgenutzte Businessnetzwerk im arabischsprachigen Raum und möchten die Position des Salam Business Club auch mittel- und langfristig halten und ausbauen. Auch hier in Deutschland werden wir versuchen, die Mitglieder der Großen für uns zu begeistern. Die wirtschaftliche Lage stimmt uns positiv.

Anders als andere Plattformen werden wir auch Dienstleistungen anbieten, die den geschäftlich-kulturellen Gepflogenheiten unserer Mitglieder entsprechen. Wir werden Unternehmen stärker auf der Plattform einbinden als es beispielsweise Xing tut. Millionen von KMUs in unseren Zielregionen möchten ihre Dienstleistungen im Internet präsentieren, schrecken aber vor der Komplexität von Plattformen wie AliBaba.com zurück. Wir haben häufig Anfragen von Unternehmen gehabt, die islamkonforme Produkte vertreiben und diese nicht nur bewerben möchten, sondern auch sich als Unternehmen gezielt präsentieren wollen.

Wir werden auch einen Fokus auf den akademischen Nachwuchs setzen, der an die Hand genommen werden will um zu lernen, wie er es für sein berufliches Fortkommen nutzen kann.

Es gibt noch weitere Felder, aber generell ist zu sagen, dass wir Business-Networking nicht nur auf die Kommunikation zwischen Personen beziehen, sondern wir den Salam Business Club darüber hinaus als eine Plattform entwickeln, in die sich der Nutzer morgens einloggt und eine Übersicht über sein Netzwerk erhält, aber auch empfohlene Handlungen, die er ausführen kann. Stellt beispielsweise ein Kontakt ersten oder zweiten Grades eine Frage, die sich auf Inhalte in meinem Spezialgebiet bezieht, so wird das System mir diese Frage hoch priorisiert anzeigen und empfehlen, evtl. eine Antwort zu geben. Wenn einer meiner Kontakte etwas sucht, was ein anderer Kontakt von mir anzubieten hat, könnte das System vorschlagen, einen semiautomatischen Prozess der Kontaktanbahnung zu initiieren.

Den gesamten Bereich des Dataminings und des Empfehlungsmanagements werden wir im Salam Business Club hoch priorisieren, so dass unsere Nutzer nicht suchen müssen, sondern dass die Informationen zu ihnen kommen und sie an die Hand genommen werden. Sei es die Profilvervollständigung oder konkrete Tipps und automatisierte Handlungsanweisungen dazu, wie sie ihr Netzwerk pflegen, erweitern und Beziehungen stärken. Hier forschen wir insbesondere im Bereich des Distributed Computings, um die Datenmengen bewältigen zu können. In all diesen Punkten möchten wir uns zukünftig von unseren westlichen Konkurrenten unterscheiden, die viele nur noch als bessere – und teure – Adressbücher für Selbstdarsteller sehen.

Wie schätzt Du den asiatischen und speziell den türkischen Markt ein?

Ich kann als Afghane nicht für die Türkei sprechen, auch da wir uns nicht alleine auf die Türkei fokussieren, aber diese gehört zu einer der Regionen, die für uns eine besondere Stellung einnehmen. Der überwiegende Teil der Bevölkerung lebt nach modernem westlichem Vorbild, hat sich aber seine Kultur und Religion erhalten. Im Salam Business Club gehören Türken zu unseren treuesten und aktivsten Mitgliedern mit einem sehr guten Verständnis über das Online-Networking. Beim Aufbau der Plattform für den türkischen Markt lernten wir schnell, dass im Vergleich zu östlicher gelegeneren Ländern weniger Aufwand betrieben werden muss, um die Nutzer an die Inhalte und letztendlich auch unsere Dienstleistung heranzuführen. Wer also mit seinem Produkt in den Osten strebt, kann für einen ersten Erfahrungsaufbau die Türkei wählen.

Wirft man einen Blick auf die Internet-Wachstumszahlen des Nahen Ostens und Nordafrikas, kann man hier seit Jahren ein bis zu vier- oder sogar fünf-stelliges Wachstum beobachten. Aus meinen eigenen Erfahrungen mit diesen Regionen weiß ich, dass Internetplattformen und Dienstleistungen kaum vorhanden sind und eher westliche Dienste genutzt werden. Nimm alleine die im Internet technologisch unterentwickelte arabische Sprache, die dazu geführt hat, dass viele auch heute noch lateinische Zeichen verwenden, um arabischsprachige Sätze zu bilden.

Das alles liegt aber vor allem auch daran, dass nicht genügend qualifizierter Nachwuchs vorhanden ist, der sich diesen Themen widmen könnte. Auch infrastrukturell (Zahlungsmechanismen) sind die Rahmenbedingungen nicht immer ideal – von der UAE, Türkei, Jordanien und einigen wenigen anderen Ländern einmal abgesehen.

Der Nahe Osten darf hier wirklich nicht unterschätzt werden, auch nicht in Bezug auf die technologische Entwicklung des Internets. Breitbandanschlüsse boomen und es besteht immenser Bedarf nach lokalisiertem Content. Zirka fünf Prozent der Weltbevölkerung sind arabische Muttersprachler, aber gerade einmal ein Prozent des Contents im Internet ist arabischsprachig. Das Potenzial, nur für die arabische Sprache im Internet, beläuft sich auf 400 Millionen Araber. Dabei ist die größte Bloggernation der Welt Iran, mit seinen 70 Millionen Einwohnern von denen mehr als die Hälfte online ist, noch nicht einmal eingerechnet. Ich weiß beispielsweise von Kontakten bei IBM, dass sie in den Startlöchern sehnsüchtig darauf warten, dass Iran seine Probleme mit dem Rest der Welt in den Griff bekommt – als Geschäftspartner sind sie sehr gerne gesehen.

Die Nutzer strömen also ins Netz, finden aber wenige Inhalte, die auf Ihre Bedürfnisse zugeschnitten sind. Es gab bis vor dem Salam Business Club keine Social-Networking-Plattform, die auf arabischer Sprache genutzt werden konnte. Diese Lücke wurde jetzt auch durch Facebook gefüllt und bereits jetzt benutzen 25 Prozent aller Mitglieder aus dem Nahen Osten Facebook auf Arabisch. Es gab nie ein arabisch- oder persischsprachiges Business-Netzwerk, abgesehen vom Salam Business Club, so dass wir als First-Mover jetzt davon profitieren: 46 Prozent aller angeklickten Einladungslinks führen zu einer Registrierung. Unsere Nutzer verbringen laut Google Analytics zehn Minuten auf der Plattform, bei Xing und LinkedIn sind es weniger als acht Minuten. Wir könnten diese Zahlen weiter fortführen, aber letzten Endes siehst Du immer, dass hier ein riesiges Potenzial steckt – und das schöpfen wir aus.

Rias, vielen Dank für das Gespräch.

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