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Die Methode Throwaway-Prototyping

Die Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen ist schon ein heikles Unterfangen: Am Anfang steht eine Idee, welche aufgrund der eigenen Leuchtkraft oder der Brillianz der Gründer die Kapitalgeber überzeugt. Anschließend beginnt die Vorlaufzeit, um eine erste Version des Produktes auf dem Markt zu platzieren. Da in dieser Zeit nur Kosten entstehen, sollten Unternehmer und Investoren Ansätze übernehmen, die zu schnelleren Ergebnissen führen. Eine dieser Methoden ist Throwaway-Prototyping.

Ob ein Produkt und das damit verbundene Geschäftsmodell wirklich praxistauglich sind, zeigt sich erst bei der Markteinführung. Es sollte daher naheliegend sein, möglichst früh detaillierte Informationen zur Gestaltung des Produktes zu erhalten. Doch obwohl einfache (Low-Fidelity-)Prototypen nachweislich zu einer Beschleunigung des Entwicklungsprozesses und einer besseren Erfassung von Nutzerbedürfnissen führen, sprechen sich Entwickler aus ihrer “Erfahrung” regelmäßig dagegen aus.

Die schlechten Erinnerungen an Projekte, in denen Prototyping als der Weisheit letzter Schluß verkauft wurde, beruht allerdings in der Regel auf gehetztem Projektmanagement oder einem falschen Verständnis von Prototyping-Methoden. Zunächst einmal kostet die Visualisierung von Ideen mittels einfacher Prototypen zusätzliche Zeit. Der Vorlauf bis zur eigentlichen Erstellung des finalen Produktes wird länger. Diese Kosten werden jedoch in späteren Phasen zum Zeitpunkt des Markteintrittes oder anschließend bei der Änderung von Funktionalitäten mehrfach eingespart. Zur Gestaltung exzellenter Benutzeroberflächen hat sich der Ansatz bereits bewährt. Insgesamt bedeutet die Arbeit mittels Prototypen die Reduktion von Risiken.

prototyping-4Dazu muss Prototyping jedoch bereits zu Anfang – während der Konzeption – stattfinden. Es geht nur darum, die Produktidee in einer visuellen, haptischen Form zu verdeutlichen. Überlegt euch, wie Ideen in eurem Unternehmen für gewöhnlich kommuniziert werden. Man erhält ein Konzeptpapier oder eine Spezifikation, die sich über viele Seiten erstreckt und vielleicht mal mit ein paar Bildern oder einer Skizze aufwartet. Ein Geschäftsplan ist wesentlich intransparenter, wenn es um die Darstellung der Geschäftsidee geht. Das ist mitunter einer der Gründe, weshalb bei Business-Plan-Wettbewerben ein großes Augenmerk auf das Team gelegt wird. Dabei verheizen viele gute Teams Wochen bei der Erstellung eines guten Konzeptpapiers, anstatt sich mit ein paar einfachen Mitteln erste Prototypen ihrer Idee umzusetzen, um diese besser kommunizieren zu können. Darum geht es nämlich ausschließlich bei “Throwaway-Prototyping”: erstellt materielle Repräsentationen eurer Ideen, damit ihr Requisiten zur besseren Kommunikation parat habt.

Der Ansatz des explorativen Prototypings

Eine der geläufigsten Ansätze beim explorativen Prototyping ist das Bauen mit Papier. Die meisten Mittel dazu hat jeder im Büro. Mit zusätzlichen Materialien wie transparentem Papier, buntem Karton, Post-Its usw. können auch komplexere Ideen einfach umgesetzt werden. Papier hat den Vorteil, dass eine größere Anzahl von Personen gemeinsam an einem Tisch sich durch das Basteln mit der Idee beschäftigen kann. Auch Geschäftsprozesse lassen sich auf diese Art einfach visualisieren.

Durch diese Beschäftigung entsteht mit der Zeit ein visuelles Repertoire, welches Baublöcke zur weiteren Entwicklung beinhaltet. So wird etwa die Evaluation von Benutzeroberflächen vereinfacht, da Veränderungen durch einfaches Austauschen oder Verschieben einzelner Elemente sehr schnell umgesetzt werden können. Inzwischen gibt es auch Softwareprodukte, welche diese Elemente anbieten. Doch die Arbeit mit softwaregestützten Wireframes oder Mockups geht bereits einen Schritt zu weit. In vielen Projekten wird beim Prototyping “zu hoch” eingestiegen. Die Attrappen sind zu komplex oder sollen bereits Funktionalitäten abbilden. Initial sollte allerdings erst eine visuell-materielle Sprache entwickelt werden, die fernab von Fachbegriffen zur Kommunikation genutzt werden kann.

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Mit Papier und Pappe lassen sich neben Software auch materielle Produkte oder Dienstleistungen visualisieren. Euer Ziel sollte es sein, verschiedene Optionen auszuprobieren und Ideen nicht auf sondern mit Papier zu entwickeln. Für Softwareentwickler sollte das naheliegend sein: Die Ansätze, die ihr bei der Programmierung verwendet, werden einfach auf die Konzeption selbst angewendet. Die Zeit, die in die Formulierung schöner Sätze, die Diskussion über Funktionalitäten oder in ewig lange Meetings zur Abstimmung der Vorgehensweise gesteckt wird, kann wesentlich sinnvoller investiert werden. Anstatt Theorien über die Machbarkeit oder die Akzeptanz einer Idee aufzustellen, wird ausprobiert.

Sofern Ihr immer noch skeptisch seid, solltet Ihr Euch die Präsentationen von Commoncraft ansehen, die alle ausschließlich mit Papier umgesetzt wurden. Ich wünsche euch bei der Entstehung eurer nächsten Produktideen viel Spaß und hoffe, dass Ihr in Zukunft “mit den Fingern” denkt.

Über den Autor:

Ahmet Emre Acar war wissenschaftlicher Mitarbeiter in der HPI School of Design Thinking (“D-School”), wo er sich mit Kreativitätsprozessen beschäftigte und maßgeblich an der Erstellung des D-School-Blogs beteiligt war. Er forschte an der Technischen Universität Berlin, der Humboldt Universität Berlin und der Universität Potsdam zu Kommunikation im Internet, nicht-linearen Medien, Mediensemantik, Multimediaproduktion und E-Learning. Ahmet bloggt unter www.sanjuro.de und hat sich mittlerweile mit seiner Agentur Ingosu zum Thema Kreativitätsprozesse in multidisziplinären Teams selbstständig gemacht.

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