Gerade zurück nach drei Monaten Kalifornien. Nicht Sillicon Valley, sondern Santa Monica, der schönste von den noch bezahlbaren Teilen von Los Angeles, direkt zwischen Beverly Hills und Strand. Eigentlich ein Kurz-Sabbatical mit ganzer Familie, aber…. wo entwickeln sich in Deutschland auf einem Kinderspielplatz Gespräche über neue Kommunikations-Unternehmen, das allerneueste im Online-Marketing und die besten Tipps für Business-Netzwerke ? Es ist aber nicht nur das: es fehlt völlig die deutsche Arroganz von Leuten „die es geschafft haben“, eine Arroganz, die ja durchaus auch und gerade bei den vcermeintlich so lockeren deutschen IT-Gründern nach dem Exit anzutreffen ist.  Die kalifornische Denke geht komplett anders – „der oder die hat es noch nicht geschafft, hat aber vielleicht eine spannende Idee, die man zusammen umsetzen könnte. Also sollten wir miteinander reden, auch wenn ich Multi-Millionär bin und dieser IT-Youngster gerade bei Starbucks jobben muss“.

Die Kalifornier trinken ziemlich viel sehr mässigen Kaffee: zum Beispiel bei den regelmässigen „breakfast meetings,“ die es von allen Business Angel Organisationen gibt, wo sich sehr entspannt Venture Capital und startups treffen. Termin über die Website besorgen, anmelden – hingehen! Gerade als Deutscher bekommt man den Erstkontakt sehr einfach, denn nach wie vor ist Deutschland schließlich der major market in good old Europe. Und auch das ist ein gewaltiger Unterschied: auch jemand der dort sitzt und vor zwei Jahren sein Unternehmen für einen Riesenbetrag an ebay verkauft hat ist wirklich an Eindrücken auch von jungen Gründern gerade aus Europa interessiert, man braucht dort überhaupt keine Bedenken haben aufzulaufen.

Nehmt beispielsweise Kontakt auf zur LAVA – Los Angeles Venture Association – und Ihr werdet merken, wieviel Spass es macht, mit absoluten Top-Profis am Strand in kurzen Hosen auf höchstem Niveau und ohne jede Eitelkeit Eure Geschäftsidee zu diskutieren. Das fast jedes erfolgreiche und wirklich wichtige IT-Unternehmen aus Kalifornien kommt ( sorry, SAP ausgenommen) hat definitiv nicht nur etwas mit den herausragenden Universitäten zu tun, sondern auch etwas mit der Grundeinstellung a. mit wirklich jedem zu reden wenns die Zeit nur irgendwie zulässt b. das Arroganz als Dummheit gilt c. das „easy going“ absolut einhergeht mit Top-Wissen und Top-Erfahrungen.

Die Geschwindigkeit, mit der Kontakte und Termine vermittelt werden ist atemberaubend: ich wollte mich brav, ganz Deutscher, zum Büro des CEO durchstellen lassen, der in der zweiten Runde gerade 150 Mio $ Kapital eingesammelt hatte. Nix Büro, man bekommt ihn direkt ans Telefon und geht am nächsten Morgen auf einen Kaffee zu Starbucks. Nicht lange, aber lange genug um zu vereinbaren, dass man sich wieder trifft bevor dieses Unternehmen den europäischen Markt in Angriff nimmt. Wie lange braucht man in Deutschland um jemanden zu treffen, der gerade eine 150 Mio-Finanzierung bekommen hat? Richtig – man braucht es gar nicht versuchen :)

Ich habe hier mal versucht mit einem erfolgfreichen Gründer nur zu telefonieren, der auch an „Gründerszene“ beteiligt ist: einfach vergessen! Ihr kennt es – „wir melden uns“ , „wir rufen zurück„, …. es ging übrigens nicht etwa um eine Kapitalanfrage, sondern um eine Initiative von Unternehmern endlich dafür zu sorgen, dass der Leipziger Flughafen ein paar vernünftige Verbindungen in europäische Geschäftsstädte bekommt…

Was auch sehr hilft: freiberuflich oder selbstständig arbeiten ist in den USA. vor allem aber auch Kalifornien die Regel, nicht die Ausnahme. Das Selbstständigkeit mal schiefgehen kann weiß dort jeder, als peinlich gilt es nur, wenn man danach jammernd nach Hilfe schreit und nicht wieder die Zähne zusammenbeisst und noch mal von vorne anfängt. Aber deswegen kann man gerade in der Startup-Phase unheimlich viel zusammen machen mit anderen Gründern – „Du programmierst meine Site dafür schreibe ich Dir Dein PR-Konzept…“

Ein aus dem Leben gegriffenes und nicht ausgedachtes Beispiel: ein befreundeter Screendesigner hatte „auf Gegenseitigkeit“ seinem Steuerberater eine neue Site gebaut. Zwei Jahre später rief die Bill und Melinda Gates Stiftung an und buchte den Designer für die Entwicklung der neuen Website – „einer unserer Steuerberater hat Sie sehr empfohlen…“ – und die haben ja nun eigentlich genug Auswahl an Screendesignern :)

Vor wenigen Wochen brachte die Süddeutsche Zeitung den allerbesten Beleg für das deutsche Gründungs- und Selbstständigkeits-Dilemma, eine große Überschrift lautete: „Immer mehr Uni-Absolventen zur Selbstständigkeit gezwungen“ – besser kann man es nicht sagen, in Deutschland gilt Selbstständigkeit immer noch als „Gefahr“. In den USA als Riesenchance.

Natürlich, es gibt auch handverlesene positive Ausnahmen hierzulande – wir selbst haben mit Hilfe einer relativ kleinen VC-Gesellschaft, einer Leipziger Beteiligungsgesellschaft der Sparkasse gegründet und inzwischen ganz erfolgreich komplett verkauft. Nur haben wir in der Finanzierungssuche und auch bei der Suche nach Kooperationspartnern in den ersten Jahren leider ganz viele „typisch deutsche“ Beispiele erlebt.

Wir werden zurückgehen nach Kalifornien. So schnell wie möglich. Das Gründen ist dort einfacher, die Experten sind Weltspitze, die Mensche supernett und das Kapital für gute Ideen beträgt das x-fache von dem in Deutschland/Europa. Und aus Kalifornien sind wir nach drei Monaten mit mehr Geschäftsideen zurückgekehrt als in drei Jahren Deutschland, einfach nur aus Gesprächen mit Freiberuflern, kleinen Unternehmern, „mächtigen“ CEOS, Marketingleuten, auf Spielplätzen, bei Starbucks, beim Inline-Skaten, beim all-sonntäglichen Rasenpicknik auf dem „Santa Monica Street Market“

Nein, ich bekomme kein Honorar vom California Tourism Department :) Aber ein Gründerland ist Deutschland einfach nicht.