Nach den Teilen eins und zwei von „Listen to your customers, but ignore what they say!”, stelle ich nun im dritten Teil meines Artikels das dritte und letzte Prinzip vor, dessen Anwendung nach meiner Erfahrung zu einer deutlich höheren Qualität im Anforderungsmanagement führen kann.

Ideen visualisieren

In meiner Zeit als Softwareentwickler habe ich selbst oft genug erfahren: Es ist extrem effizient, bei der Definition von Kundenanforderungen auf halben Weg den aktuellen Status Quo in einen verständlichen „Quick & dirty“-Prototyp zu gießen und damit Anforderungen für Kunden zu visualisieren, zu reflektieren und gemeinsam zu optimieren. Frederick P. Brooks hat in einem berühmten Buch „The Mythical Man-Month“ schon im Jahre 1975 darauf hingewiesen:

„[...] it is really impossible for clients, even those working with software engineers, to specify completely, precisely, and correctly the exact requirements of a modern software product before having built and tried some versions of the product they are specifying.“

Selbst einfachste Modelle, Prototypen und Simulationen helfen, komplexe Zusammenhänge auf anschauliche Weise darzustellen. Neben Screenshots (z.B. für die Anmutung von Benutzeroberflächen), Papier-Prototypen (z.B. für schematische Darstellung von Benutzeroberflächen), eignen sicher hier natürlich auch interaktive Wireframes (z.B. für die Benutzerführung), Service-Blueprints (z.B. für die Einbettung einer Software in bestehende Serviceprozesse) und selbst LEGO©-Steine (z.B. für Prozessabbildungen oder die Visualisierung von Kundenverhalten). Wichtig ist dabei, dass die Abbildungen nicht als technische Demonstratoren (für Einweg-Kommunikation), sondern als Artefakte zur Stimulierung sozialer Interaktionsprozesse (für Zweiweg-Kommunikation) entwickelt werden.

Social Prototyping

Das heißt, dass unterschiedliche Arten der Visualisierung in 2D oder 3D helfen können, die Qualität der Kommunikation, Koordination und selbst den Zusammenhalt in einem Entwicklerteam in seiner Qualität zu verbessern. Ich umschreibe die besondere Wirkung von Prototyping auf soziale Interaktionsprozesse deswegen auch als „Social Prototyping“. Michael Schrage vom MIT beschreibt dies in seinem Buch „Serious Play“ auf folgende Weise:

“[…] the influential teamwork paradigm posits that »innovative teams generate innovative prototypes«. […] Innovation leaders […] observe that, more often than not, the precise opposite is the case: Innovative prototypes generate innovative teams. The prototype plays a more influential role in creating a team than teams do in creating prototypes.”

Gerade für Gründer, die trotz enormer Unsicherheiten ein leistungsfähiges Gründerteam bilden müssen, kann es von unschätzbarem Wert sein, diese Wirkung für sich spielen zu lassen. Gründer sollten daher frühzeitig ihre innovative Geschäftsidee in geeignete Modelle, Prototypen und Simulationen abbilden und systematisch testen, um nicht nur Produkte und Dienstleistungen, sondern auch um für sich ein leistungsfähiges Gründerteam zu entwickeln.

Dabei sollte man sich immer bewusst machen, warum man einen bestimmten Prototypen baut (z.B. für die Beantwortung einer Fragestellung), für wen man ihn baut (z.B. Kunden, Nutzer, Entwickler) und was abgebildet werden soll (horizontales vs. vertikales Protoyping), um den gewünschten Zweck auch erfüllen zu können. Grundvoraussetzung dafür ist, dass Prototypen von allen Akteuren überhaupt erfasst und verstanden werden können (also aufgepasst bei UML-Diagrammen, E/R-Diagrammen, komplexen Workflows etc. in Kundengesprächen). Man wirkt nicht professioneller, wenn man unbedarften Kunden komplexe technische Zeichnungen vorlegt (die man im schlimmsten Fall gar noch per Reverse-Engineering unbearbeitet aus bestehendem Quelltext gezogen hat). Speziell in den frühen Phasen des Entwicklungsprozesses ist dabei weiter entscheidend, das Prototypen von allen Akteuren schnell verändert und an neue Anforderungen angepasst werden können.

Das Umsetzen der gelernten Prinzipien

Trotz zahlreichen Anstrengungen und neuen Methoden in der Softwareentwicklung, dürfte die praktische Umsetzung dieser Prinzipien immer noch eine große Herausforderung darstellen. Sowohl viele Kunden als auch IT-Dienstleister brauchen Zeit, um sich an neue Rollenverständnisse, Methoden und Vorgehensweisen zu gewöhnen. Neben dem notwendigen Maß an Professionalität, dürfte es auch eine besondere Herausforderung für IT-Dienstleister sein, die eigene Unternehmenskultur gerade auf das neue Paradigma des ständigen Experimentierens einzustellen.

Die Umstellung von klar sequenziell ausgerichteten (P)lanungs- und (E)ntwicklungsprozessen (P-P-P-E-E-E) hin zu einer iterativen Vorgehensweise (P-E-P-E-P-E), bei der nicht am Ende Prototypen aus einer Planung heraus entwickelt werden („spec-driven prototypes“), sondern bereits die Planung auf Basis von Prototypen erfolgt („prototype-driven specs“), verlangt ein neues Selbstverständnis von sich und der eigenen Arbeitsweise. Auch die Legitimierung von „Quick & dirty“-Prototypen  in der eigenen Organisationskultur, dürfte in manchen Unternehmen, gelinde gesagt, nicht reibungslos vonstatten gehen.

Viele Kunden werden dagegen nur langsam verstehen, dass sich ihre Professionalität auch darin zeigt, wie aktiv sie sich in ihr eigenes Entwicklungsprojekt einbringen und als aktiver Partner für den IT-Dienstleister über die gesamte Laufzeit eines IT-Projekts auftreten. Dennoch hat die Praxis gezeigt, dass sich dieser Weg gerade bei der Planung innovativer Softwareprojekte lohnt, um sich nicht zukünftig in die Ahnengalerie gescheiterter Softwareprojekte einreihen zu müssen.

Weiterer Artikel zum Thema „Social Prototyping“ unter

http://createordie.de/cod/artikel/Social-Prototyping-2114.html

* Titelzitat nach Nathaniel S. Borenstein

Über den Autor:
Bernhard Doll ist Gründer mehrerer IT- und Dienstleistungsunternehmen und hat in den letzten Jahren ein paar Dutzend Unternehmen in ihrem Gründungsprozess begleitet. Bernhard hat Informatik studiert, einen Master im Bereich Betriebswirtschaftslehre sowie Arbeits- und Organisationspsychologie absolviert und an der TU München über die Wirkung von Prototyping auf die Teamarbeit im Gründungsprozess promoviert. Darüber hinaus ist er als Dozent und Lehrbeauftragter an mehreren deutschen Universitäten zum Thema Innovationsmanagement tätig. Aktuell beschäftigt sich Bernhard mit neuartigen Methoden zur Entwicklung von Service-Innovationen. Weitere Informationen zur Person siehe http://bernharddoll.wordpress.com, Kontakt: bernharddoll@me.com
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„Listen to your customers, but ignore what they say!“ - Teil 3: Der Effekt einer Visualisierung von Ideen und Konzepten, 5.0 out of 5 based on 1 rating
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