interview, jens-uwe sauer, seedmatch, crowdfunding-platttform

Vor drei Tagen, am 01. August 2011, startete Seedmatch (www.seedmatch.de) zusammen mit den beiden Startups Cosmopol (www.cosmopol-shop.com) und NeuroNation (www.neuronation.de) nun ganz offiziell Deutschlands erste Crowdfunding-Plattform für Privatpersonen. Gründerszene im Gespräch mit dem Seedmatch-CEO und -Gründer Jens-Uwe Sauer.

Hallo Jens-Uwe, stelle dich doch einmal ganz kurz vor.

Hallo, ich bin Jens-Uwe Sauer, Gründer und Geschäftsführer von Seedmatch.

Wie bist auf die Idee zu Seedmatch gekommen?

Nicht selten haben es gute Geschäftskonzepte in Deutschland schwer, die richtigen Kapitalgeber zu finden. Die junge Business Angels Kultur ist stark ausbaufähig und die Anzahl der aktiven Venture Capital Gesellschaften eher sehr überschaubar.

Auf der anderen Seite gibt es in Deutschland bisher keine Möglichkeit, sich unmittelbar mit kleinen Beiträgen an erfolgversprechenden Startups zu beteiligen. Aus diesem Grunde stellte ich mir die Frage, warum wir dieses spannende Feld nicht jedem zugänglich machen sollten. Die amerikanische Crowdfunding-Plattform Kickstarter (www.kickstarter.com) oder auch Smava (www.smava.de) in Deutschland waren gute Vorreiter für einen neuen Finanzierungsansatz, den wir mit Seedmatch auf die Finanzierung von Startups übertragen.

Eure Webseite trägt den Slogan „Crowdfunding für Startups“. Erkläre doch einmal kurz was Seedmatch eigentlich genau macht.

Seedmatch bietet erstmalig in Deutschland Crowdfunding für Startups. Junge Unternehmen präsentieren ihre Geschäftsidee auf der Plattform und registrierte User können online bereits ab 250 EURO eine Beteiligung erwerben.

Können die Startups genügend Investoren in einem festgelegten Zeitraum von 60 Tagen überzeugen, so dass ihr festgesetzter Kapitalbedarf erreicht wird, erhalten sie das benötigte Kapital für die nächsten Entwicklungsschritte. Startups gewinnen bei dieser neuen Finanzierungsform nicht nur das benötigte Kapital, sondern gleichzeitig eine Vielzahl von Unterstützern und somit wertvolle Aufmerksamkeit am Markt.

Was genau hat es dabei mit „stillen Beteiligungen“ auf sich und wie unterscheiden sich diese von „normalen Beteiligungen“?

Stille Beteiligungen haben den großen Vorzug, dass man sie nicht von einem Notar beurkunden lassen muss, sondern tatsächlich jederzeit online (wie z.B. einen Kaufvertrag) abschließen kann. Darüber hinaus kann man die stillen Beteiligungen so gestalten, dass man als Mikroinvestor bei Seedmatch wie ein Business Angel auch an Gewinnausschüttungen und am Unternehmenswertzuwachs des Startups partizipieren kann. Wichtig war uns, für beide Seiten eine gute Lösung zu bieten – für die Mikroinvestoren einen fairen Deal und für die Startups ein handhabbares Finanzierungsmodell.

Geld über Dritte zu investieren ruft bei vielen gesunde Skepsis hervor. Was passiert während der „Sammelphase“ mit dem über Seedmatch gesammelten Geld? Geht es direkt an die Startups, bleibt es bei Seedmatch oder sind weitere Parteien involviert? Und was passiert mit dem Geld, wenn die gewünschte Summe nicht gefundet werden konnte?

Das Geld wird nicht von Seedmatch, sondern von einem Treuhänder eingesammelt. Somit „fassen“ wir das Geld zu keinem Zeitpunkt selbst an. Hat der Treuhänder die erforderliche Summe an Investitionskapital zusammen, zahlt er es anhand der vorher festgelegten Milestones an das Startup aus. Ist ein Funding nicht erfolgreich, das heißt wird der Kapitalbedarf mit Ablauf der Fundingzeit nicht erreicht, erhalten die Investoren ihr Geld vollständig zurück.

Seit diesem Monat bietet Seedmatch Interessenten erste Investmentmöglichkeiten. Gestartet seid ihr allerdings bereits schon vor vielen Monaten. Was ist in dieser Zeit hinter den Kulissen passiert?

Mit Seedmatch betreten wir Neuland. Wir erfinden zwar an keiner Stelle das Rad neu, aber Crowdfunding für Startups, welches allen gesetzlichen Anforderungen in Deutschland entspricht, gab es bislang nicht. Wie wir das Fundingmodell aufsetzen wollten, wussten wir relativ schnell. Aber die konkrete rechtliche Ausgestaltung war aufwändig. Daran haben wir bis zur letzten Minute gefeilt. Und die Programmierer hatten mit den ganzen rechtlichen Anpassungen auch gut zu tun. Und nicht zuletzt mussten wir warten, bis die Startups alle Daten einpflegt hatten.

Hinzu kommt, dass wir uns zum Ziel gesetzt hatten, mit mehr als nur einem Startup live zu gehen. Dies hat den Aufwand in der Vorbereitung noch mal erhöht.

Zeit ist Geld. Wie konntet ihr euch während dieser Zeit finanziell über Wasser halten? Musstest ihr selber den Weg gehen, den Startups nun auf Seedmatch gehen?

Einerseits konnten wir in der Vergangenheit das Interesse einiger Business Angels wecken, welche aus ihrer Unternehmersicht die Herausforderungen einer Gründungsfinanzierung selbst nur zu gut kannten. Von der Vision von Seedmatch konnten wir sie relativ schnell überzeugen. Andererseits hatten wir Ende letzten Jahres den bei Seedmatch bereits registrierten Usern die Möglichkeit eröffnet, sich an Seedmatch zu beteiligen, was gern angenommen wurde. Somit haben wir selbst den Proof of Concept geliefert – eben nur ohne die entsprechende Plattform.

Seedmatch partizipiert prozentual am eingesammelten Investment der beteiligten Startups. Trotz einer doch stattlichen maximalen Fundingsumme von 100.000 Euro pro Startup dürftet ihr dennoch „nur“ mit maximal 10.000 Euro Provision aus einem Deal hervorgehen. Mit momentan nur zwei Startups auf eurer Plattform also sicherlich noch ein weiter Weg bis zu euer eigenen Profitabilität?

Die ersten zwei Startups sind ein Anfang. Wenn wir zeigen können, dass dieses Modell der Gründungsfinanzierung funktioniert, werden auch mehr interessierte Mikroinvestoren und Startups auf Seedmatch aufmerksam. Mittelfristig streben wir an, dass bis zu fünf sehr unterschiedliche Startups gleichzeitig auf der Plattform zur Auswahl stehen. Wenn wir jeden Monat zwei bis drei Crowdfinanzierungen abschließen können, wären wir profitabel. Bislang haben wir Seedmatch mit einer Menge Bootstrapping umgesetzt, um unsere Kosten im Griff zu halten.

Cosmopol und NeuroNation sind eure ersten Investment-Angebote für gewillte Privatinvestoren. Wieso gerade diese beiden?

Beide Konzepte haben uns angesprochen und überzeugt. Sie haben jeweils ein fertiges Produkt, mit dem sie bereits erste Umsätze erzielt haben. Beide Startups haben solide Geschäftsmodelle und ambitionierte Gründerteams. Und zudem können beide Startups im Marketing als auch wirtschaftlich von einer Crowd als Multiplikatoren gut profitieren.

Legen diese beiden zuvor genannten eher kleinen Startups die Richtung vor in die es mit Seedmatch geht? Bleibt es beim 100.000 Euro-Funding oder würdet ihr auch ein Groupon auf eurer Plattform begrüßen?

Zunächst einmal wollen wir Startups die Möglichkeit geben, bis zu 100.000 Euro Beteiligungskapital über Seedmatch einzusammeln. Das ist eine gute Größenordnung, weil man diesen Betrag prospektfrei funden kann. Mittelfristig sind auch Fundingsummen von bis zu 500.000 Euro geplant.

Thema Konkurrenz. Die Idee hinter Crowdfunding ist spannend, aber nicht neu. Mit Crowdcube steht in den UK seit dem letztem Jahr ein weiteres Modell auf dem Plan, dessen Ähnlichkeit zu Seedmatch nicht zu übersehen ist. Wie viel Crowdcube steckt in Seedmatch?

Bei der Konzeption von Seedmatch galt es vor allem, ein in Deutschland funktionierendes Fundingmodell zu entwickeln. Crowdcube hat mit dem englischen Recht ein paar andere Möglichkeiten als uns für Seedmatch zur Verfügung stehen. Von daher steckt null Crowdcube in Seedmatch.

Wie seht ihr die Konkurrenzsituation in Deutschland? Gleichzeitig mit Seedmatch öffnete nun auch Innovestment seine Pforten. Wird die Crowdfunding-Plattform mit dem interessanteren Startup-Portfolio das Rennen machen oder belebt Konkurrenz das Geschäft?

Wir sind guter Dinge, weil wir meinen, dass Konkurrenz das Geschäft belebt und immer zum Vorteil der Kunden ist. Besonders bei neuen Märkten kann es hilfreich sein, wenn mehrere Anbieter einen Markt bewegen. Ein Wettbewerb wird definitv die Aufmerksamkeit für Beteiligungen an jungen Unternehmen erhöhen.

Eine (Scherz-)Frage zum Schluss: Auf eurer Webpräsenz findet sich als wiederkehrende Grafik eine aufsteigende Rakete. Ist die Ähnlichkeit zur Rocket Internet-Rakete reiner Zufall oder eine stille Hommage an Deutschlands zur Zeit erfolgreichste Internetgründer?

Die Rakete bei Seedmatch steht für das Durchstarten und Abheben einer guten Geschäftsidee. Eine Hommage an Rocket Internet (www.rocket-internet.de) ist es definitv nicht – dazu liegen auch die Prinzipien zu weit auseinander.

Vielen Dank für das Gespräch!