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Durch die Monopolstellung Facebooks im Bereich sozialer Netzwerke, steht die Konkurrenz vor schweren Entscheidungen. Aufgabe? Nische? Neuanfang? Der erst vor wenigen Wochen von Deutschlands ehemaligem Vorzeigenetzwerk VZ vollzogene Relaunch überzeugte in Branchenkreisen nur zum Teil. Der Relaunch komme zu spät, sei auf Schadensbegrenzung ausgelegt und notwendige Änderungen nicht mit letzter Konsequenz durchgesetzt. Der kurz darauf folgende Weggang von CEO Clemens Riedel schien diese Befürchtungen zu bekräftigen. Ebenfalls vor dem Relaunch steht nun das 1,8 Millionen aktive Nutzer zählende soziale Netzwerk Jappy (www.jappy.de). Von Aufgabe ist bei Gründer und Geschäftsführer Matthias Vogl nichts zu spüren. Kann der Relaunch das ebenfalls von Mitgliederschwund geplagte Unternehmen retten?

Hallo Matthias, stell dich doch bitte einmal ganz kurz vor.

Matthias Vogl, Gründer und Geschäftsführer von Jappy.de. Vor zehn Jahren, während meines Studiums, habe ich gemeinsam mit Christian Wimmer Jappy gegründet. In Regensburg arbeiten wir mit einem schlanken und kreativen Team an Jappy und aktuell besonders an der neuen Version 4 (www.jappy.de/v4).

Vor zehn Jahren hast du Jappy mit aus der Taufe gehoben. Welche Ereignisse waren seit Gründung so prägnant, dass sie dir noch immer in Erinnerung geblieben sind?

Die ersten 10.000 Mitglieder etwa ein Jahr nach Gründung. Der Moment als wir nach dem Studium gemerkt haben, dass wir auch unser Einkommen über Jappy finanzieren können. Die vielen Freiwilligen, die sich sich für Jappy engagieren und den Mitgliedern Support leisten. Der erste Angestellte auf der Gehaltsliste 2005. Schließlich eine Million Nutzer im Jahr 2008.

Der Moment, als unsere frühere Version an ihre Kapazitätsgrenzen stieß und unsere Server auch mal down waren. Durch die Selbstfinanzierung waren uns zu diesem Zeitpunkt auch Grenzen gesetzt. Damals war eine komplette Neuprogrammierung notwendig, die schließlich Version 3 wurde.

In den zehn Jahren haben wir die Erfolge anderer sozialer Netzwerke beobachtet, die zum Teil in ihrem Wachstum explodiert sind. Jappy hingegen ist immer gleichmäßig gewachsen. Doch im Moment verschwindet die Community-Vielfalt in Deutschland so nach und nach und das finde ich sehr schade. Für mich war das immer etwas besonderes.

Mit Jappy in der kommenden Version 4 steht nun die bisher größte Plattformänderung der letzten fünf Jahre bevor. Kannst du zusammenfassend kurz darauf eingehen, um welche Änderungen es sich dabei handelt?

Jappy ist in den fünf Jahren nicht nur in Bezug auf die Mitgliederzahl und die Seitenaufrufe gewachsen, auch viele zusätzliche Funktionen wurden integriert. Wir nutzen das kommende Update, um Abläufe und Funktionen bei Jappy klarer zu gestalten und mit der Komplexität im Produkt aufzuräumen.

Der Fokus liegt noch mehr auf einfacher und schneller Kommunikation zwischen den Nutzern. Dazu standardisieren wir Abläufe in der Community und geben so dem Nutzer ein klareres Bild über Veränderungen in seinem Freundeskreis. Weiterhin rücken wir unsere typischen Merkmale wie unser seiteninternes Rangsystem und spielerische Elemente wie virtuelle Geschenke und Emotionen stärker in den Mittelpunkt.

Auch die Echtzeitaktualisierung von Inhalten ist ein wichtiges Thema: Theoretisch können sich unsere Nutzer mit der neuen Version auch einmal entspannt zurücklehnen und live verfolgen, was alles bei Jappy passiert.

Viele der Änderungen wirken auf den ersten Blick eher kosmetischer Natur und wie eine Annäherung an den Social-Network-Riesen Facebook. Was ist der Grund hierfür?

Erste Rückmeldungen von erfahrenen Jappy-Nutzern, die kurz in die neue Version hineinschnuppern durften, bestätigen uns, dass tiefgreifende Änderungen auf die User zukommen. Das neue Produkt ist in vielen Bereichen individueller konfigurierbar, das Design klarer und technisch setzen wir deutlich stärker auf JavaScript.

Zwischen zwei einzelnen Usern soll die Kommunikation wie in einem Instant Messenger statt finden. Im gesammelten Informationsfluss aus meinem Freundeskreis werden die in den alten Versionen schon bestehenden Strukturen an gängige Marktstandards angepasst, wie bei Facebook, Google+ oder auch Xing. Wir unterscheiden uns hier aber sehr stark dadurch, dass der Nutzer stets entscheiden kann, über welche Informationen er live informiert werden will, welche Informationen nur nebenbei einfließen sollen und solche, die er dauerhaft ausblenden will.

Offiziell sprecht ihr von zehn Prozent Mitgliederschwund im laufenden Jahr. Im Vergleich zu anderen sozialen Netzwerken steht ihr damit allerdings noch gut da. Trotzdem: Wie denkst du ist eine Koexistenz neben Facebook auch auf lange Sicht zu realisieren?

Jappy ist leider auch heute noch viel zu wenigen ein Begriff. Die Aktivität bestehender Nutzer ist trotz der Konkurrenz enorm. Aktuelle Comscore-Zahlen bestätigen uns das: Die durchschnittliche Nutzungszeit pro Unique Visitor liegt bei über 380 Minuten im Monat – vor Facebook und weit vor anderen sozialen Netzwerken aus Deutschland. Trotz dieser Zahlen befinden wir uns aufgrund der aktuellen Marktkonzentration in einer wichtigen Phase und antworten mit einem verbesserten Produkt.

Wir sind überzeugt, dass zukünftig immer größerer Wert auf den Schutz persönlicher Daten gelegt wird. Genau das bieten wir mit einer Pseudonym-basierten Community. Dabei schützt der Nutzer automatisch seine wertvollen persönlichen Angaben vor unerwünschtem Zugriff. Wir sind der Meinung, dass dieses Konzept es Menschen ermöglicht, sich freier im Web zu bewegen und auch neue Bekanntschaften zu schließen – ohne dass man gleich Angst haben muss, dass Informationen für immer gespeichert und in der Öffentlichkeit meiner Person zugeordnet sind.

Wie schätzt du hierbei die Versuche der VZ-Netzwerke ein, in der Nische zu überleben und die Pflege der noch verbleibenden Nutzer in den Fokus zu stellen?

Natürlich beobachte ich die Veränderungen des lange Zeit in Deutschland führenden Netzwerks und bin auch überzeugt davon, dass es der richtige Weg ist, sich an den Bedürfnissen der Nutzer zu orientieren. Auch wir sind schon seit Version 1 dran, detailliert herauszufinden, was unsere Nutzer wollen und setzen laufend Verbesserungen um. Es ist aber ein anspruchsvoller, kontinuierlicher Prozess, dabei den Vorstellungen der Allgemeinheit gerecht zu werden, gegebenenfalls Kompromisse zu schließen und gleichzeitig als technisch innovativ empfunden zu werden.

In einer Community sollte es aber in erster Linie um die Menschen gehen – nicht um Unternehmen, Marken oder gar Rabatte. Bei Jappy gibt es daher nur persönliche Benutzerprofile. Die Mitglieder sollen sich vor allem sich sicher und unkompliziert mit ihren Freunden austauschen können.

Ist der Weggang von Clemens Riedel ein Omen?

Ich kenne Clemens Riedl nicht persönlich, sondern nur die Berichterstattung bezüglich seiner Entscheidung und könnte daher nur Mutmaßungen zu seinen Beweggründen anstellen.

Ich persönlich könnte es mir nicht vorstellen, da ich die Zeit nach einem Relaunch als viel zu spannend empfinde und auch täglich daran beteiligt sein will. In diesem Sinne freue mich sehr auf unsere neue Version und bin gespannt auf Feedback jeglicher Art.

Matthias, vielen Dank für das Gespräch!