Gründerstimmung 2.0: Überall in der Republik enstehen neue (Internet)-StartUps, vorzugsweise mit „Web2.0“-Label. Während noch vor einigen Jahren angesichts des widrigen Umfelds und der schlechten Stimmung nur wenige „Post-Bubble-Pioniere“ wie XING und Spreadshirt gegründet wurden, wetteifern heutzutage zahlreiche Konkurrenten um die selben neuen Geschäftsideen. Die Stimmung ist trotzdem (oder gerade deshalb?) so gut wie seit dem Ende der New-Economy nicht mehr. Thomas Kuwatsch von Autoki, bringt es auf den Punkt: „In den letzten Jahren haben die Leute nur von Ihren Ideen erzählt – jetzt werden die Konzepte auch umgesetzt.“ Fraglich ist aber ob die gute Stimmung nur eine irrationale Gefühlslage ist, oder auf handfesten wirtschaftlichen Chancen beruht. Anhaltspunkte hierfür lassen sich gewinnen, indem man die Gründe für den neuen Boom von (E)-Entrepreneurship analysiert:

1. Der „Long Tail“ des Internets fördert Unternehmertum.

Der Long Tail des Internets fördert Unternehmertum, indem jede Nische zum möglichen Markt wird. Während die hohen Transaktionskosten der realen Welt das Entstehen einiger Nischenmärkte verhindert haben, ermöglicht die Struktur des Internets das Entstehen zahlreicher neuer Märkte die zuvor zu klein und unübersichtlich waren. (z.B. Dawanda.de) Die neuen Nischen können von solchen Anbietern am besten bedient werden, die spezielle Kenntnisse dieser Marktbereiche und die nötige Glaubwürdigkeit aufweisen. Dies können beispielsweise Personen sein, die sich zuvor mangels geschäftlicher Möglichkeit nur hobbymäßig mit dem Gebiet befasst haben. Der Long Tail ermöglicht diesen Personen jetzt sich selbst zu verwirklichen in dem sie Ihr Hobby zum Geschäft machen. Neue Möglichkeiten und Anreize für Unternehmertum entstehen.

2. Der Kapitalbedarf ist gesunken.

Während zu New Economy Zeiten häufig noch Millionenbeträge gebraucht wurden um loslegen zu können, starten die meisten Gründer heute mit deutlich weniger. Die Technik-Kosten (z.B. Server) sind deutlich gesunken und statt teurer klassischer Werbung setzen die meisten StartUps heute auf kostensparendes, virales Marketing bzw. AdWords. Der verminderte Kapitalbedarf senkt die Markteintrittsbarrieren und sorgt hierdurch für zusätzliche Neugründungen.

3. Internetnutzung nimmt weiter zu.

Die Internetnutzung nimmt weiter zu. Mittlerweile verfügen außerdem 59 Prozent der Onlinenutzer über einen DSL/Breitband-Anschluss. Offensichtlich steigt die Bedeutung und der Nutzen des Internets deutlich an. Mehr Konsumentennutzen erlaubt logischerweise auch mehr Platz für Anbieter. Ein Teil der zusätzlichen Geschäfte führt zum Wachstum etablierter Anbieter (wie z.B. Amazon) – ein Teil der zusätzlich nachgefragten Leistungen führt zu neuen StartUps. Allein das Wachstum des Internets erklärt deshalb schon einen Teil des Gründerbooms.

Die steigende Internetnutzung hat aber noch einen weiteren Effekt: Der Anteil der erfahrenen Internet-User nimmt zu. Als Gründer eines Internetunternehmens kommen naturgemäß nur Personen in Frage, die das Medium kennen und verstehen. Die potenzielle Gründerbasis erweitert sich deshalb mit jedem erfahrenen Internet-User.

4. APIs und Mash-Ups fördern dezentrale Problemlösungen und damit neues Unternehmertum.

Die zunehmende Verbreitung von API`s und MashUps ermöglicht neuen Anbietern den Markteintritt die Ihre Problemlösung auf existierenden Standards bzw. vorhandenen Nutzerbasen und Technologien aufzubauen. Die Kosten des Markteintritts für neue Firmen sinken, während die etablierten Anbieter kernkompetenzferne Bereiche outsourcen und hierduch ebenfalls profitieren. Die kürzlich vom Facebook verkündigte Öffnung der Plattform, hat beispielsweise nach kurzer Zeit zahlreiche neue extrem erfolgreiche Anwendungen nach sich gezogen. Neugründungen werden daher auch möglich in Bereichen, die zuvor aufgrund der benötigten Ressourcen (Finanzen, Userstamm, breit gefächertes Know-how) nur den Big Playern vorbehalten waren. StartUps wie Townster, wären beispielsweise undenkbar, wenn auch das Kartenmaterial selbst gestellt werden müßte.

5. Erfolgreiche Vorbilder.

Ein nicht zu unterschätzender psychologischer Grund für zahlreiche neue Gründungen, liegt in der Existenz erfolgreicher Vorbilder wie StudiVZ, XING, Spreadshirt und Anderen erfolgreichen Newcomern der letzten Jahre. Der große Erfolg dieser Vorbilder und die hohen erzielten (Über)Renditen locken zahlreiche Nachahmer bzw. Adaptierer der Geschäftsmodelle auf den Markt. Von besonderer Bedeutung für die neue Gründerwelle war der Erfolg des StudiVZ: Einer ganzen Generation Studenten wurde mit dem schnellen Erfolg des StudiVZ vorgeführt, welche Chancen Unternehmertum im (seltenen) Best Case bietet. Der nach dem Erfolg aufgekommende Neid spricht Bände davon, wie gern sich auch zahlreiche andere Studenten in der Rolle der (erfolgreichen) Nachwuchsgründer gesehen hätten. Erfreulicherweise hat dies bei vielen Studenten das Interesse für Unternehmertum geweckt, was sich nicht zuletzt in zahlreichen Unternehmer-Gruppen im StudiVZ widerspiegelt.

6. Es ist wieder zunehmend Wagniskapital vorhanden – wenn auch nicht im (verschwenderischen) Überfluss.

Die erfolgreichen Exits haben aber nicht nur das Interesse der Gründer geweckt. Auch zahlreiche Investoren, die nach der New-Economy-Krise in den Winterschlaf verfallen waren, investieren wieder. Anders als in den 90igern wird jedoch was die Einzel-Engagements angeht deutlich sparsamer investiert und auf die Vermeidung von Verschwendung geachtet. Die durchschnittlich von einem Business Angel je Firma investierten Summen, haben sich in den letzten Jahren dann auch deutlich verringert, wie das Venture Capital Magazin in der aktuellen Print-Ausgabe vermeldet. Anstatt wenige Firmen mit sehr viel Geld auszustatten, wird lieber breiter gestreut, wodurch letztlich mehr Unternehmen die Chance gegeben wird sich zu entwickeln.

7. Bessere Vernetzung: Leichtere Teambildung, schnellerer Informationsaustausch, mehr Motivation – und verzerrte Wahrnehmung der Gründerstimmung 2.0.

Plattformen wie XING und StudiVZ, sowie die Blogosphäre haben für eine deutlich bessere Vernetzung der Gründerszene geführt. Dies ermöglicht u.A. effizientere Teamfindungprozesse und erleichtert hierdurch Gründungen. Ausserdem wird die Motivation für eine eigene Gründung durch den regelmäßigen Austausch mit Gleichgesinnten stark gefördert. Darüber hinaus wird auch der Informationsaustausch beschleunigt. Informationen über erfolgreiche Geschäftskonzepte verbreiten sich sehr schnell, was z.B. auf dem Markt der Mütternetzwerke eine Schwemme von Gründungen nach sich gezogen hat (von denen ein Großteil nach der Marktbereinigung aber wieder verschwinden wird).

Die Vernetzung hat jedoch noch einen weiteren Effekt, der nicht unbeachtet gelassen werden soll:

Der tagtägliche Austausch mit anderen Gründern führt dazu, dass wir persönlich die tatsächliche Gründungssituation nur verzerrt wahrnehmen können: Man persönlich neigt durch die intensive Beschäftigung mit dem Thema zur Überbewertung von Trends, die für „Durchschnittsbürger“ noch überhaupt keine Bedeutung erlangt haben. Die Gesamtzahl der Gründungen (die jedoch zahlenmäßig vor allem auch Existenzsicherungsgründungen wie Ich-AGsumfasst) ist 2006 sogar gesunken, wie der Gründerraum eine Studie zitiert. Insofern spiegelt der Titel dieser Serie auch nur die Euphorie eines zwar wachsenden, aber nach wie vor sehr kleinen Insiderkreises von (aktuellen und zukünftigen) E-Entrepreneuren wieder.

Im 2. Teil der Serie werde ich dann hinterfragen wer genau zu diesem kleinen Insiderkreis gehört:

Was zeichnet die aktuelle Gründergeneration aus?

[jan]