
Nur kurz kam Spannung auf, dann ging’s zum Schluß doch ganz schnell: kurz nacheinander verkündete Microsoft zwei Deals mit Twitter und Facebook , dann legte Google nach: Die Echtzeitsuche war in der Monetarisierung angekommen, geadelt von den beiden bestimmenden Spielern. Und es geht hierbei um substantielle Beträge, wie @AlleyInsider zu berichten weiß.
SPIEGEL Online erfasste unter den Publikumsmagazinen die Lage am schnellsten und erklärte seinen Leser schon einen Tag nach Verkündigung der Deals das „Hast-Du-schon-gehört”-Netz“. Neben der klassischen Suche, die Seiten crawlt und indexiert, und der Keyword-Suche in Live-Streams von Social-Media-Netzwerken ist die Echtzeitsuche der dritte Spieler auf dem sich neu strukturierenden Feld der internetbasierten Suche.
Welche Auswirkungen diese Twitter-Deals letztlich haben werden, darüber gibt es jedoch eine Vielzahl unterschiedlicher Ansichten. Und jeder wird etwas nach seinem Geschmack finden, wie dieser kurze Auszug bereits vermittelt:
- Robert Scoble sieht Facebook und Friendfeed als die Verlierer des Deals: „In other words, if you aren’t on Google you don’t exist to most people.“
- Dave Winer glaubt, dass Google, Microsoft und Twitter ins Nachrichtengeschäft eingestiegen sind: „Twitter got Google and Microsoft to pay for the content that the media industry should have been hosting instead of Twitter. [...] And what business are they in now? I believe they’re in the news business. [...] This isn’t tech anymore. This is what the Times and CNN should have become, what CBS, NBC and ABC should be.“
- Miguel Helft von der New York Times macht sich Gedanken über das Marktpotential der Echtzeitsuche: „For all the buzz, however, one question remains unanswered: How easily can real-time search turn into real cash? “
- Marissa Mayer von Google scheint diese Sorge nicht zu teilen. Im Gegenteil, sie stellt die neueste Errungenschaft der Google Labs auf dem Web 2.0 Summit 2009 vor – Social Search. Der Twitter-Deal ist aus Google-Perspektive also eher ein Mosaikstein in einer viel umfassenderen Strategie. Man kann die neue Social-Search by Google übrigens schon testen.
- Jonathan Mendez sieht die Zukunft der Echtzeitsuche ebenfalls bei Google: „Google Will Own Realtime Search by Indexing, Filtering and Ranking Tweets Better than Twitter“
- Edo Segal sieht das ähnlich und fürchtet um Twitter: „For Twitter, Sharing Data With Google Would Be Suicide.” [...] By doing a deal that will give Google unfettered access to real-time results from Twitter in Google search, Twitter will effectively be giving up the fight and losing the war. [...] For Twitter to give away the farm (its firehose of Tweets) at this stage is tantamount to suicide and can only be defined as a form of creative laziness.“ Edo Segal ist auch einer der CrunchUp 2009-Panelists – Video siehe unten.
- Sean Parker – Managing Partner bei Founder’s Fund – sieht hingegen die Zukunft in Netzwerkdiensten, zu denen er Facebook und Twitter zählt: „The New Era of the Network Service“. Bei Techcrunch klingt das dann etwas Klick-steigernd, etwas dramatischer: „Rise of Facebook And Twitter, Fall Of Google Presentation“. (Anmerkung: Schon über 140 Kommentare – ein wirklich lesenswerter Post.)
Meines Erachtens dokumentieren die Deals der vergangenen Woche drei Entwicklungen:
1. Mein Interesse als User gilt relevanter Information. Und diese drückt sich nicht ausschließlich in dem mir heute vorgeschlagenen Ranking gepimpter Suchergebnissen der SEO-Voodoo-Ecke aus. Je stärker sich mein Interesse in das „hier“ (Ort) und „jetzt“ (Echtzeit) verlagert, desto schlechter wird die Leistung der heutigen Algorithmen.
2. Die klassische Suche, so wie wir sie von Google & Co. heute kennen, dieser Brute-Force-Ansatz mit One-size-fits-all-Mentalität, wird daher an Bedeutung verlieren. Diese Gelddruckmaschine wird in Zukunft langsamer laufen.
3. Und alle aktuellen Internet-Trends bewegen sich in einem Spannungsfeld, welches Fred Wilson zu Recht das „Golden Triangle“ nennt: “The three current big megatrends in the web / tech sector are mobile, social, and real-time.”
Googles Social-Search-Projekt hat diesen Gedanken bereits weitgehend vereinnahmt und Bing wird – koste es, was es wolle – mitziehen müssen. Es wird interessant sein, zu beobachten wie Steve Ballmer dies zu kontern gedenkt. Noch hat Microsoft mit Facebook einen Trumpf im Ärmel.
Fazit:
Es werden heute die technischen, sozialen und kommunikativen Grundlagen gelegt, die aus dem „Hier“ und „Jetzt“ sich speisende Ungeduld zu bedienen: An diesem Ort brauche ich jetzt bestimmte Informationen aus einer Quelle, der ich vertraue. Und Vertrauen ist bekanntlich der Anfang von allem…
Hintergrundinformationen:
Man kann sich Monate mit den Themen Echtzeitsuche und Echtzeit-Web beschäftigen und trotzdem wird man stets das Gefühl haben, nur an der Oberfläche des Wissens zu kratzen. Nachfolgend sind einige Quellen zusammengestellt, die dem interessierten Leser in zwei bis drei Stunden einen Überblick verschaffen können.
Beginnen wir am Beispiel von Wowd mit der Echtzeitsuche. David Berkowitz hat eine Kurzpräsentation zum Real-Time Search Panel der OMMA Global-Konferenz erstellt, in welcher es drei gute Slides gibt (Anmerkung: Hier gibt es die lange Version des Wowd-Whitepapers):
In Davids Blogpost gibt es dann deutlich mehr Informationen und weiterführende Links, zum Beispiel „Real-Time Search Is Much Bigger Than Just Twitter“ von Rob Garner oder „Misguided Notions: A Study of Value Creation in Real-Time Search“ von Jonathan Mendez. Interessant ist auch das White-Paper des OneRiot-Teams „The Inner Workings of a Real Time Search Engine“.
Auf der CrunchUp 2009 gab es ein gut besetztes Real-Time Search-Panel:
Die wichtigsten Aussagen der Teilnehmer – Twitter wäre zum Beispiel nicht die einzige Quelle für die Echtzeitsuche, aber auf jeden Fall problematisch wegen des Spam-Grades und dessen Informationsredundanz durch Retweets und Bots – sind auf Techcrunch noch einmal transkribiert worden.
Last, but not least, drei recht neue Präsentationen, die Internet-Trends und das Phänomen Real-Time-Web aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten:
a) Mary Meeker, Morgan Stanley Technology Research, auf dem Web 2.0 Summit zum „Thema Economy + Internet-Trends“ (spannend wird es ab Folie 28):
b) Louis Grays „Technology and the Real-Time Web: Blog World Expo 2009“-Präsentation:
c) Kathy E. Gills „Journalism, Blogging and the Real Time Web“:
Artikel zum Thema:
- „Echtzeitsuche – Das nächste “Big Thing” oder wohin könnte sich die Twitter-Suche entwickeln?“
- „Echtzeitsuche II: Neues von Twitter, bit.ly, Microsoft Bing & Yahoo sowie Augmented Reality Search“
- Die Rechtslage bei Twitter: Interview mit Sebastian Dramburg und Thomas Schwenke
- Veranstaltungstipp: Twittwoch
- Kaffeepause: Wenn Unternehmen twittern
Über den Autor:
Stefan Wolpers, bloggt und twittert für susuh.de, einem Marktplatz für Dienstleistungen. Daneben macht er unter stefans-eisrezepte.de Eiscreme selbst und veröffentlicht die Rezepte für andere Nutzer.
Stefan ist Initiator des @Twittwochs – einem Tweetup für Menschen, die sich beruflich mit Social Media im Allgemeinen und Twitter bzw. Microblogging im Besonderen beschäftigen. Mittlerweile ist der Twittwoch bereits in Köln, Hamburg, München und Berlin etabliert.
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