Storytelling

Storytelling ist universell

Ein Thema kann noch so interessant sein – wenn eine Rede nur aus Zahlen, Daten und Fakten besteht, schaltet das Gehirn gelangweilt in den Ruhezustand. Trockene, unemotionale Vorträge sind für alle Beteiligten nervtötend und zeitraubend. Storytelling – eine der ältesten Kulturtechniken der Welt – gerät wieder en vogue. Gute Geschichten sind für den Sprecher ein effektiver Weg, um Informationen zu vermitteln, und für das Publikum ein unterhaltsamer Weg, um zu lernen.

Ob in Asien, Afrika, Europa, Nord- und Südamerika oder Australien: Geschichten funktionieren überall, seit es den Menschen gibt – in der (Höhlen-)Malerei, der Musik, im Film, in Büchern, in der Werbung, im Gerichtssaal, auf Webseiten, auf Konferenzen, bei Sportevents und im Selbstgespräch. Man könnte diese Liste unendlich weiterspinnen, sie würde jeden Bereich menschlichen Lebens und Schaffens berühren. Storytelling ist so alltäglich und gegenwärtig, dass wir vermutlich deshalb nur schwer erklären können, was Storytelling eigentlich ist.

Man erzählt seiner Familie vom Job: Storytelling. Freunde berichten davon, wie sie es geschafft haben, mit dem Rauchen aufzuhören: Storytelling. Kinder, die Cowboy und Indianer spielen: Storytelling. Annette Simmons drückt es in Ihrem Buch „The Story Factor“ so aus: „Eine Geschichte zu erzählen, ist wie eine Kurzdokumentation eines Ereignisses, das man erlebt hat, so dass andere es auch erleben können.“

Das menschliche Gehirn braucht Geschichten

Doch warum ist das Geschichtenerzählen so wichtig für die menschliche Spezies? Der US-Amerikanische Neurowissenschaftler Michael Gazzangia erklärt in diesem kurzen Video die biologischen Gründe für Storytelling auf dem neuesten Stand der Hirnforschung:

Das Gehirn verleiht den Geschehnissen um uns herum Sinn. Es interpretiert alles in Form von Geschichten, die wir dann anderen Menschen weitererzählen, und hat laut dem Evolutionsbiologen Steven Pinker noch weitere überlebenswichtige Funktionen. Der Mensch nutzt Geschichten, um

  1. Informationen mit anderen Menschen zu teilen und von anderen zu lernen
  2. Beziehung mit anderen Menschen aufzubauen und zu pflegen
  3. „Social Skills“ zu trainieren.

Wie verläuft eine Geschichte?

Der tschechische Filmregisseur und Drehbuchautor Frank Daniel hat die Antwort in diesem Satz zusammengefasst: „Somebody wants something badly and is having difficulty in getting it.“ Um die Kraft von Storytelling zu begreifen, muss ein Blick auf die Bausteine einer klassischen Geschichte geworfen werfen:

Protagonist

Im Mittelpunkt vieler Geschichten steht ein Protagonist, der Eigenschaften oder unerfüllte Wünsche besitzt, mit denen sich das Publikum identifizieren will.

Auslösendes Dilemma

Zu Anfang einer Geschichte gerät die Welt des Hauptcharakters durch ein äußeres Ereignis in eine Schieflage.

Veränderungswunsch

Der Protagonist versucht im Laufe der Geschichte, die Balance wiederherzustellen. Geschichten erzählen immer von der Transformation ihres Hauptcharakters, von einer Vorher- in eine Nachher-Situation.

Antagonist

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  Alle Kräfte, die den Protagonisten davon abhalten, sein Ziel zu erreichen, nennt man antagonistische Kräfte. Das kann ein Mensch oder eine menschenähnliche Gestalt sein (zum Beispiel bei Batman der Joker), die Natur (Bill Gates im Kampf gegen Malaria-Überträger), die Zeit (James Bond und die Bombe), körperliche Gebrechen (James Bond wird alt) oder psychologische Gebrechen (Filmhelden leiden unter Ängsten oder Phobien). Die antagonistischen Kräfte sind immer genau so stark wie die Kräfte des Protagonisten. Sie haben in der Geschichte die Funktion eines Katalysators, die den Helden zur Veränderung zwingen.

Konflikt

Packende Geschichten handeln vom Kampf von (Wert-)Gegensätzen und der Auseinandersetzung des Helden mit den antagonistischen Kräften. Bei der erfolgreichen Auseinandersetzung mit seinem Gegenspieler macht der Protagonist Lernerfahrungen, die auf seine endgültige Veränderung hinauslaufen, indem er die gegen ihn wirkenden Kräfte überwindet.

Transformation

Am Ende einer Geschichte hat der Protagonist seine Welt wieder in Balance gebracht. Er hat die besten Seiten seines alten Ichs behalten und durch die Konfrontation mit seinen Widersachern neue Fähigkeiten und Erkenntnisse gewonnen, die ihn menschlich haben wachsen lassen. Er kehrt mit neu gewonnener Kraft in seine alte Welt zurück.

Bild: Rolf Kühnast  / pixelio.de