Medizin als harter Markt – besonders für die Samwers: Arztplatz.de ist schon lange klinisch tot und auch Esanum hat einen schwachen Puls
Auf den ersten Blick sieht es noch recht lebendig und irgendwie aktiv aus. In Wirklichkeit ist Arztplatz.de aber schon längst klinisch tot und wird nur noch künstlich am Leben erhalten. Die Gründung der Samwer-Brüder Marc, Alexander und Oliver bietet zwar noch die Anzeige der Rubriken, klickt man jedoch auf diese, gibt es keinerlei Einträge mehr.
Bisher war es bei Arztplatz.de möglich, kostenlos die Preisschätzung des eigenen Arztes mit denen anderer Ärzte zu vergleichen. Dabei fokussierte man sich auf Zahnbehandlungen, Augenlasern und Schönheitsbehandlungen, dem eigentlich bald ein Preisvergleich für Kieferorthopädie und Insemination (künstliche Befruchtung) folgen sollte. Die Erfahrungen anderer Patienten mit der medizinischen Behandlung waren durch ein Bewertungssystem für Ärzte einsehbar.

Finanziert wurde Arztplatz zu 100 Prozent durch Rocket Internet, nachdem es die zugehörige GmbH bereits seit 2006 gibt, sodass verschiedene Firmenbesitzer dem Unternehmen vorausgingen. Nun ist die Seite nur noch auf dem Papier existent und das schon seit rund anderthalb Jahren – ohne dass es die Szene gemerkt hätte. Ursprünglich leitete Stefan Gutberlet die Geschicke der Medizinplattform, die zirka 300.000 Euro von den Jamba-Brüdern zur Verfügung gestellt bekam.
Zwar haben es auch Konkurrenten wie das von Holtzbrinck eLab finanzierte Arzt-Preisvergleich.de nicht viel leichter, doch performen diese besser. Arztplatz.de lief schlichtweg nicht so erfolgreich, wie man es sich im Hause Samwer vorstellte. Zu wenig Traction kam auf das Unternehmen, nachdem das Investment aufgebraucht war. Das Startgeld wurde verbrannt nun herrscht gesundheitsbedingte Flaute, die Seite, ruht, wird quasi künstlich beatmet – falls sich doch noch eine Gelegenheit ergibt, das Unternehmen wieder aufleben zu lassen. Ein Exit bei Arzt-Preisvergleich oder ein Zusammenschluss mehrerer Player könnte das Unternehmen noch einmal wieder beleben. So aber vegetiert es erstmal weiter dahin, ist klinisch tot und kann nur noch durch ein Wunder gerettet werden.
Auch Esanum hat schon einen schwachen Puls
Mit ähnlichen Problemen wie Arztplatz.de hat auch die Ärzte-Diskussionsplattform Esanum zu kämpfen. Das Portal ermöglicht es zugelassenen Ärzten, Fälle aus der Praxis zu diskutieren und Erkenntnisse auszutauschen. Als Klon der amerikanischen Medizinerplattform Sermo soll sich die vom European Founders Fund finanzierte Seite über Werbung der Pharmaindustrie und durch Marktforschung monetarisieren. Einerseits zahlen Pharmakonzerne für Bannerplätze, andererseits kaufen sie die Ergebnisse von Arztbefragungen, deren Einnahmen sich Esanum mit den befragten Ärzten teilt – so der Plan.
Dass dieses Geschäftsmodell allerdings nicht so gut funktioniert, zeigt wohl bereits der Weggang von Geschäftsführer Thomas Palm, der inzwischen bei Google Deutschland untergekommen ist. Esanum hat also mit einer ganz ähnlichen Problematik wie Arztplatz zu kämpfen, allerdings ist hier die Aktivitätsrate höher und laut Informationen von Gründerszene, gibt es wiederholt Gespräche mit Interessenten.
Vor allem soll laut Branchengerüchten in Esanum auch wesentlich mehr Geld aus den Taschen der Samwers geflossen sein als etwa in Arztplatz.de und laut internen Angaben performt die Plattform nach harter Anfangsphase nun besser, aber eben noch nicht gut.
Der Puls des Patienten aus Berlin ist schwach, eigentlich kaum noch spürbar und der Doktor im Hintergrund wartet nun darauf, dass die Medikamente anschlagen: Auch bei Esanum sind Personalausstattung und Seitenaktivität momentan eher gelegenheitsgetrieben und es wird wohl so lange kein neues Geld aus dem Hause Samwer geben, bis es einen Indikator gibt, dass sich das Modell zum Erfolg wendet.
Fazit: Der Medizinbereich ist ein schwerer Markt, bei dem sich nicht so leicht Geschäftsmodelle aus den USA klonen lassen, denn auch Player wie Onmeda, die schon lange am Markt sind und viele Visits zählen, haben es schwer. Die Branche munkelt von 1,5 Millionen Euro Umsatz bei der Axel Springer-Tochter, wobei es besonders aufwändig ist, die entsprechenden Werbekunden dazu zu bringen, ihr Geld in Internet-Werbeplätze zu stecken. Langsame Entscheider und eine unklare Marktsituation tun ihr übriges in diesem Markt, der anscheinend schon ein Opfer gekostet und an ein zweites bereits Hand angelegt hat…
Über den Autor Joel Kaczmarek:
Joel Kaczmarek ist seit März 2009 Chefredakteur von Gründerszene. Damit verantwortet er die Zusammenarbeit mit den Ressortleitern und den Bereich “News” und “Allgemeines”. Joel hat einen Master in Europäische Medienwissenschaft und hat Design Thinking am HPI studiert. Sein Gründerszene-Debut hat Joel mit der ersten StartUp-Story “Dienstag ist Betterplace-Tag” geliefert. Joel hat die Gründerszene-Datenbank entwickelt, die im November 2009 an den Start ging.



Richtigstellung:
Arztplatz wurde nicht von Stefan Gutberlet aufgebaut, sondern von Felix Jahn, dem ehem. Geschäftsführer der Rocket Internet GmbH.
Stefan Gutberlet wurde erst installiert, als schon abzusehen war, dass das Unternehmen nicht zu retten ist (quasi als “Abwickler”).
Interessant, dass sich unter arztplatz.de (ohne www.) nur der Apache meldet. Sieht so aus als ob die Plattform mal lieblos umgezogen ist und es dann keiner mehr bemerkt hat.
Die guten Samwer Zeiten sind ja auch vorbei. Viel Ausgaben wenig Einnahmen ;-)
Wieder ein Samwer Bashing Artikel? Was machen denn eigentlich die Erfolgsgründungen im Medizinbereich aus eurem Hause?
Wir machen keine Medizinsachen, Gründerszenes einziger Ableger ist GameBizz und das dreht sich um Onlinegames :-).
und was ist mit imedo? das ist doch eine TEV gründung.
Stimmt, aber wir sind nicht TEV :-).
Ein Gesundheitsportalartikel, der merkwürdigerweise die schwachen Umsätze der hauseigenen Plattform imedo unerwähnt läßt, hat leider nicht mehr viel mit objektiver Berichterstattung gemein. Schade, aber für Bashingsites ist in meinem Google Reader kein Platz frei.
esanum ist eine closed community. Zugang haben nur approbierte Mediziner. Diese hinterlegen Profildaten und werden zu incentivierten Umfragen und e-detailing Microsites eingeladen. Die Vorlaufzeiten in der Industrie sind sehr lang – zum Teil länger als 12 Monate. Einige große Player haben erst 2009 das Thema Web 2.0 entdeckt. Wir haben mit Healthier (Holtzbrinck eLab) einen exzellenten Vermarkter und sehen mit gefüllten Auftragsbüchern einem erfolgreichen 2010 entgegen.
Beste Grüße,
Max Renneberg
esanum GmbH
Geschäftsführer
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