mymuesli-team

Wer Bio-Müsli nach seinem Geschmack haben möchte, klickt sich eins im Internet: Ob geschälte Hanfnüsse, Bio-Gummibärchen oder Palmöl aus Orang-Utan-freundlichem Anbau – die Frühstücksvielfalt kennt so gut wie keine Grenzen mehr. Doch die Medaille kennt auch eine andere Seite: Engpässe bei Lieferanten, Fehlentscheidungen und der Mangel an Erfahrung können die Lust am eigenen Unternehmen schnell auf die Probe stellen. Max Wittrock, Mit-Gründer des Passauer StartUps Mymuesli (www.mymuesli.com), blickt zurück auf drei Jahre Aufbauarbeit.

Montagabend in Würzburg. Der Lehrstuhl für Marketing hat prominenten Besuch geladen, rund 450 Studenten sitzen im Audimax und schieben Überstunden. Sie wollen die Geschichte des Müsli-Mannes hören, den anfangs keiner ernst nahm und heute viele beneiden. Wittrocks Präsentation trägt den Titel „10 lessons learned“ und will den Studenten Mut machen, selbst verrückte Ideen gegen Widerstand zu verteidigen. „Wir hätten es nie für möglich gehalten, wie viel Ablehnung uns entgegen gebracht werden könnte. Aber selbst das vernichtende Urteil, eine ‚Beleidigung für den unternehmerischen Verstand einer Ameise‘ geschaffen zu haben, konnte den Erfolg nicht aufhalten“, berichtet Max Wittrock schmunzelnd.

Denn schnell gelang es den Müsli-Mixern, ihren Kritikern mit Hilfe euphorischer Zeitungsartikel und TV-Berichte entgegenzutreten. Prominente stellten sich bereitwillig als Testimonials zur Verfügung und hatten sichtlich Freude daran, Teil eines großen PR-Feuerwerks zu werden: „Wir konnten den Medien eine richtig gute Story bieten und Zuschauer vom heute journal über taff bis Galileo ansprechen“, berichtet der Müslikenner.

Doch nicht alles was glänzte, wurde letztlich zu Gold. Dass in diesen Tagen großes Wachstumspotenzial verloren ging, war zum Großteil eigenes Verschulden: zu geringe Serverkapazitäten konnten den Massenansturm nach TV-Auftritten nicht bewältigen, die selbst programmierte Website sperrte über den Internet Explorer jeden zweiten Kunden aus, teure Werbeexperimente auf Fußballbanden und Boxringen gingen glatt an der Zielgruppe vorbei. „Lieber würde ich mich heute mit 20.000 Euro mehr verschulden, als diese Zeit noch einmal durchzumachen“, reflektiert Wittrock die nervliche Anspannung der ersten Monate.

Dabei hätten sich viele Probleme leicht vermeiden lassen, wenn früher und gezielter der Rat von Experten eingeholt worden wäre. Und so wundert es nicht, dass Wittrock intensive Gespräche mit erfahrenen Gründern als die vielleicht wichtigste Lehre der vergangenen Jahre anführt: „Was uns Kolja Hebenstreit, Lukasz Gadowksi und auch die Samwer-Brüder Alexander, Marc und Oliver in fünf Minuten auf einer Serviette erklären konnten, hatten andere in zwei Tagen nicht geschafft“, erzählt Wittrock heute. Vielleicht wäre man in Passau dann auch früher auf die Idee gekommen, dass logistikintensive StartUps nicht im ersten Stock in der Fußgängerzone produzieren sollten…

Im Anschluss an seinen Vortrag nahm sich Max Wittrock Zeit für ein spontanes Kurzinterview:

Die ersten Tage eurer Geschäftstätigkeit wurden im Gründertagebuch der FTD haarklein dokumentiert, peinliche Missgeschicke und Geschäftszahlen inbegriffen. Welche Lehre habt ihr aus dieser Zeit gezogen? Legt ihr heute besonderen Wert auf die Geheimhaltung betrieblicher Interna?

Wir wussten schon vor der Teilnahme bei enable2start, wie der Deal funktioniert: Wir bekommen Geld und Reichweite, liefern dafür tiefe Einblicke in unser Geschäft. Mittlerweile bemühen wir uns darum möglichst wenig zu verraten, weil unsere Kundenzufriedenheit nicht von der Veröffentlichung von Umsatzzahlen abhängt. Viel wichtiger ist es, dass sich unsere Kunden ernst genommen fühlen und darüber freuen, wenn ihr Feedback zur Verbesserung des Produkts beigetragen hat. Denn ich bin überzeugt, dass guter Kundenservice in den kommenden zehn bis 15 Jahren zur wesentlichen Triebfeder des Marketings werden wird.

In deinem Vortrag hast du die Lust am Gründen angesprochen, die ihr euch trotz vieler Probleme immer bewahren konntet. Was darf man aus eurem Haus als nächstes erwarten?

Wir wollen aus unserem treuen Kundenstamm und den gesammelten Erfahrungen das Beste herausholen. Zuletzt haben wir mit Noats einen Bio-Porridge auf den Markt gebracht und mit mymuesli2go ein Produkt entwickelt, das man bundesweit in ausgewählten Shops kaufen kann – für uns ist jedes neue Projekt eine kleine Gründung, die uns viel Freude bereitet. Was wir in 20 Jahren machen werden? Das wissen wir selber nicht.

Der logische Schritt nach mymuesli2go wäre zumindest der Gang in den Einzelhandel.

Wir testen momentan tatsächlich den Vertrieb über einen Retailer – genauer gesagt testen wir in Köln bei Temma, einem Pilotprojekt der Rewe-Gruppe. Seit längerem betreiben wir auch einen Laden in Passau, der uns wertvolle Erfahrungen bringt. Beides ist extrem wichtig, weil der stationäre Handel völlig anders funktioniert als Ecommerce und wir wieder einmal Neuland betreten müssen. Natürlich wäre es da auch toll, wenn uns jemand gute Tipps geben könnte – wie ich vorhin schon gesagt habe: Mit mehr Experten sprechen hilft bestimmt.

Welche Tipps haben euch in der Vergangenheit denn am meisten gebracht?

Da gab es eine ganze Menge. Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir Guy Kawasakis Aussage „hire infected people“, aber auch Koljas und Lukasz’ Tipp, möglichst früh möglichst gute Leute einzustellen, hat sich bewährt. Die Arbeit macht viel mehr Spaß und man kommt deutlich besser voran.

Wenn es ein Thema gibt, um das man derzeit leider nicht herum kommt, dann ist es die Wirtschaftskrise. Wie habt ihr die letzten Monate überstanden?

Gottseidank ist die Krise weitgehend spurlos an uns vorbei gegangen – vielleicht ist es Teil eines Klischees, doch wir haben mit gesunder Nahrung ein Produkt, das man sich selbst in schlechten Zeiten gerne gönnt. Außerdem sind wir gar nicht so teuer, wie manche immer behaupten. Wir haben ein gutes Produkt mit vielen Zutaten aus der Region, das wir in bester Bio-Qualität ausliefern – für 20 Euro ein echter Knaller, würde ich sagen.

Über den Autor:

Bei Max Wittrocks Vortrag war Stefan Schwaneck (www.stefanschwaneck.de) für Gründerszene vor Ort. Stefan war Mitarbeiter und Tutor am Lehrstuhl für Marketing der Universität Würzburg und sammelte Erfahrungen als Pressesprecher und Leitender Redakteur des Würzburger Wirtschaftssymposiums sowie als Online-Redakteur bei schwatzgelb.de. Derzeit schreibt er seine Diplomarbeit in BWL über den Einfluss von Mitarbeiterbedürfnissen auf Gatekeeperprozesse, nachdem er zuvor auch für scholarz.net tätig war, wo er sich dem Bereich Marketing und PR widmete.

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