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Natürlich kommt Geoff Donaker sympathisch und locker rüber – wie sie eben so sind diese jung-dynamisch amerikanischen Internet-Typen. Der leitende Geschäftsführer (COO) vom Bewertungsportal Yelp logiert im Soho-Haus Berlin, zwischen Design-Badewanne und rotem Plüschsofa. Eins ist offensichtlich: Hier weiß jemand, wie man ein gutes Hotelzimmer findet. Ab heute kann auch jeder Deutsche heimische Kneipen, Hotels und Restaurants bewerten: Yelp.de geht an den Start. Die amerikanische Seite hat rund 30 Millionen Klicks – im Monat. Frank Joung, Redakteur von ViSdP, dem Magazin für Medienmacher, sprach für Gründerszene mit Geoff Donaker über schlechte Bewertungen, das Millionen-Angebot von Google und die beste Weißwurst der Stadt.

Geoff, macht Bewertungen-abgeben süchtig?

Ich weiß nicht, ob ich mich süchtig nennen würde. Ich mache das seit fünf Jahren auf Yelp und finde es einfach unglaublich hilfreich. Ich war zum Beispiel letzte Woche mit meiner Familie in München und da konnte ich – weil ich schon Zugang zu yelp.de hatte – nach einem Spielplatz oder einem kinderfreundlichen Restaurant suchen. Oder: Wo finde ich die beste Weißwurst der Stadt.

Du benutzt Yelp also viel?

Yeah, ich benutze es die ganze Zeit und vor allem jetzt auch mit dem Handy Wir sehen den größten Zuwachs bei Yelp auf dem iPhone oder auf Handys mit Android. Es ist doch oft so: Man ist unterwegs, hat nur eine Stunde Zeit und sucht nach kostenlosem Internet oder einer Tasse Kaffee.

Das heißt, du verbringst viel Zeit damit, an Straßenecken zu stehen, Handy in der Hand, auf der Suche nach den Hot-Spots?

Ja, genau so (lacht).

Warum fahren die Leute eigentlich so darauf ab, ständig Bewertungen abzugeben? Es gibt ja kaum eine Internetseite, die ohne auskommt.

Ich kann jetzt nicht für Andere sprechen. Aber für mich ist es ein bißchen wie Tagebuch führen. So nach dem Motto: An diesen Orten war ich. Und online macht das einfach mehr Spaß, als es auf einen Notizblock zu schreiben. Früher wollte ich immer Tagebuch führen, ich habe immer angefangen, aber immer nie durchgehalten und nach drei Tagen wieder aufgehört. Das Gute an Yelp ist, dass die Seite schon eine Struktur hat. Ich muss mich also nur daran erinnern, wo ich war, kann den Ort aufrufen und schnell eine Bewertung abgeben, ein Foto anhängen oder den Laden zu einer Liste hinzufügen. Beispielsweise: Die besten Burrito-Läden der Stadt. So kann ich also immer zurückverfolgen, wo ich war und kann die Erfahrungen mit Anderen teilen.

Geoff Donaker, COO, Yelp, Yelp.de, Yelp Deutschland, Bewertungsplattform, BewertungscommunityYelp fördert auch soziale Kontakte?

Ja. Als Beispiel: Ich lebe in San Francisco und habe Kinder. Die Leute, die dazu tendieren, meine Bewertungen zu lesen, sind meist auch Eltern aus der Gegend. Und die schreiben mir Nachrichten: „Hey, danke für den Tipp mit dem Park. Ich habe noch einen anderen gefunden ein Stück weiter die Straße runter. Solltest du mal ausprobieren, da gibt es ein tolles Klettergerüst.“

Warum ist das Geschäft mit Google geplatzt. Angeblich habt ihr 550 Millionen Dollar ausgeschlagen?

Das war das Gerücht, ja.

Wie viel war es denn?

Na ja, natürlich kann ich hier nicht über Einzelheiten der Verhandlungen sprechen. Was ich sagen kann, ist: Wir haben das große Glück, dass sich seit Jahren große Medienhäuser für uns interessieren – was sehr schmeichelhaft ist. Das nehmen wir auch ernst, aber: Wir sind geduldig.

Ihr habt keine schlaflosen Nächte deswegen?

Weißt du, klar, das wäre wirklich sehr viel Geld gewesen. Und dennoch: Wir glauben daran, dass Yelp in fünf, sechs Jahren ein wirklich großes, unabhängiges Unternehmen sein kann. Und niemand hier ist heiß darauf, rauszukommen oder ‘ne schnelle Mark zu machen. Wenn wir das gewollt hätten, hätten wir die Firma schon vor Jahren verkaufen können.

Statt dem Google-Deal habt ihr dann ein Angebot von der Investmentfirma Elevation Partners angenommen. 100 Millionen Dollar für Expansion. Jetzt also Deutschland…

Genau. Wobei man folgendes sagen muss: Yelp.de funktioniert zwar im ganzen Land, aber unser Fokus liegt auf München und Berlin. Hier haben wir unsere ersten zwei Mitarbeiter. Unser Ansatz unterscheidet sich etwas von dem Angebot Anderer: Die meisten Anbieter sind sehr weit verbreitet, aber nicht nicht so stark in einer Stadt vertreten. Wir dagegen suchen uns eine Stadt aus und bauen dort Communities auf. So lernen sich die Leute besser kennen und Vertrauen und Authentizität kann sich entwickeln.

Wie geht’s weiter?

In den nächsten sechs bis zwölf Monaten werden wir weitere deutsche Städte hinzufügen. Dann folgen andere westeuropäische Länder.

In Deutschland ist Qype aus Hamburg momentan Marktführer. Das wird ein harter Kampf.

Das Interessante an lokalen Bewertungsportalen ist: Es ist so ein großer Markt. Klar, Wettbewerb und Kampf klingt immer gut, aber in den USA beispielsweise gibt es 20 lokale Suchdienste, die alle relativ groß sind. Zufälligerweise sind wir gerade die Größten, das ist toll, aber es ist ja nicht so, dass die Anderen nichts zu tun haben. Citysearch zum Beispiel ist sehr groß, gehört IAC (InterActiveCorp), den geht’s also gut.

Was macht Yelp denn besser als die Anderen?

Also, 70 Prozent von dem, was wir machen, findet man bei Anderen genauso. Zwei Dinge aber sind grundlegend anders: Erstens, wir konzentrieren uns auf Qualität statt Quantität. In Großbritannien etwa ist Yelp seit etwas mehr als einem Jahr vertreten und was man sieht, ist: In Teilen von London ist die Yelp-Community sehr eng vernetzt, stärker als es bei anderen Anbietern der Fall ist. Wenn man allerdings mehr auf die ländlichen Gegenden schaut, wo Yelp nicht so vertreten ist, – hey, da gibt es viele Internetseiten, die eine super Arbeit machen.

Dann gibt es noch euren Bewertungsfilter. Da gab es kürzlich mächtig Ärger, wie funktioniert der Filter?

Unsere Techniker haben eine Software entwickelt, die jeden Tag auf alle elf Millionen Bewertungen und auf den Benutzerkonten schaut und nach verdächtigen Mustern scannt. Wenn zum Beispiel ein Geschäftsinhaber eine Bewertung über seinen eigenen Laden oder einen Konkurrenten abgibt, wird die aussortiert und nicht auf der Hauptseite des Geschäfts gezeigt. Auch die Beurteilung wird nicht gezählt. Die Bewertung ist zwar noch da – aber versteckt unten auf der Seite.

Warum ist dieser Filter so wichtig?

Wenn man als Ladeninhaber wachsen will, nimmt man gerne so viele Bewertungen wie möglich. Das heißt, man fragt Andere, dass sie Bewertungen schreiben sollen, richtig? Die Leute geben Karten aus, schicken E-Mails und fragen nach Bewertungen. Aber was passiert, wenn man seine Freunde nach Beurteilungen fragt? Sie geben alle fünf Sterne! Und alle sagen: Joe ist der beste Typ und macht die besten Steaks der Stadt. Nicht, dass das so schlimm wäre, aber es ist eben auch nicht besonders hilfreich für die Konsumenten. Deswegen verzichten wir lieber auf solche Urteile. Also lieber 60 echte Bewertungen als 100, die mehr oder weniger vertrauenswürdig sind.

Dieser Filter wird oft kritisiert. Einige haben sich gewundert, dass ihre positiven Bewertungen plötzlich verschwunden waren. Es fehlt die Transparenz.

Es ist klar, dass wenn man einen Service anbietet, den monatlich 33 Millionen Menschen nutzen, es einige gibt, die nicht glücklich sind. Ich denke aber, dass die Nutzerstatistiken zeigen, dass die Mehrzahl der Leute Yelp mögen und auch froh über den Bewertungsfilter sind. Aber natürlich wird es immer den Restaurantbesitzer geben, der sagt: Ich möchte die positive Bewertung, die mein Freund für mich geschrieben hat, auf meiner Seite sehen. Die gehen dann zu anderen Anbietern.

Yelp funktioniert nur, wenn die User dem Service vertrauen. In der letzten Zeit häufen sich Beschwerden – einige Geschäftsinhaber haben Yelp sogar verklagt. Da ist von Erpressung die Rede. Sie behaupten, ihnen sei von Yelp-Mitarbeitern angeboten worden, positive Bewertungen zu bekommen, wenn sie Anzeigen schalten.

Wenn man 33 Millionen Nutzer hat, kriegt man von allem ein bißchen. Eins möchte ich klarstellen: Es gibt keine Summe der Welt, die man uns anbieten kann, um die Bewertungen in irgendeiner Weise zu manipulieren. Das machen wir nicht. Gibt es Ladenbesitzer, die nicht glücklich sind über das, was ihre Gäste schreiben? Klar, gibt‘s die. Es gibt sogar welche, die sauer auf uns sind und uns verklagen, das stimmt. Aber das ist nicht die vorherrschende Meinung: Das ist nur eine Handvoll Leute in einem Land mit 15 Millionen Geschäften.

Habt ihr manchmal die Sorge, dass sich der Wind dreht – durch quasi schlechte Bewertungen und Yelp plötzlich nicht mehr der vertrauenswürdige Freund mit einem guten Tipp ist, sondern der böse Oberaufseher mit zu viel Macht?

Einerseits ist klar, dass Vertrauenswürdigkeit und Image immer ein große Rolle spielen. Wir nehmen das auch ernst. Andererseits haben wir uns die Frage gestellt: Wollen wir Mainstream sein und einen Service anbieten, auf den alle Konsumenten zählen können? – Yeah, wollen wir. Je mehr Leute die Seite nutzen, desto besser wird sie. Deshalb zerbreche ich mir nicht den Kopf darüber, dass wir jetzt keine hippe Untergrund-Seite sind, sondern eine Service-Seite, auf der alle User großartige Geschäfte in der Gegend finden können.

Gibt es eigentlich kulturelle Unterschiede in der Art, wie Bewertungen abgegeben werden? Schreibt ein Londoner anders als jemand aus Los Angeles oder Paris?

Ja! Es gibt viele regionale Unterschiede, aber genauso wie Paris und London sich unterscheiden, unterscheiden sich London und Manchester. München ist ganz anders als Berlin, hier wollen die Leute lieber Ausflüge in die Natur machen oder Tipps über die Alpen haben. In Berlin sind das nicht gerade die Dinge, über die man schreibt. Auch der Stil ist ein ganz anderer. Selbst in den USA sehen Bewertungen aus Houston ganz anders aus als solche aus San Francisco, ganz einfach, weil sich die Orte an sich schon radikal unterscheiden.

Ihr wisst aber, dass Deutsche bekannt dafür sind, dass sie sich viel beschweren…?

Ich kann nicht sagen, dass das mein persönlicher Eindruck ist (lacht). Lustig, dass du das erwähnst. Das Gleiche wurde uns über New York erzählt, dann über London, Paris. Manchmal habe ich das Gefühl, die meisten Leute halten ihre Stadt für übellaunig (lacht). Vielleicht ist es ja so. Aber in New York sehen wir das gleiche Phänomen wie in San Francisco: Die meisten Beurteilungen sind neutral bis positiv, 85 Prozent geben drei Sterne oder mehr. Und das ist vielleicht ein weiteres Unterscheidungsmerkmal zu unseren Mitbewerbern: Da findet man viel mehr Ein- oder Fünf-Sterne-Bewertungen. Da hat man das Gefühl, dass die User vorwiegend aus zwei Gründen schreiben: Entweder es war wirklich richtig schlecht und jetzt will ich es dem Typen heimzahlen, oder ich schreibe: Es war supertoll – vielleicht, weil er mein Freund ist.

Geoff, vielen Dank für das Gespräch.

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Yelp kommt nach Deutschland – Text-Interview mit COO Geoff Donaker , 1.5 out of 5 based on 2 ratings
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