Fernglas

Lange Zeit dominierte Google das Feld der Suchmaschinen und grub etwa Konkurrenten wie Yahoo Search und Microsoft Live (beide performen längst nicht mehr gut bzw. Microsoft Live wurde zugunsten von Bing quasi eingestellt) das Wasser ab. Erst mit der zunehmenden Verbreitung von Echtzeit-Inhalten, wie sie durch Microblogging wie Twitter oder Statusmeldungen bei Facebook und StudiVZ (wobei sich der Buschfunk von außen jedoch nicht auslesen lässt, wie bei Facebook) größere Verbreitung fanden, geriet dieses Monopol ins Wanken. Googles Algorithmus zielt primär darauf ab, möglichst alle im Web verfügbaren Inhalte zu katalogisieren und einer Suche zugänglich zu machen. Ein Echtzeit-Monitoring wird von der Software hingegen bisher nicht abgedeckt. In diesem Beitrag soll es nun darum gehen, wie eine Echtzeitsuche in Zukunft aussehen kann und inwiefern sich dort eine Form der Suchoptimierung finden lassen wird.

Anfang Mai machten Gerüchte die Runde, dass sowohl Google, als auch Apple anTwitter interessiert sind. Aus der Sicht von Google ist Twitter sicherlich ein mittlerweile relevanter Informationssammler und deshalb interessant für das eigene Portfolio. Über Apples Interesse kann man nur spekulieren. Am 06. Mai gab Twitter Vize-Präsident Santosh Jayaram dann gegenüber CNet bekannt, Google herausfordern zu wollen und zwar mit einer eigenen Echtzeit-Suchmaschine. Spannend wird sein, wie sich in dieser Datenflut die Inhalte noch akkurat im Sinne einer Relevanz-Zuschreibung bewerten lassen.

Ein wesentliches Element ist das Gefunden-werden im Netz. Und da die Katalogisierung des Internets technisch vermittelt auf Basis von Crawlern erfolgt, bestehen ganz bestimmte und eindeutig definierte Regeln, die bei der Katalogisierung eine Rolle spielen. Dass die Aufnahme der Seiteninhalte stark technisch determiniert erfolgt, kann man sich zunutze machen, nachdem man mit derSuchmaschinenoptimerung (SEO) einen Prozess entwickelt hat, um Websites möglichst weit oben in den organischen Suchergebnissen ranken zu lassen. Dies lässt sich mit dem nötigen Kleingeld durch Suchmaschinenmarketing auch noch gezielt ergänzen, indem neben bestimmte Stichworten Werbeplätze gebucht werden.

Will man einen Inhalt im Internet finden, widmet sich derzeit die Suchmaschinenoptimierung der Frage, wie man die eigenen Inhalte besser für andere auffindbar machen kann. Momentan geschieht dies vor allem anhand zweier Elemente: Seiteninterne Verbesserungen und seitenexterne Maßnahmen. Seiteninterne Verbesserungen sind solche, die dazu führen, dass die eigene Seite besser von den Suchmaschinen-Crawlern erfasst werden kann. Dies basiert beispielsweise stark auf einem gezielten Keywording. Das Zusammenspiel von Metadaten, wie Keywords mit dem Content der Site ist hier besonders relevant.

Seitenexterne Maßnahmen beschäftigen sich hingegen mit der Erhöhung der Relevanz (also der Wahrnehmung) der eigenen Site von Außen. Diese Komponente des SEO zielt auf die Reputation in der Community ab. Technisch geschieht dies primär über eine Betrachtung der auf die Seite führenden Links (so genannte Backlinks oder Inbound-Links). Anhand von eingehenden Links soll die Relevanz einer Seite taxiert werden. Eigentlich logisch: Wenn viele externe Seiten auf einen Inhalt verlinken, muss er von Relevanz sein, wobei die eingehenden Links dennoch nicht das einzige Kriterium zur Feststellung der Seitenrelevanz sind. Der von Google ins Leben gerufene Page Rank ist eine mysteriöse Kennzahl, welche die Relevanz einer Seite mit einer Zahl beziffert und Profis auch gerne von „Google-Voodoo“ sprechen lässt. Denn Google ändert die Determinanten dieser Relevanzbestimmung von Zeit zu Zeit auch mal.

Laut eigenen Aussagen will Twitter besonderes Augenmerk auf die Links in den Tweets legen und die Reputation von Verfassern und Re-Tweets berücksichtigen. Bei zirka 25 Millionen Twitter-Usern könnte so eine neue spannende und relevante Suchmaschine besonders für News und Trends entstehen. Schließlich hat sich Twitter mittlerweile auch eine beachtliche Relevanz bei Google erarbeitet.

Twitter-Suche

Twitter-Profile und Tweets werden bei Google verhältnismäßig hoch gerankt und so stellt sich die Frage inwiefern SEO, in Zukunft auch bei der Twitter-Suchmaschine, eine wichtige Rolle spielt. Wird sie innerhalb von Microblogging-Diensten überhaupt eine Rolle spielen? Werden die gleichen Kriterien wie bei der normalen Suche angewandt werden oder müssen neue erdacht werden? Herausfordernd wird diese Frage vor allem, da hier außer Hashtags keine Metadaten gesetzt werden können,der Content auf 140 Zeichen begrenzt ist und man nur Outbound-Links setzen kann. Appliziert man einmal die Elemente des SEO, müssen also Pendants für die Bestimmung der Relevanz (Reputation via Inbound-Links) und für die seiteninterne Verbesserung (Keyword-Boosting) gefunden werden. Der erste Teil dieser Frage wurde sehr anschaulich und umfangreich durch Stefan Wolpers Artikel bei Gründerszene thematisiert. Es kann sich also auf das zweite Element dieser Festlegung konzentriert werden: Die Optimierung auf bestimmte Keywords.

Wenn sich Twitter entschließt, seinen Fokus ausschließlich auf Reputation und Link-Content zu legen, wird Keyword-Optimierung in Tweets keine Rolle spielen. Dabei ist doch eigentlich die Korrelation zwischen Tweet und Link-Content interessant. Wenn Twitter diese Relevanz einbezieht, wird das Wording in Zukunft ein Faktor für das Twitter-SEO: Kommen wir von der Suchmaschinenoptimierung bald zur Twitteroptimierung? Von „SEO“ zu „TWEO“?

Welche Rolle spielen Hashtags in der potentiellen Keyword-Optimierung?

Hashtags sind Schlagworte die von einer Raute (#) eingeleitet werden und das Zuordnen bestimmter Tweets erleichtern sollen. Die Idee wurde 2007, in Anlehnung an die Gruppierung innerhalb von News-Groups, von Chris Messina vorgeschlagen. Das Thema wird durch hashtags.org lanciert.

Die Ergebnisse der aktuellen Twitter-Suchmaschine sowie jene von Google werden nicht durch die Präsenz eines Hashtags beeinflusst. Die Suche mit Hashtag limitiert das Ergebnis allerdings auf die mit Hashtag indizierten Keywords. Dasselbe gilt natürlich auch für Applikationen wie Tweetdeck, in denen man sich Streams von Suchbegriffen anzeigen lassen und sich so einen guten Überblick zu einem Thema verschaffen kann.

Tweetdeck

Relevanz bekommen Hashtags aber hinsichtlich des Kontextbezugs und dem Triggern von Bots. Gerade innerhalb der Twitter-Syntax sind Hashtags neben @, RT (Retweet) und Via am Wichtigsten, denn sie zeigen die Tweet-Thematik an und ordnen sie ähnlichen Tweets zu.

Hashtags zum Triggern von Bots sind interessant, um Tweets themenbezogenzu kumulieren oder retweeten zu lassen. Das ist besonders nützlich um zum Beispiel Tweets über dieselbe Veranstaltung zu sammeln und wiederzugeben,oder Jobangebote kinderleicht von Bots verbreiten zu lassen. Dies wiederum kann irgendwann interessant werden, wenn Re-Tweets ins Ranking der Suche einbezogen werden, aber vermutlich wird Twitter dies vermeiden, da sicherlich kein Interesse an automatischer Verbreitung von Content existiert. Das würde schließlich jegliche Form der Reputations-Relevanz untergraben. Bots sind in diesem Kontext so etwas wie Link-Farmen im klassischen SEO.

Falls Twitter sich entschließen sollte, kontextbasierte Werbung wie Adsense einzuführen, werden Hashtags sicherlich für die Zuordnung von Anzeigen an Bedeutung gewinnen. Es ist allerdings nicht davon auszugehen, dass Twitter sich für solch ein Modell entscheiden wird, da doch eine enorme Ungenauigkeit dabei entsteht, weil Nutzer von Hashtags diese oft verwenden um Tweets eine bestimmte Konnotation zu verleihen.

Interessant wird dann auch eine Frage, die Oliver Bentz am 23. Juni 2009 auf einen Post des Hamburger Twittwochs gestellt hat: Gibt es ein Recht auf das eigene Hashtag? Können Hashtags geistiges Eigentum sein? Gibt es ein Gewohnheitsrecht auf die Nutzung von Hashtags? Eine Überlegung, die zunächst nahezu ein wenig belustigend erscheint. “#tmbiete” ließe sich sicherlich als Marke eintragen, doch zu welchem Zweck? Als geistiges Eigentum gehen Hashtags definitiv nicht durch, man könnte aber über Marken- bzw. Wettbewerbsrechte nachdenken. Namensrechte kommen wohl eher nicht Frage, denn kein Mensch heißt wie ein Hashtag (obwohl #Müller lustig wäre ;-). Und für die Anwendung des Urheberrechts ist die Schöpfungshöhe zu niedrig.

Ein Markeninhaber hat jedoch nur die Möglichkeit, seinen Wettbewerbern die Verwendung seiner Marke zu untersagen. Im Fall von Anwendungen wie Tweetmarkt wären dies beispielsweise andere Anbieter von Kleinanzeigensystemen für Twitter, die ebenfalls auf Hashtags zur Applikationssteuerung setzen. Ein Unterlassungsanspruch gegenüber Privaten, die das geschützte Hashtag etwa für ihren Karnickelzuchtverein nutzen, und anderen Unternehmen, die nicht im Wettbewerb mit Tweetmarkt stehen, dürfte allerdings schwer durchzusetzen sein. Und selbstreferentielle Hashtags wie “#verkaufe” dürften vermutlich nicht einmal schützfähig sein.

Fazit:

Aktuell sind nur der Inhalt der Tweets und Hashtags relevant für Suchmaschinen. Das bedeutet natürlich, dass Keyword-Optimierung eine entscheidende Rolle für die Findbarkeit spielt, wobei Hashtags eher der schnellen thematischen Zuordnung und dem Kumulieren von Tweets bzw. Triggern von Bots dienen. In Zukunft werden Reputation und Link-Content die entscheidenden Kriterien werden. Hashtags könnten dann die Rolle von Keywords übernehmen, wobei in diesem Fall wahrscheinlich eine Begrenzung pro Tweet erforderlich würde.

Da man aktuell nur spekulieren kann, werden wir wohl abwarten müssen, wann und wie Twitter ihre Echtzeit-Suchmaschine aufstellen wird. Bis dahin kann man ja schon mal mit Twazzup herumspielen. Twazzup versucht bereits mit der Relevanz von Links und mit Reputation zu arbeiten und so ein Ranking von Tweets und Twitterern darzustellen.

Über den Autor:

Jan HeinemannJan Heineman berät kleine und mittelständische Unternehmen, sowie StartUps, in den Bereichen Marketing-Strategien und Online Marketing. Er führt auch einen Blog zum Thema und sein Augenmerk ist dabei besonders auf das Social Web und die damit verbundene digitale Reputation gerichtet. Er twittert unter http://twitter.com/jankbx.

Auf dem letzten Berliner Twittwoch am 1. Juli 2009 haben er und Gründerszene-Chefredakteur Joel Kaczmarek das Thema mit der Utnerstützung von Stefan Wolpers auch vorgestellt und diskutiert.

Stefan Wolpers, bloggt und twittert für susuh.de, einem Marktplatz für Dienstleistungen. Daneben macht er unter stefans-eisrezepte.de Eiscreme selbst und veröffentlicht die Rezepte für andere Nutzer.

Stefan ist Initiator des @Twittwochs – einem Tweetup für Menschen, die sich beruflich mit Social Media im Allgemeinen und Twitter bzw. Microblogging im Besonderen beschäftigen. Mittlerweile ist der Twittwoch bereits in Köln, Hamburg, München und Berlin etabliert.

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