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Als Gründerszene zum ersten Mal von Linguee hörte, war es Investor Jörg Rheinboldt, der von dessen Gründer Gereon Frahling berichtete und dass er sich damals fragte, warum dieser als Google-erfahrener Entrepreneur ausgerechnet in den Übersetzungsmarkt wollte, wo doch schon so viel passierte. Inzwischen hat er seine Meinung jedoch geändert und ist in das Portal investiert. Denn Linguee ist keine gewöhnliche Übersetzungssoftware, sondern liefert Übersetzungen anhand von Millionen von verglichenen Texten, die es so erlauben, den Übersetzungszusammenhang einer Passage zu verstehen. Doch wie genau Linguee funktioniert und was mit dem Geld der kürzlich abgeschlossenen Finanzierungsrunde geschieht, erklärt Gründer und CEO Gereon Frahling im Gründerszene-Interview…

In a Nutshell: Wie genau funktioniert Linguee und was könnt ihr besser als andere Anbieter im Übersetzungssegment?

Mit Linguee durchsucht man 100 Millionen übersetzte Texte. Während Wörterbücher meist nur Treffer für Einzelworte wie “leiten” angeben, kann man bei Linguee direkt nach Phrasen wie “leitete den Bereich” suchen. Als Resultat bekommt man eine große Menge übersetzter Satzbeispiele angezeigt. Ich kann so herausfinden, wie andere Leute mein Übersetzungsproblem im Zusammenhang gelöst haben.

Selbst wenn ich nur einzelne Worte eingebe, sehe ich sofort anhand von Satzbeispielen, in welchem Zusammenhang welche Übersetzung benutzt wird und wie ich mit dem übersetzten Wort einen Satz formuliere. Alles Kriterien, die ein Wörterbuch nicht erfüllen kann.

Gib uns mal einen kleinen technischen Exkurs: Was für eine Maschinerie verbirgt sich hinter Linguee? Wollt ihr das Übersetzungs-Google werden?

Das Schöne ist, dass wir wie Google mit einem entsprechenden Vorsprung an den Markt gehen. Um Linguee zu realisieren, braucht man komplexe Programme, welche automatisch im Internet nach gut übersetzten Webseiten, PDFs und Patenten suchen, die Übersetzungen einander zuordnen und schlechte Übersetzungen aussortieren.

Unsere Server haben inzwischen über 1 Billion Sätze miteinander verglichen und bewertet, am Ende werden jedoch nur etwa 0,001 Prozent, also 100 Millionen übersetzte Satzbeispiele in Linguee übernommen. Diese aufwändige Filterung kann natürlich kein Mensch vornehmen. Daher gibt es ein komplexes Machine-Learning-System, welches aus dem Nutzerfeedback automatisch lernt, die Qualität aller Satzbeispiele besser vorherzusagen. Dieses System hat beispielsweise selbständig herausgefunden, dass eine Seite meist automatisch übersetzt ist, wenn auf ihr das Wort “WordPress” vorkommt und gleichzeitig viele Wörter sehr direkt übersetzt sind. Durch Training erlernt der Algorithmus selbständig tausende solcher Zusammenhänge und kann die hochqualitativen Übersetzungen herausfischen.

Wenn man sich einmal Deine berufliche Karriere ansieht, hast Du vom Knowhow her wohl die Fähigkeiten, nahezu alles zu machen – Warum ausgerechnet Übersetzungen, wo dieser Markt doch auch schon sehr umkämpft ist?

In den Jahren der Promotion in Paderborn und in der Forschungsabteilung von Google in New York habe ich mich sehr viel mit der statistischen Verarbeitung sehr großer Datenmengen und mit Suchmaschinen-Forschung beschäftigt. Da lag es natürlich nahe, diese Erfahrung zu nutzen.

Der Übersetzungs-Bereich bot sich an, da es erstens einen Riesenmarkt gibt: In vielen Ländern ist ein Wörterbuch unter den zehn meistgeklickten Internet-Seiten. Zweitens hat noch niemand das riesige Potential von Übersetzungen im Internet gehoben: Wörterbücher können immer nur etwa ein Tausendstel des Materials von Linguee enthalten, da sie von Hand zusammengestellt sind.

Kürzlich habt Ihr eine Finanzierungsrunde abgeschlossen. Wie kam es dazu und was waren die Auswahlkriterien bzgl. der Investoren?

Das Schöne an Linguee ist, dass viele Investoren selbst häufig englische Texte verfassen müssen und Linguee ihnen dabei weiterhilft. Daher werden wir inzwischen schon häufig von Investoren angesprochen.

Das entscheidende Kriterium für unsere Business Angels und die Brains2Ventures-AG war allerdings, dass sie uns genau geprüft, dann aber nach interessanten und tiefen Diskussionen klar ihr Vertrauen ausgesprochen haben. Bei unseren Investoren sind wir uns sicher, dass wir auch in schwierigen Situationen gemeinsam an einem Strang ziehen werden.

Und was soll mit dem frischen Kapital realisiert werden?

Vor allem werden wir Linguee sehr schnell international anbieten in den Sprachpaaren Spanisch-Englisch, Portugiesisch-Englisch und Französisch-Englisch, danach in Chinesisch, Arabisch, Japanisch und weiteren Sprachen. Bisher sind wir weltweit die einzige funktionierende Suchmaschine für Übersetzungen. Diesen Vorsprung möchten und werden wir nutzen.

Wo siehst Du Dich und Dein Unternehmen in zwei Jahren? Wie gestaltet sich die Roadmap für Linguee?

In zwei Jahren werden wir in mehr als acht Sprachkombinationen (alle nach Englisch) am Markt sein und in allen Märkten ein großer Player sein. Daran möchte ich mich auch messen lassen. Alles ist vorbereitet: Wir vergrößern gerade das erfahrene Team mit sehr qualifizierten Mitarbeitern, wir sind solide finanziert und haben einen großen technischen Vorsprung vor allen Mitbewerbern. So werden wir diese Ziele realisieren.

Gereon, danke für das Interview.

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