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Will it Blend? Microsoft wirft Facebook, Bing und Pinterest in den Mixer und baut daraus mit So.cl (www.so.cl) sein eigenes soziales Netzwerk. Ein halbes Jahr lang befand sich So.cl in der Testphase an vier US-Universitäten – nun, kurz nach dem Facebook-IPO, öffnet sich das Social Network für jedermann. Hat Microsoft die Zeit verschlafen, steckt mehr hinter dem neuen Projekt und kann das Social Network eine letzte Exitoption für die VZ-Netzwerke sein?

So.cl – das Social Network für Streber

Am Wochenende eröffnete Microsoft ohne große Medienöffentlichkeit sein neuestes Experiment: Das Social Network So.cl (gesprochen „social“). Der Nutzer ist angehalten in der integrierten Suchmaschine das Netz nach Inhalten zu durchsuchen, Links, Artikel und Fotos zu einem gemeinsamen Post zu vereinen und diesen der gesamten Nutzerschaft mitzuteilen. Wenn nicht extra anders eingestellt, wird alles mit allen geteilt.

Microsoft nennt seine Plattform „an experiment in open search“ und weiß genau, für wen das Netzwerk gebaut wurde: Studenten. Ein halbes Jahr lang wurde So.cl an mehreren US-Universitäten getestet und auf die Bedürfnisse von Studenten, im Speziellen die Forschungsbedürfnisse, zugeschnitten. So.cl – ein Facebook für Streber?

Information statt Lolcats

Microsoft hatte keine andere Wahl und bietet zur Anmeldung bei So.cl neben dem hauseigenen Windows Live (who cares) den Marktbegleiter Facebook als Login-Möglichkeit an. Entweder sind die Server mit Heerscharen von Fans überlastet oder die Technik noch nicht endgültig ausgereift: Zwischen Anmeldung und Bestätigung des Zugangs vergingen gute 24 Stunden. Das sollte so nicht sein.

Nach dem Facebook-Login hören die Ähnlichkeiten mit dem großen Bruder jedoch auch schon auf. Am Design lässt sich ablesen, dass Microsoft es nicht auf eine Konkurrenz mit Facebook ankommen lässt, sondern scheinbar tatsächlich mit neuen Ideen der Bedienung und der Struktur von Social Networks experimentiert.

Statt des Eingabefeldes für Statusupdates findet sich eine Maske für Suchanfragen, der Stream in der Mitte der Seite zeigt nicht die neusten Urlaubsfotos/Diablo3-Screenshots der Freunde, sondern zufällige Suchanfragen aller So.cl-Nutzer. Gegensätzlich zum Namen spricht So.cl (anders als Facebook) weniger die sozialen Urtriebe (Dating, Lolcats) des Nutzers an, sondern viel mehr sein Bedürfnis nach relevanter Information.

Rich-Posts, Bookmarklets und Video-Parties

Kernelement von So.cl sind die sogenannten Rich-Posts. Über die Suchleiste kann man das Netz nach Schlagworten durchstöbern und sich neben Artikeln auch Fotos, Videos oder andere Nutzer anzeigen lassen. Per Klick wählt man die interessantesten Elemente aus, fügt einen eigenen Kommentar hinzu und schickt den angereicherten Post in den So.cl-Äther.

Kein Netzwerk ohne ein Social Plugin und so präsentiert So.cl das Bookmarklet als Google-Toolbar-Funktion. Per Drag-and-Drop kann der Nutzer den „Share on So.cl“-Button in seine Toolbar einbauen und mit einem Klick interessante Webseiten in einen Rich Post umwandeln.

videoparty

Was machen Studenten wenn das Hirn streikt? Youtube-Party! Auf So.cl nennt sich das Ganze dann ungebrandet Video-Party und ermöglicht es, Video-Listen zu erstellen, Freunde einzuladen und gemeinsam die gelisteten Filme zu schauen – ob Vorlesungsmitschnitt, Primärquelle oder andere Fundstücke.

Netter Versuch oder ernsthafter Angriff?

Nach dem ersten Gedanken „???“ folgte die Feststellung „Microsoft hat zu viel zu verlieren, um hier Quatsch zu machen“. Dem IT-Riesen wird beim Launch von So.cl klar gewesen sein, dass der Spott nicht zu bremsen sein wird, wenn So.cl als „just another social network“ daher kommt und so hat sich der US-Konzern sichtlich bemüht, die Andersartigkeit der neuen Website herauszustellen.

Zwar fand bisher erst wenige deutsche Nutzer den Weg zu So.cl, dennoch steht fest: Irgendwie macht es Spaß. Das Basteln an den eigenen Rich Posts, die angenehme Video-Integration, die intuitive Suchfunktion und nicht zuletzt die Menge an Informationen über das Suchverhalten der anderen Nutzer lassen die Zeit schnell vergehen. Das Netzwerk macht sowohl Freude durch neue Funktionen, als auch durch das Ausbleiben von Werbeeinblendungen und werblichen Posts. Kann So.cl zum ernsthaften Player avancieren oder beibt es ein schönes aber unrentables Experiment?

So.cl als Exitkanal für die VZ-Netzwerke?

Mit dem Produktfokus auf Studenten und Schüler geht So.cl genau den Weg, den die VZ-Netzwerke ausgeschlagen haben, um dem großen Vorbild Facebook nachzueifern. Anstatt sich auf die Bedürfnisse ihre ursprüngliche Zielgruppe, Studenten und Schüler, zu konzentrieren, versuchten die VZs mit dem Nutzerwachstum und der technischen Entwicklung der Übermacht aus Palo Alto Schritt zu halten – jedoch vergeblich.

Das einst so erfolgsversprechende Startup, für das Holtzbrinck 2007 noch 85 Millionen Euro hinlegte,  konnte auch durch seinen letzten Facelift Ende 2011 den Abwärtstrend nicht stoppen. CEO Clemens Ridel verließ das Unternehmen und übergab die Unternehmensleitung an Stefanie Waehlert die seit dem die Geschäfte der kränkelnden Netzwerke leitet.

Laut Gründerszene-Informationen steht im Herbst diesen Jahres ein erneuter Relaunch der VZ-Netzwerke an und es bleibt zu hoffen, dass dieser eine Rückbesinnung zur Nische fördert. Gelingt es den VZ-Netzwerken das Produkt mehr in Richtung So.cl zu verändern könnte ein Erhalt des Unternehmens in deutlich reduzierterer Form ermöglicht werden. Es ist abzuwarten, wie So.cl vom Markt angenommen wird, doch entwickelt sich hier möglicherweise über Umwege ein letzter möglicher Exitkanal für die VZ-Gruppe?

Und so schauts aus

Für alle, die noch immer auf ihre Loginbestätigung warten, hier das kurze Produktvideo zu So.cl mit ersten Eindrücken:

Was halten die Gründerszene-Leser von So.cl? Wurde die Login-Wartezeit verkürzt und wer hat überhaupt Lust auf eine Video-Party?