Internetgipfel Merkel

Internetgipfel in Berlin – Merkel sorgt sich um digitale Wirtschaft

Gestern Abend war es soweit: Bundeskanzlerin Angela Merkel traf beim Internetgipfel unter anderem NumberFour-Gründer Marco Boerries, Immobilienscout-Gründer Joachim Schoss, Txtr-Gründer Christophe Maire, Doo-Gründer Frank Thelen und Springstar-Kopf Klaus Hommels, um Lösungen für ein schnelleres Wachstum der digitalen Wirtschaft zu diskutieren. Das Interesse der Gründerszene war extrem hoch in den vergangenen Tagen. Doch auch nach dem Abend bleiben Verlauf, Ergebnisse und Zukunft des Treffens geheim. Es bleibt die Frage: Wie funktioniert ein Dialog zwischen Politik und Startups?

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Am vergangenen Donnerstag wurde es öffentlich: Bundeskanzlerin Angela Merkel lud am Montag zu einem vertraulichen Internetgipfel mit ausgewählten Persönlichkeiten der deutschen Startupszene. Der Grund: Die Kanzlerin wolle die Rahmenbedingungen für die digitale Wirtschaft verbessern. Seit Jahren habe es in Deutschland keine Neugründung in der Internetwirtschaft mehr gegeben, die international mithalten könne. Einzig SAP könne als kleine Ausnahme gelten. Aus dem Handelsblatt war zu entnehmen, dass die Teilnehmer ein „Thesenpapier“ vorbereitet hätten. Inhalt: Unbekannt.

Inspirator des Internetgipfels der Kanzlerin war Lars Hinrichs, der ein guter Bekannter von Regierungssprecher Steffen Seibert ist. Zu den Teilnehmern am Internetgipfel gehörten neben E-Business-Experten unter anderem Marco Boerries, Joachim Schoss, Christophe Maire, Klaus Hommels und Frank Thelen. Auch einen Tag nach dem Treffen dringt nicht an die Öffentlichkeit, was besprochen wurde. Die Pressestelle der Bundesregierung beruft sich auf Gründerszenes Nachfrage auf den informellen Anlass des Treffens und kommentiert das Treffen nicht. Bereits in der Vergangenheit habe es Treffen zwischen der Kanzlerin und Köpfen der IT-Branche gegeben, es sei gut möglich, dass es weitere Treffen gebe. Konkretes zu den Ergebnissen könne man nicht sagen.

Auch aus Teilnehmerkreisen gibt es ähnliche Reaktionen. Ein Teilnehmer sagt gegenüber Gründerszene, man wolle sich durch unvorsichtige Aussagen nicht bereits nach dem ersten Treffen den Weg verbauen. Inhaltlich sei es eher ein Informationstreffen gewesen, bei dem sich beide Seiten angenähert hätten. Konkrete Ergebnisse habe es noch nicht gegeben. Bereits im Vorfeld des Internetgipfels stießen Medienvertreter bei den Teilnehmern auf verschlossene Türen. Kein Kommentar.

 

Nachdem sich Lars Hinrichs auf Gründerszenes Nachfrage hin bei Twitter und per Mail eher bedeckt hielt, fragte er jedoch zumindest über sein Google-Plus-Profil nach Input von Gründern.

„What do you think Germany needs to boost Entrepreneurship & Internet? Best answer(s) will be discussed today with Chancellor Merkel.“

Die Reaktionen zeigen: Die Wünsche der Gründer sind vielfältig und ihr Interesse an einem Austausch ist immens. Die Themen reichen von Förderung, Bürokratieabbau, Visapolitik und Steuererleichterungen bis hin zu Änderungen der Unternehmensformen. Doch immer wieder kam in den vergangenen Tagen in Kommentaren auch die Frage auf, ob Politik überhaupt fähig sei, die Rahmenbedingungen für Gründer so zu setzen, dass ein Ruck durch die deutsche Gründerszene geht.

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Dazu kommentiert Paul Jozefak von den Hamburger Liquid Labs:

„The reality is that you won’t foster entrepreneurship and innovation directly via political channels. Government has to free up money for research but can’t directly have its fingers involved……this is hard for them to swallow but essential! Silicon Valley (or the Northeast Corridor around Boston) didn’t evolve because of government initiatives. They existed because a bunch of research was being done at universities (Stanford and before it Harvard & MIT) in specific regions. A lot of this research (as well as the universities and ‚labs‘) were funded by government grants but the actual innovation and monetization of these innovations was done at entrepreneur level (i.e. people with the right mindset as mentioned above by Martin). This further has to be financed by the public sector, i.e. venture capital. It became a self-fulfilling prophecy creating a positive effect cycle.“

Journalist und Berater Thomas Knüwer hatte zuvor bereits in seinem Blog Indiskretion Ehrensache seine Skepsis gegenüber dem Interngipfel auf den Punkt gebracht: Bereits im Jahr 2000 habe es ein Treffen zwischen Merkel und Internetunternehmern gegeben, Knüwers Fazit: Bereits damals habe man aneinander vorbei geredet.

„So entstand dann eine Diskussion, wie sie vielleicht auch heute noch zu führen wäre. Die Gründer bezogen klar Position: Die Politik hilft ihnen nicht – also ist sie ihnen größtenteils egal. (…) Und die Politik? Lenkte ab. Müller mit einer Lobrede auf Deutschland, Merkel forderte eine Interessenvertretung der digitalen Branche. Gewisse Sätze sind so deckungsgleich mit dem Jahr 2010, dass die Lernfähigkeit der Volksvertreter ernsthaft bezweifelt werden muss.“, schreibt Knüwer.

Der zentrale Faktor ist wohl das gegenseitige Verständnis der Prozesse. Politik und Startups haben eine beinahe konträre Arbeitsweise, deshalb ziehen zahlreiche Gründer ein Arbeiten ohne Involvment der Politik vor. Nichtsdestotrotz bleibt es Fakt, dass Politik wichtige Rahmenbedingungen für die Startups setzt. So ist es in einem ersten Schritt wohl erst einmal zentral, dass beide Seiten überhaupt miteinander reden und begreifen, wie die andere Seite funktioniert.

 

Politik und Startups: Welche Prozesse funktionieren?

Bereits vor einigen Monaten hatte es auf Initiative von Gründerszene und dem Bundeswirtschaftsministerium ein Treffen zwischen Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler und etwa 15 Köpfen der Startupszene gegeben. Zu den Teilnehmern gehörten unter anderem Klaus Hommels, Jens Begemann und Verena Delius. Der Austausch soll fortgesetzt werden.

Der Internetgipfel der Kanzlerin und das Interesse aus dem Wirtschaftministrium spricht dafür, dass die Politik das Potenzial in der digitalen Wirtschaft erkannt hat. Die große Frage bleibt: Wie lassen sich Prozesse schaffen, fernab von Verbänden, in denen Politik und Startups sich austauschen können, neue Rahmenbedingungen geschaffen werden können und mehr passiert als Dialog. Prozesse, in die die Politik passt, die aber auch mit der Geschwindigkeit und Mentalität der Startups mithalten können. Wahrscheinlich ist es deshalb gar nicht so falsch, mit dem Top-Down-Prinzip zu starten und gestandene Unternehmer mit langjähriger Erfahrung den Weg bei der Bundesregierung bereiten zu lassen.

Dennoch wird es auch wichtig sein, weitere Positionen aus der Gründerszene einzufangen, die Perspektive von jungen Gründern wird zwangsläufig eine andere sein als die von Internetunternehmern mit 40-plus Jahren und einem Investoren-Denken im Hinterkopf.  Wie dem auch sei: Die ersten Schritte im Dialog sind gemacht, wenn daraus mehr wird als ein bloßes Reden, können Politik und Startups vieles voneinander lernen.

Bilder: Christophe Maire on EyeEm