Washabich, Medizinerdeutsch, Befunde, Übersetzung, Anja Kersten,Ansgar Jonietz, Johannes Bittner

Stundenlanges Herumsitzen beim Arzt – in deutschen Wartezimmern nichts Ungewöhnliches. Tagelanges Warten bei einem Online-Dienstleister? Das ist undenkbar. Und dennoch ein Erfolg: Die gemeinnützige Seite Washabich.de muss für ihre Nutzer immer wieder ein „virtuelles Wartezimmer“ eröffnen. Gründerszene sprach mit den Machern von Washabich über das Konzept der Seite, die Probleme des Ehrenamts und Finanzierungsmöglichkeiten.

Das Gesundheitsportal Washabich (www.washabich.de) nimmt anonym Befunde entgegen und übersetzt für die Betroffenen Medizinerdeutsch in verständliche Sprache. Aktive Pressearbeit hat dieses Startup mittlerweile nicht mehr nötig. Schon im ersten Jahr ihres Wirkens gingen die drei Gründer Johannes Bittner, Ansgar Jonietz und Anja Kersten durch alle Medien. „Das hat uns häufig an unsere Kapazitätsgrenzen gebracht“, sagt Technikchef Jonietz, „unsere Idee lässt sich nicht so leicht skalieren, dass wir bei jedem Presse-Hoch einfach unser Team aufstocken könnten.“ Nach einem Auftritt von Mitgründerin Anja Kersten in der Sendung Tietjen und Hirschhausen glühte der Server: Über 2.000 Personen mussten im Online-Wartezimmer Platz nehmen.

„Ich lerne fürs Examen auf Washabich“

In der Folge haben sie nun aber doch aufstocken können. Über 500 Mediziner finden sich auf der öffentlich einsehbaren Teamseite – sie alle arbeiten ehrenamtlich für Washabich. Die Mehrheit von ihnen stellen Medizinstudenten höherer Semester. Das „Übersetzen“ von Diagnosen in eine für den Patienten verständliche und nachvollziehbare Sprache ist für sie nicht nur eine Vorbereitung auf den späteren Berufsalltag, sondern auch auf die nächste Prüfung. Viele Studenten haben die Arbeit mittlerweile in ihren Studienalltag eingebunden und sagen: „Ich lerne fürs Examen auf Washabich.“ Geplant ist längst, Washabich künftig auch direkt in die Lehre einfließen zu lassen – ein Wahlfach an der Uni soll kommen.

Um die Qualität der Übersetzungen zu gewährleisten, werden die Studenten von über 100 Ärzten unterstützt – die engagieren sich ebenfalls ehrenamtlich auf der Plattform. Was sich von „außen“ als scheinbar kleine Website mit Formular präsentiert, umfasst tatsächlich ein großes internes Expertennetzwerk.

„Man sieht von der Technik eigentlich nichts“, sagt Jonietz. Hinter den Kulissen von Washabich hat er ein eigenes soziales Netzwerk aufgebaut – eine komplette Eigenentwicklung.

So versteckt dieses Netzwerk nach außen ist, so transparent ist es nach innen. Als registrierter Student gelangt man in das passwortgeschützte dreispaltige Backend: In der mittleren Spalte präsentieren sich die neusten noch nicht bearbeiteten Aufträge.

Als „Neuer“ empfiehlt sich der Einstieg mit einem kurzen Befund, damit die Supervisoren schneller Feedback geben können. In der rechten Spalte werden alle Aktivitäten der Plattform protokolliert: „Melanie hat den Auftrag 7cde7 angenommen und mit der Übersetzung des Befundes begonnen“, oder: „Ines hat den Auftrag kommentiert.“

So gelangt eine Übersetzung erst nach ausreichender interner Beratung zurück an den Patienten. Wer sich telefonisch besprechen will, kann sich über die interne Plattform auf seinem Festnetzanschluss verbinden lassen – kostenlos, damit die Ehrenamtler nicht auch noch drauflegen müssen.

Doch auch wenn die Großzahl der Mitarbeiter ehrenamtlich tätig ist, die Infrastruktur und Vollzeitkräfte – nicht zuletzt CTO Jonietz – kosten Geld. Im ersten Jahr konnte sich das Projekt mit vielen Preisgeldern über Wasser halten, darunter die Auszeichnung als „Ort im Land der Ideen“ und ein Stipendium von Startsocial. Nach jeder erhaltenen Übersetzung steht den Patienten zudem frei, ihrem Betreuer per Spende zu danken. Bemerkenswerte 40 Prozent der Nutzer tun das auch, 80 Prozent davon gehen direkt an den Übersetzer, 20 Prozent fließen in die Infrastruktur von Washabich. Die weitere Finanzierung will Washabich über einen eigenen Förderverein aufbringen – und über Online-Produkte:

Perfekte Zielgruppenansprache über interne Jobbörse

In der linken Spalte des Washabich-Backends findet sich so ein Produkt: Der Menüpunkt „Ausbildung & Beruf“ zeigt, für was das Washabich-Universum noch alles taugt. Eine angeschlossene Jobbörse verspricht eine Zielgruppenansprache, wie sie präziser nicht sein könnte – welcher Arbeitgeber wünscht sich schließlich nicht Mitarbeiter, die sich schon während ihres fordernden Studiums „überdurchschnittlich“ engagieren. Auf speziellen Profilseiten können sich die Arbeitgeber präsentieren und Stellen ausschreiben.

Drei Kliniken zählt Washabich bereits zu seinen „Kunden“. Und die Anführungszeichen um dieses Wort sind tatsächlich berechtigt bei diesem Startup: „Damit wird keiner großes Geld verdienen, und damit will auch keiner großes Geld verdienen“, so Jonietz. Interessierte Investoren gab es schon einige, doch noch immer sind Bittner, Jonietz und Kersten die alleinigen Gesellschafter ihrer gGmbH.