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Sie sind gemeinsam mit einem motivierten Gründerteam und einer guten Idee der Motor eines jungen Unternehmens: Investoren. Egal, ob Venture-Capitalist, Business-Angel oder Inkubator – ohne das nötige Kleingeld gäbe es so manche spannende Business-Idee nur auf dem Papier. Gründerszene hat sich daher einmal die Mühe gemacht und unter dem Motto “Interview mit einem VC” – und nein, Anspielungen an Blutsauger sind gänzlich zufällig – Deutschlands spannendste Geldgeber zu einem Interview gebeten. Dieses Mal: Matthias Grychta von Neuhaus Partners (www.neuhaus-partners.com).

Stell Dich doch mal kurz vor: Wer bist Du und wie bist Du als Investor unterwegs?

Seit Anfang 1999 bin ich bei Neuhaus Partners tätig. Als geschäftsführender Gesellschafter liegt meine Zuständigkeit in der Auswahl und Betreuung von Beteiligungsunternehmen aus den Bereichen E-Commerce, Internet, Datenkommunikation und Software. Ich bin Wahlhamburger, kam aber bereits zum Studium der Elektrotechnik in die schönste Stadt Deutschlands.

Durch meinen Background aus Studium und verschiedenen nationalen und internationalen Tätigkeiten vor meiner VC-Zeit im Umfeld der Informations- und Kommunikationstechnologien habe ich ein breites Netzwerk an Kontakten und Erfahrungen erworben, die es mir erlauben, VC-fähige Geschäftsideen aus den vielen an uns herangetragenen Finanzierungsanfragen auszuloten. Ich sehe mich für unsere Portfoliounternehmen als immer ansprechbarer Begleiter und Berater sowie für die vielen auf der Kapitalsuche befindlichen Entrepreneure als offener und ehrlicher Gesprächspartner im Rahmen der Evaluierung eines Geschäftsmodells.

Gib uns doch mal ein paar Eckdaten zu euch: Größe, Größe des Fonds, Schwerpunkt, Stage, Investments…

Neuhaus Partners gehört zu den führenden Early-Stage-Venture-Capital-Gesellschaften Europas. Unser fünfköpfiges Team verwaltet über 100 Millionen Euro. Wir investieren in Unternehmen der Frühphase, die mit zukunftsweisenden Technologien und hervorragendem Management eine führende Wettbewerbsposition in stark wachsenden Märkten erreichen können. Unser Investment-Fokus liegt dabei auf Unternehmen der T.I.M.E.S.-Branchen. Seit der Gründung 1998 sind wir 57 Beteiligungen eingegangen und davon bei 49 als Lead-Investor eingestiegen.

Wir bieten unseren Beteiligungen eine Verbindung aus unternehmerischem Know-how, langjähriger Erfahrung im Bereich Venture-Capital und technischem Fachwissen. Besonders wichtig sind uns die intensive strategische Beratung unserer Portfoliounternehmen sowie die Vermittlung fundierter Marktkenntnisse und persönlicher Kontakte innerhalb der Branche.

Zu unseren größten Erfolgen bei den ehemaligen Beteiligungsunternehmen zählen Blau Mobilfunk (www.blau.de), DocMorris (www.docmorris.de), Handy.de (www.handy.de), Nikoma, Nxn und Ricardo.de (www.ricardo.de).

Wie viel investiert ihr und wie viele Anteile müssen Gründer dafür an euch abtreten? „Das ist eine individuelle Sache“ zählt als Antwort übrigens nicht.

Unser durchschnittliches Investitionsvolumen liegt zwischen einer Millionen Euro und drei Millionen Euro, wobei wir in der Regel als Minderheitsgesellschafter auftreten. Dabei kann es durchaus passieren, dass wir auch gern in einem Syndikat von mehreren Investoren in einer ganz frühen Phase nur mit einem sechsstelligen Eurobetrag am Anfang dabei sind und in weiteren Finanzierungsrunden dann nachlegen. In solchen Fällen starten wir dann durchaus mit einer Beteiligungshöhe, die im niedrigen einstelligen Prozentbereich liegen kann. In Folgerunden wird unser Anteil dann entsprechend ausgebaut.

Bist du selbst an den Investments Deines Fonds beteiligt? Zum Beispiel direkt oder über carry.

Selbstverständlich bin ich bei unseren Fonds direkt beteiligt, nicht zuletzt weil ich von unserem Erfolg überzeugt bin. Da wir ein klassischer VC-Fonds sind, bin ich als General-Partner zudem am Gesamterfolg der einzelnen Fonds über Carry-Mechanismen beteiligt.

Was begeistert Dich am Job als VC?

Als Venture Capitalist lernt man unzählig viele tolle Geschäftsmodelle und Unternehmer kennen. Die rasante Weiterentwicklung der Branche erlebe ich hautnah, da uns jährlich über 600 Businesspläne erreichen. Da wir daraus im Schnitt weniger als ein Prozent in unser Portfolio aufnehmen, ist dies schon eine echte Herausforderung, die richtigen Ideen zu selektieren. Und wenn ich dann im Laufe der Entwicklung eines Unternehmens das gesamte Team bis zum erfolgreichen Exit – durch alle Höhen und Tiefen – begleiten kann, dann fühle ich mich in meinem Element.

Berichte mal von Deiner schlimmsten und Deiner besten unternehmerischen Erfahrung?

Das Gute an den schlimmen Erfahrungen ist, dass man immer dazu lernt. Das ist manchmal sehr teuer, was den Einsatz von Kapital und Aufwand anbetrifft, hilft aber ungemein bei der Einschätzung und Behandlung von Herausforderungen, die immer wieder in anderen und neuen Beteiligungen auf mich zukommen.

So ist es mir zu Beginn meiner VC-Tätigkeiten das eine oder andere Mal passiert, dass ich schon während der Due-Diligence und  Beteiligungsvertragsverhandlungen mit dem Unternehmer Diskussionen austragen musste, die es eigentlich nicht Wert waren, darüber lange zu verhandeln. Die Beteiligung bin ich dann aber trotzdem eingegangen. Im Laufe der Betreuung hat sich dann aber herausgestellt, dass der Unternehmer auch in anderen Situationen so „schwierig“ zu handeln war – er war einfach „beratungsresistent“. Das hat sich dann auch auf Kunden und Partner des Unternehmens übertragen, was nicht gerade zum Erfolg des Unternehmens beigetragen hat. Ich hätte vorher auf mein Bauchgefühl hören sollen…

Zum Glück gibt es aber auch sehr positive Erfahrungen, die ich zum Beispiel mit Serial-Entrepreneuren erlebt habe. Hier nenne ich auch gern die Namen. Zu Beginn meiner VC-Tätigkeiten habe ich unsere Beteiligung bei Handy.de gemanaged. Dort hat es unheimlich viel Spaß gemacht, mit den drei Gründern (Dirk Freise, Martin Ostermayer und Thorsten Rehling) zusammen zu arbeiten und gemeinsam einen erfolgreichen Exit zu bestreiten.

Diesen Erfolg haben wir gemeinsam mit Blau.de ein paar Jahre später wiederholt. Mittlerweile haben wir einige gemeinsame Investments, die uns von den Dreien als damalige Business-Angels vorgestellt wurden und wo wir dann die erste institutionelle Runde bestritten haben. Heute sind die drei selbst als VCs (Fastlane Ventures – www.fastlane.vc) unterwegs – und es macht immer noch sehr viel Spaß, gemeinsam unterwegs zu sein.

Was ist wichtiger: Das Team oder die Idee?

Wir halten es nach der Devise: “Bet on the jockey not on the horse.“

Gibt es das ideale Gründerteam?

Ohja, wir haben einige ideale Gründerteams bereits kennengelernt und erfolgreich mit ihnen zusammengearbeitet. Was zeichnet sie aus? Ich meine vor allem Leidenschaft, Zielstrebigkeit und Unternehmergeist, ohne jedoch den Bezug zu Realität und Wirtschaftlichkeit zu verlieren. Die einzelnen Personen sollten sich in Ihren Eigenschaften gegenseitig ergänzen, um möglichst vielseitig aufgestellt zu sein.

Was muss ein Gründer machen, um bei euch eine Finanzierung zu bekommen? Welches sind die bedeutendsten Kriterien bei Startups für Dich?

Der Gründer muss uns von sich überzeugen und er muss für seine Idee „brennen“. Das Geschäftskonzept muss innovativ und in der Entwicklung schon mehr als nur eine bloße Idee sein.

Was ist wichtiger – Profitabilität oder Wachstum?

Da das eine das andere bedingt, ist diese Frage nicht eindeutig zu beantworten. Um eine führende Wettbewerbsposition ergattern zu können ist eine gewisse Wachstumsgeschwindigkeit sicherlich sinnvoll und teilweise notwendig. Allerdings besteht dabei die Gefahr des zu schnellen Wachstums mit dem Ergebnis, dass die Organisation und die Effizienz in den Abläufen nicht schnell genug nachziehen kann. Das führt dann meist zu Stagnationsphasen im Wachstum und in der Entwicklung eines Unternehmens. Hier ist es extrem wichtig, rechtzeitig die richtigen Maßnahmen einzuleiten.

Vergleiche ich die heutige Wichtigkeit von Profitabilität und Wachstum mit der zu Zeiten, als es den Neuen Markt noch gab, dann liegt für mich die Antwort klar auf der Hand: in der Masse sind es die profitablen Unternehmen, die heutzutage einen Unternehmenswert generieren – Ausnahmen bestätigen natürlich wie immer die Regel.

Welches sind die Top 3 Kardinalsfehler von Startups in Deutschland?

Das Gründerteam sollte flexibel bleiben und nicht starr an seiner Idee festhalten, wenn sich beispielsweise herausstellt, dass der Markt nicht das gewünschte Potenzial hat. Wir kennen gute Beispiele, wo Gründerteams genau diese Flexibilität bewiesen haben.

Streitereien innerhalb des Gründerteams behindern unter Umständen massiv das operative Geschäft. Manchmal passiert es, dass das Team nicht mehr zusammen passt, ein Gründungsmitglied eventuell das Unternehmen verlassen will, was dann nicht immer gütlich von statten geht.

Und manchmal gelingt es dem Gründerteam nicht, Verantwortung zu delegieren, wenn das Unternehmen eine kritische Größe erreicht, die die Einführung einer zweiten Managementebene erfordert.

USA vs. EU – hinken wir Amerika in Sachen VC und Entrepreneurship hinterher?

Wenn man sich die nackten Zahlen anschaut, dann liegen die USA eindeutig vor Europa und dieses Ergebnis wird noch deutlicher, wenn man dazu den deutschen Markt vergleicht. Der Vergleich hinkt allerdings ein wenig, wenn wir dabei die Zeiträume der Entwicklung von VC und Entrepreneurship der jeweiligen Märkte außer Acht lassen. Die USA haben uns hier einfach Generationen an Erfahrungen voraus und dies ist nicht in wenigen Jahren aufzuholen. Aber wir sind auf dem richtigen Weg.

Europa hat mittlerweile viele erfolgreiche Entrepreneure, die entweder neue Unternehmen gründen oder aber zum Business-Angel beziehungsweise VC werden. Damit wird die Masse größer und ich bin davon überzeugt, dass Europa ein großes Aufholpotenzial besitzt. Sicherlich gilt es hier an der einen oder anderen – und nicht zuletzt auch politischen – Ebene die Voraussetzungen für Venture-Capital und Entrepreneurship ständig zu verbessern und auszubauen.

Welche Themen sind für Dich derzeit hot?

Ein klarer Trend ist für mich nicht erkennbar. Schließlich geht die Entwicklung in Sachen Internet nicht unbedingt nur in eine Richtung. Besonders im Bereich „Mobile“ wird meiner Meinung nach viel passieren, insbesondere was die Entwicklung neuer Apps für Tablett-PCs betrifft. Auch in Bezug auf Enterprise-Applikationen und Entertainment-Anwendungen sehe ich Potenzial. Im Umfeld des Suchmaschinenmarketings und Social-Media passiert aktuell unheimlich viel, so dass dies auch ein Schwerpunkt unserer letzten Beteiligungen gewesen ist.

Gaming für mobile Endgeräte wird immer wichtiger und auch der Verlagsbereich tritt mit neuen Reader-Technologien auf den Plan. Dies führt sogar dazu, dass Verlage vermehrt als Gesellschafter innovativer Internet-Start-ups auftreten, um den Eintritt in das digitale Zeitalter nicht gänzlich zu verpassen. Im Bereich „Werbung“ erwarte ich für 2012 ein Jahr des Aufbruchs. Hier wird sich zeigen, ob der Bereich mit innovativen Konzepten überzeugen kann.

Als ein Beispiel möchte ich hier unser Portfoliounternehmen apprupt nennen. Dabei handelt es sich um ein mobiles Werbenetzwerk, das Werbetreibenden (zum Beispiel App-Developern) und Media-Agenturen (via Geo-, Behavioural und Re-Targeting) die Möglichkeit bietet, Premium-Zielgruppen auf mobilen Endgeräten wie zum Beispiel Smartphone oder Tablet  für Performance-Marketing (Cpx) zu erreichen.

Wie stehst Du zu Copycats?

In den vergangen gut 13 Jahren meiner VC-Geschichte habe ich mir viele Copycats teilweise auch sehr intensiv angesehen. Wir hatten auch einmal ein Investment in ein Copycat von Priceline.com, nämlich in tallyman.de. Dabei haben wir uns gewaltig die Finger verbrannt. Das prägt zwar einerseits, hält aber dennoch nicht davon ab, sich diese Art von Geschäftsmodellen anzuschauen. Allerdings ist der Kapitalbedarf bei den meisten dieser Geschäftsmodelle so hoch, dass für uns als Frühphaseninvestor häufig ein Investment unter ROI-Gesichtspunkten fraglich erscheint. Zudem ist es dann häufig auch so, dass ein Copycat für ein bestimmtes Thema selten allein kommt und eine Konsolidierung im Markt dann schnell einsetzt.

Wir sind zwar im Risikokapitalbereich unterwegs und werden auch weiterhin mit „Risiko“ investieren, wägen hier dann aber eher zu Lasten der Copycats ab – wobei ich hier von der klassischen Definition eines Copycats ausgehe. Viele Geschäftsmodelle ähneln einander. Hier kommt es darauf an, die entsprechenden USPs herauszustellen und zu erkennen.

Auf welchen Startup-Events kann man euch treffen und welche Blogs/Zeitungen kannst du empfehlen?

Wir organisieren zum Beispiel seit 2003 die Venture Lounge (www.venture-lounge.de) zusammen mit CatCap (www.catcap.de), wo wir junge Gründer mit VC-Gebern zusammenbringen. Darüber hinaus sind wir  beim Webfuture Award von Hamburg@work (www.hamburg-media.net) aktiv und unterstützen den Finanzplatz Hamburg, um unsere Stadt zu stärken. Meine Kollegen und ich sind auf den vielen bekannten Networking-Veranstaltungen unterwegs, wie zum Beispiel der Echtzeit (www.deutsche-startups.de), Next (www.nextberlin.eu), Dld (www.dld-conference.com), Noah Conference (www.noah-conference.com), und verschiedenen VC-Stammtischen, um nur einige zu nennen.

Die Informationsflut im Bereich Blogs/Zeitungen ist schier unersättlich geworden, so dass viele Quellen, die ich ursprünglich konsumieren wollte, schlichtweg meine Aufnahmekapazität übersteigen. TechCrunch (www.techcrunch.com) sowie der Blog von Fred Wilson (www.avc.vom) gehören aber dennoch zu meiner Lektüre – und nicht zuletzt natürlich Gruenderszene.de :-)