Marco Rodzynek, NOAH-Konferenz, NOAH Advisors

Es ist zwar nicht die Arche, die am 15. Dezember 2010 in London anlegt, aber ein spannendes Event dürfte es trotzdem werden: Auf der NOAH-Konferenz treffen Web-StartUps auf Internet-Konzerne, Investoren auf Gründer – das Ziel: sich in der europäischen Internetszene vernetzen und neue wie alte Internet-Modelle besser kennen lernen. Klar, dass Gründerszene sich da einmal mit Koordinator Marco Rodzynek unterhielt, was denn deutsche Entrepreneure von dem Event auf der Insel erwarten dürfen. Interessierte StartUps können sich übrigens bei Marco Rodzynek direkt (marco.rodzynek@noah-advisors.com) für einen der begehrten Einladungscodes bewerben und diesen dann auf der NOAH-Seite eingeben.

Marco, für alle Nicht-Londoner, stell Dich doch mal vor: Wer bist, was machst Du?

Mein Name ist Marco Rodzynek, ich bin Baujahr 1974 und im schönen Hamburg geboren. Nachdem ich das European Business Program in Münster und England absolviert habe, arbeitete ich eine Zeit lang für Apple und war schon damals recht stark am Internet interessiert. Schließlich bin ich Investment-Banker bei Lehman Brothers geworden – eine erlebnisreiche Zeit, in der ich Deals im Internet- und Gelbe-Seiten-Sektor gemacht habe. Ich war unter anderem am Verkauf von Lycos, den IPOs von Xing, TomTom und Delticom beteiligt und habe Jobline an die Börse gebracht.

Nach der Pleite von Lehman Brothers habe ich NOAH Advisors – eine M&A-Beratung – gegründet, weil ich der Meinung war, dass man “den Großen” nicht mehr trauen kann, wenn es um Unternehmensverkäufe geht. NOAH ging im April 2009 an den Start und bietet quasi in klein das, was ich bei Lehman Brothers auch gemacht habe: Wir helfen beim Verkauf und der Überführung von Unternehmen. NOAH Advisors fußt seitdem auf zwei Businness-Streams: Dem M&A-Business, das wir nur mit profitablen Internet-Unternehmen betreiben, und der NOAH-Konferenz.

Wie kam euch die Idee zur NOAH-Konferenz?

Das war etwas aus der Situation geboren: Stell Dir vor, Du bist ein Kind, das in einer neuen Stadt an eine neue Schule kommt und niemanden kennt. Was liegt dann näher, als eine große Party zu machen, mit der man sich den Leuten vorstellt? Das Ziel der NOAH-Konferenz war es eigentlich immer, europäische Internet-Erfolgsgeschichten zu präsentieren und gleichzeitig aktuelle Trends zu diskutieren. Mittlerweile ist die Konferenz für uns viel mehr. Sie ist Kontaktmittel und Diskussionsplattform gleichermaßen.

In diesem Jahr haben wir dem Ganzen auch noch mehr Struktur gegeben: In peppigem Design hat jeder Themenblock einen Filmtitel bekommen und unsere Gäste können nicht nur über neue Unternehmen lernen, sondern auf einer groß angelegten Abschlußparty super Networking betreiben. Wir haben etwas mehr Geld in die Hand genommen und agieren praktisch ohne Sponsoren, weil wir unabhängig arbeiten wollen. Dementsprechend haben wir bei den Gästen auch auf einen guten Mix an Leuten geachtet – sowohl geographisch als auch thematisch. Dieses Jahr zahlen Teilnehmer auch einen kleinen Beitrag, um das Event zu unterstützen.

Und der Name NOAH?

Ursprünglich haben wir namenslos gearbeitet, wollten aber einen Namen haben, der auch unsere Werte wiederspiegelt. Unsere Konferenz sollte Pendant und Gegenstück zum traditionellen Investment-Banking gleichermaßen werden, also nicht so hochtrabend und voll von Bullshit, sondern näher am Unternehmer aber dennoch sehr professionell. “NOAH” ist insofern eine Metapher für einen Neuanfang, für Diversität, Partnerschaften und Überleben, aber eigentlich habe ich es allen Interessierten immer als Kürzel für “NO Assholes Here” vorgestellt, das sprach sich rum :-).

Wenn Ihr europäische Internet-Erfolgsgeschichten präsentieren wollt: Wie siehst Du denn das Verhältnis Europa vs. USA?

Ein Drittel der weltweit führenden Internetunternehmen kommt aus Europa, interessanterweise getrieben durch fast immer die gleichen Leute. Die Anzahl der Internet-Unternehmer ist in Europa also kleiner, aber man ist hier auch effizienter beim Geldausgeben. Europäische Unternehmen achten mehr auf ihre Ausgabenstruktur, viele haben gar keinen Venture-Capitalisten an Bord und finanzieren sich aus dem Cashflow. Europa kann den USA also sehr viel geben, wie das Beispiel Vente-Privee zeigt, welches das Shoppingclub-Modell ersonnen und international verbreitet hat.

Klar, der VC-Markt hängt in Europa dennoch hinterher. Es herrscht ein ziemliches Chaos, bei dem ich immer wieder einen gewissen Herdentrieb beobachte. Gründer, die nicht gut genug vernetzt sind, kommen häufig nicht an die entscheidenden Leute, sodass ihnen nicht nur Geld, sondern auch die notwendigen Lerneffekte verschlossen bleiben.

Nochmal zurück zu Eurer M&A-Schiene: Wie sieht das M&A-Procedere bei NOAH Advisors aus?

Wir sind nicht diejenigen, die Meetings am Fließband anberaumen, meist erhalten wir einen Tipp über unser Netzwerk oder Unternehmer rufen uns direkt an. Der erste Schritt eines möglichen Deals besteht dann darin, dass wir das betreffende Unternehmen genau analysieren und ein Treffen anberaumen. Ist man sich grundsätzlich einig und versteht sich, erarbeiten alle Parteien gemeinsam eine Management-Präsentation. Typischerweise organisieren wir Treffen mit fünf bis zehn potentiellen Käufern, die nach einigen Wochen bei Interesse indikative Angebote abgeben können. Ein Deal braucht so etwa drei bis vier Monate.

Insgesamt ist dieses Procedere für uns relativ unkompliziert, weil wir natürlich viele Leute kennen und letztenendes ist vieles eine Vertrauensfrage. Aber nicht alle Deals sind erfolgreich. Manche Deals gehen nicht durch, weil die Company nicht performt hat oder ein anderer Stolperstein auftaucht.

Und wie werdet Ihr an diesen Transaktionen beteiligt? Wie verdient Ihr an den zustande gebrachten Deals?

Häufig erhalten wir einige Aktien, aber ganz grundsätzlich erhalten wir einen Prozentanteil der erzielten Verkaufssumme, so dass wir stets motiviert sind, den Preis für unsere Kunden zu optimieren. Im Banking-Bereich gibt es häufig so genannte “Retainer”, das heißt Minimum-Fees, die Unternehmen den Banken unabhängig vom Erfolg einer Transaktion zahlen. Mit NOAH Advisors gehen wir mehr ins Risiko – wir verdienen nur bei erfolgreichem Abschluss einer Transaktion.

Was waren denn für Dich bisher die negativsten und positivsten Erlebnisse?

Ein negatives Gefühl geben sicherlich Deals, die länger dauern. Es gibt häufiger Komplikationen, aber wenn ein Deal partout nicht an Fahrt gewinnt, kann das schon mal frustrierend sein. Zu den positivsten Erfahrungen zählen hingegen ganz klar erfolgreich abgeschlossene Deals. Es ist eine tolle Erfahrung, wenn man in der Zeitung von einer Transaktion liest, von der man weiß, dass man Menschen dafür zusammengebracht und das erzielt hat, was sich alle wünschten.

Was sind die Kriterien, damit Ihr bei einem Unternehmen M&A-seitig aktiv werdet?

Wir betreuen nur profitable Unternehmen, die im Internet-Segment aktiv sind. Für diesen Fokus schätzen uns unsere Kunden auch. Der Industriefokus, die Erfahrung des Teams in einer weltweit führenden Investment-Bank, die Größe unserer Deals und unsere Expertise im Internet machen den Reiz von NOAH Advisors aus. Mir geben unsere Kunden einen Analytics-Account und ich kann arbeiten.

Unsere Minimum-Dealsize liegt bei 30 Millionen Euro und wir sind international sehr aktiv. Eigentlich bin ich jeden Tag in einer anderen Stadt und man kennt uns in Asien und in Amerika. Unser Vorteil ist sicherlich, dass wir die Käufer schon kennen und diese uns ernst nehmen, weil wir nur Unternehmen sehr guter Qualität zeigen. Ein potentieller Käufer weiß bei uns also, dass die Unternehmen durch eine scharfe Prüfung gegangen sind, weshalb viele auch nicht auf die üblichen Taktiken des Wettbewerber-Abschüttelns setzen, weil sie sonst keine solche Deals mehr zu sehen bekämen.

Dein Job hört sich nach viel Stress an… Wie schaltest Du ab?

In der Tat bin ich quasi jeden Tag in einer anderen Stadt und bei all dem Rumreisen kann ich mich dann bei “Up in the Air” durchaus wieder erkennen. Ich wohne in der Schweiz und gehe dort öfters an einen nahegelegenen See und relaxe. Wenn man den ruhigen Gegensatz hat und abschalten kann, ist auch das Rumreisen okay. Aber auch wenn ich kein Privatleben mehr habe und wie ein CIA-Agent durch die ganze Welt reise, mache ich das noch mindestens zehn Jahre, weil es mir auch viel Spaß macht.

Was ist Deine Zukunftsvision? Wo geht es mit NOAH Advisors und der NOAH-Konferenz hin?

Wir sind sehr zufrieden wie es momentan läuft; es ist sehr viel erfüllender, als das was ich früher gemacht habe. Ich sage immer, dass 50 Prozent der Gäste meiner nächsten Hochzeit – falls ich nochmal heirate – meine Kunden sein werden. Wir treffen Unternehmer häufig in der wichtigsten Phase ihres Lebens und da man quasi als Partner agiert, lernt man die Leute sehr gut kennen. Bei der NOAH-Konferenz ist dies ähnlich: Letztes Jahr kamen 600 Gäste, von denen 400 eine Dankesmail sandten. Diese Art der Zusammenarbeit macht uns sehr viel Spaß.

Was das Team angeht, sind wir derzeit komplett mit drei Leuten, eventuell suchen wir uns noch jemanden für Frankreich (weil dieser Markt doch recht speziell ist) und eine Person für die NOAH-Konferenz. Generell werden wir unser Geschäft wohl noch mehr nach Amerika ausweiten und mehr Family-Offices einrichten. Vielleicht gibt es irgendwann auch mal einen NOAH-Fonds, derzeit läuft aber alles sehr gut und so wie wir es uns vorstellen: Die NOAH-Konferenz und unser Alltag machen viel Spaß.

Marco, danke für das Gespräch.

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Marco Rodzynek (NOAH-Konferenz) im Text-Interview: "Wie ein durch die Welt reisender CIA-Agent", 3.0 out of 5 based on 2 ratings
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