Er war – abgesehen von Co-Founder Dani Warshager – der letzte verbliebene Gründer von Sportme (www.sportme.de), doch nun hat auch Tobias Johann das Boot verlassen. Es ist kaum zweieinhalb Jahre her, da stand er Gründerszene noch mit seinen Mitgründern Philipp Hartmann und Kai Hansen für ein Interview parat. Mittlerweile führt Sven Alex, zuletzt Leiter Marketing & Sales bei IMG GmbH – Team Füchse Berlin, die Geschäfte. Zu den Gründen für seinen Ausstieg und was er nun mit Rheingau Ventures plant, spricht Tobias Johann in einem ausführlichen Text-Interview.

Tobias, was ist der Grund für Deinen Ausstieg bei Sportme? Glaubst Du nicht mehr an das Modell?

Das ganz ursprüngliche Modell einer reinen Social-Community für Sportler mit dem wir vor knapp drei Jahren gestartet sind, hat sich in der Tat überholt. Wir als Gründer eines der knapp 30 Sportnetzwerke hatten genauso wie die Gründer der ganzen Frauen-, Auto-, Tier- und sonstigen „Special-Interest“-Social-Communities die Bedeutung des Special-Interest überschätzt. Es hat sich herausgestellt, dass in Social-Communities der soziale Austausch als solches die wichtigste Funktion ist. Deswegen konnten sich Facebook und die VZ-Netzwerke auch so gut über Ihre Ursprungsnutzerschaft der Studenten auf die ganze Bevölkerung ausdehnen bzw. neue Anbieter, die sich zu 100 Prozent auf die Vernetzung als solches und nicht auf ein Thema konzentrierten (wie etwa Wer-kennt-wen), sich so gut am Markt behaupten.

Die ehemaligen Special-Interest-Communities (zumindest die wenigen, die davon bis heute überlebt haben) haben dann eigentlich alle angefangen, das Modell anzupassen. Eine der beliebtesten Arten der Anpassung, die glaube ich netmoms sehr früh und erfolgreich eingeleitet hat, war der Ausbau des Angebotes von einer reinen Special-Interest-Community zu einem Special-Interest-Portal, in dem Möglichkeiten geschaffen werden, den User-Generated-Content einer Community – ähnlich wie redaktionelle Inhalte – greifbar zu machen und durch eigene Inhalte in einem Magazin- oder Serviceteil, mit moderierten Foren etc. zu untermauern.

Sportme ist in dieser Hinsicht keine Ausnahme und so haben wir Anfang 2009 ebenfalls damit begonnen, uns von einem reinen Sozialen Netzwerk hin weiterzuentwickeln. Die neue Ausrichtung der Plattform und des Leistungsangebotes von sportme gegenüber Vereinen, Verbänden und Sport-affinen Unternehmen halte ich für gut, da es ermöglicht, in der Monetarisierung neue Wegen neben der reinen Vermarktung von Bannerwerbeflächen zu gehen. Ein Großteil der für 2010 und die Folgejahre geplanten Umsätze stammen so beispielsweise aus Lizenzerlösen (für Softwarenutzung), Sponsoringeinnahmen etc. Da sich die zur Umsetzung dieses Modells nötigen Kompetenzen von denen für das ursprüngliche Modell einer reinen Social-Community unterscheiden, habe ich die Leitung nun an jemandem abgegeben, der die hierfür notwendige Erfahrung und das notwendige Netzwerk mitbringt. Die Entscheidung hierzu haben alle Gesellschafter einvernehmlich getroffen, um sportme die besten Entwicklungschancen zu bieten.

Gibt es Dinge, die Du im Nachhinein anders gemacht hättest?

Klar – mit heutigem Kenntnisstand sehr vieles. Die eigenen Fehler und Versäumnisse zu identifizieren ist ja der Schlüssel zum Lernen. Aber das wird im Leben immer so sein, daher lohnt es sich nicht, darüber zu klagen. Zwei grundlegende Erfahrungen, die ich für mich mitgenommen habe sind beispielsweise: nie wieder ein Projekt zu starten ohne Inhouse-IT und sich so früh als möglich auf die Monetarisierung des Modells zu konzentrieren.

Wie siehst Du Sportme im Vergleich zu vergleichbaren Portalen wie Netzathleten?

Von den knapp 30 Sportnetzwerken waren wir im ursprünglichen Modell mit den Netzathleten zumeist gleich auf, in 2008 auch teilweise knapp voraus – allerdings haben Stefan Pfannmöller und sein Team die Konsequenzen, von einer reinen Community abzukommen, früher und dann auch konsequenter gezogen. Ihre eigene Vitae, insbesondere das starke Sportnetzwerk kommt ihnen hier zu gute. Stand heute, geben sie ein klares Bild, wie es mit Netzathleten weitergehen soll – als klassisches Vertical-Network für den Bereich Sport. Das haben sie meines Erachtens gut gemacht, setzen somit aber auch zu 100 Prozent auf ein werbefinanziertes Geschäftsmodell. Vom Siegershop hingegen halte ich nicht viel – um erfolgreich eine geschlossene Shopping-Community zu führen, kommt es vor allem auch auf die Kompetenz und das Netzwerk im Produkt-Sourcing an – das ist ein völlig neues Feld mit seinen eigenen Hürden und Schwierigkeiten.

Bei sportme gibt es ebenfalls eine klare Vision und gut ausgearbeitete Pläne. Ich persönlich halte sie – wen wundert’s – ebenfalls für spannend. Sie sind allerdings noch nicht so final umgesetzt. Welches Modell sich längerfristig wie gut am Markt behaupten wird, muss man dann einfach in Zukunft sehen.

Was machst Du nun nach Deinem Ausstieg? Man hört, dass ihr mit Rheingau Ventures voll durchstarten wollt…

Ich bin jetzt erst einmal ein paar Wochen surfen in Venezuela, dann schreibe ich endlich meine Dissertation zu Ende (die die letzten Jahre doch stark vernachlässigt wurde) und dann sehen wir mal weiter. Rheingau Ventures (www.rheingau-ventures.com) ist so eine Art Unternehmertraum von uns – wir können uns genau in der Phase einbringen, die für uns am spannendsten ist und in der wir mit unseren Erfahrungen, unserem Netzwerk und in den Bereichen, auf die wir uns jeweils spezialisiert haben (beispielsweise Finanzierung oder Vertriebsaufbau), mit dem größten Hebel einbringen können. Rheingau Ventures macht daher einfach super Spaß und so werden wir da selbstverständlich auch weiterhin so Gas geben wie bisher.

Um der Frage nach dem Durchstarten aber nicht auszuweichen – 2010 wird in der Tat ein spannendes Jahr für uns: einige der Projekte, an denen wir beteiligt sind, haben bereits oder werden in 2010 noch enorme Sprünge machen. Zusätzlich befinden sich seit Mitte 2009 zwei weitere Projekte in der Pipeline, die noch im ersten Halbjahr offiziell an den Start gehen werden. Wir freuen uns auf diese Entwicklung und so plane ich in der Tat, mich zeitlich hier voll einzubringen. Mit dann sechs bis acht Portfolio-Unternehmen ist aber auch klar, dass Rheingau langsam nicht mehr wie zur Anfangszeit als „Hobbyprojekt“ geführt werden kann. Wir sitzen daher in der Tat häufiger zusammen und überlegen, diskutieren und planen wie wir Rheingau Ventures als Unternehmen selber optimal für die Zukunft aufstellen können. Bis diese Gedanken aber konkret sichtbare Früchte tragen, wird es sicherlich zumindest bis Ende des Jahres dauern…

Was genau passiert denn bei Rheingau Ventures? Habt ihr einen Fonds oder geht es primär um kleine Investments, Networking und Business-Consulting?

Rheingau Ventures ist wenn man so will ein Inkubator modernen Typs. Das Umfeld einer Unternehmensgründung ist von Intransparenzen geradezu überschattet und Rheingau Ventures versucht, motivierte Unternehmertypen auf ihrem Weg in den drei grundlegendsten Bereichen Finanzierung, Team und Machbarkeit des Geschäftsmodells zu begleiten und die Unsicherheit zu verringern. Ein typischer Investment-Case verläuft dabei beispielsweise so:

a) Wir stoßen auf eine vielversprechende Geschäftsidee (das kann zufällig geschehen, oder auch im Gespräch mit erfahrenen Gründern anderer Bereiche oder anderen Investoren) und „fühlen“ dann in der Szene ein wenig an, ob einer der üblichen Verdächtigen ebenfalls plant, dort demnächst was zu starten, wie die grundlegende Begeisterung potentieller Investoren dafür aussieht, ob es schon einmal ähnliche Modelle gab oder gibt, die wir nicht im Auge haben etc. Worst-Case ist etwa, wenn man auf eine Idee erst durch einen Artikel auf TechCrunch stößt, dort suchen alle und dann kommt es zu so einer Situation wie aktuell mit den Groupon-Klonen. So ein Markt ist von Anfang an vergiftet – das macht dann keinen Spaß, sich auch dort rein zu begeben.

b) Wir sourcen (zumeist aus unserem erweiterten Netzwerk) ein fähiges IT-Team zur Entwicklung eines Prototypen bzw. einer ersten Testversion der geplanten Software.

c) Wir unterhalten uns mit motivierten Gründertypen, denen es momentan noch an der richtigen Idee, dem kompletten Team oder dem richtigen Anlass fehlt und überlegen mit Ihnen zusammen, ob und wie wir das Projekt zum Erfolg führen können. Es gibt allerdings auch den Fall wo a) und b) umgedreht sind – da die Gründer bereits mit einer Idee zu uns kommen, die dann ggf. noch einmal im Prozess geschliffen wird. Ebenso kam es bereits vor, dass unsere ursprüngliche Idee von den Gründern stark beeinflusst und in eine Richtung weiterentwickelt wurde, die wir so gar nicht gesehen hatten.

d) Wir gründen mit dem Gründerteam zusammen die Gesellschaft, stellen ihnen ein Büro etc. zur Verfügung, öffnen unser Netzwerk und begleiten sie sehr eng (oft sitzen wir im selben Office) bis zum ersten Proof-of-Concept. Das heisst idealerweise zu den ersten (kleinen) Umsätzen.

e) Wir erstellen mit den Gründern eine detaillierte Finanz- und Unternehmensplanung basierend auf den Erkenntnissen der Proof-of-Concept-Phase, dort realisierter KPIs etc. Wenn ein größeres Investment benötigt wird, um das Geschäft zu skalieren, erstellen wir eine Liste unserer Wunschinvestoren für das Projekt und übernehmen schließlich die Ansprache, Verhandlungen und Abwicklung der Finanzierungrunde, damit sich das Team zu 100 Prozent weiter auf das operative Geschäft konzentrieren kann. Da wir wie das Team Gründungsgesellschafter sind und als Inkubator eine Mittelrolle zwischen Team und Investoren einnehmen, haben wir in dieser Runde dieselben Interessen und können dem Team hier wirklich den Rücken frei halten. Dadurch, dass das Unternehmen bis dahin schon recht weit entwickelt ist (bestehendes Team, solide Verträge, fertige Software, erste Umsätze), reduziert sich das Risiko für die Investoren dieser Runde stark und das ermöglicht uns für das Team bessere Konditionen durchzusetzen als bei klassischen Seed-Finanzierungen.

f) Wenn die Proof-of-Concept beendet bzw. (falls vorhanden) die Finanzierungsrunde abgeschlossen ist, zieht das neue Unternehmen in der Regel in eigene Räumlichkeiten und geht seinen Weg zunehmend eigenständig. Wir stehen selbstverständlich auf Abruf jederzeit weiter zur Verfügung, gehen aber auch davon aus, dass das Gründerteam sich in der speziellen Nische des Projekts über die Zeit so tief eingearbeitet hat, dass sie sich inhaltlich im Idealfall dort besser auskennen als wir, so dass wir sie dann nur noch in Sondersituationen wie bei gesellschaftsrechtlichen, finanzierungsseitigen oder sonstigen einschneidenden strategischen Entscheidungen unterstützen können.

Zusammengefasst reduzieren wir das Risiko von Investoren und Gründern und erhalten dafür einen Teil des Kuchens. Die Gründer profitieren davon, dass durch unsere Unterstützung die Eintrittswahrscheinlichkeit des Erfolgs steigt und sich die Zeit, bis man merkt, ob das Venture erfolgreich sein wird (also die Phase mit den höchsten Opportunitätskosten), stark verkürzt. Die Investoren profitieren davon, dass sie StartUps präsentiert bekommen, die von Anfang an sauber und solide geführt sind und sie wissen zu schätzen, dass durch die enge Betreuung sichergestellt wird, dass Ihr Investment effizient eingesetzt wird und nicht für die typischen Anfangsfehler drauf geht.

Tobias, danke für das Gespräch.

GD Star Rating
loading...
Nach dem Ausstieg bei Sportme: Tobias Johann im Text-Interview, 3.0 out of 5 based on 2 ratings
Alle Bilder in diesem Artikel unterliegen der Creative-Commons-Lizenz (Namensnennung-Keine Bearbeitung, CC BY-ND; Link zum rechtsverbindlichen Lizenzvertrag). Ausgenommen sind anders gekennzeichnete Bilder unter anderem von Panthermedia, Fotolia, Pixelio, Morguefile sowie Pressefotos oder verlagseigenes Bildmaterial.