YouTailor Insolvenz

YouTailors Kostenapparat war wohl zu groß

Bisher schrieb sich die Entwicklung von YouTailor (www.youtailor.de) wie eine Erfolgsgeschichte: YouTailor ist ein Online-Shop für Maßkleidung und individuell gefertigte Mode, an dem mit Tengelmann (www.e-tengelmann.de) und Holtzbrinck Ventures (www.holtzbrinck-ventures.com) zwei Dickschiffe – zumindest finanzielle – der Internetbranche beteiligt sind.

Entsprechend überraschend war es für die Szene, dass YouTailor unlängst Insolvenz anmelden musste. Letztlich soll es laut unbestätigter Hinweise ein zu großer Kostenapparat gewesen sein, der YouTailor in die Insolvenz führte. Besonders im Personalbereich soll es der derzeitige Geschäftsführer Michael Urban (nicht zu verwechseln übrigens mit dem gleichnamigen Gründer von Buch.de (www.buch.de)) mit zu hohen Kosten zu tun gehabt haben.

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“Ich bin im März 2011 als Geschäftsführer und Investor zu YouTailor gekommen, um kleinere Schwelbrände zu löschen. Fast jeder Schwelbrand, den ich mir anschaute, entpuppte sich als mittleres bis großes Feuer,“ erklärt Michael Urban auf Anfrage von Gründerszene. „Die meisten Feuer konnten zunächst unter Kontrolle gebracht und dann gelöscht werden. Im November gab es jedoch einen neuen Großbrand, der erst Monate später vollkommen gelöscht werden konnte.“ Initiiert worden sein soll dieser Vorgang durch die Due-Diligence eines externen Investors im August vergangenen Jahres, was den gesamten Prozess einer externen Finanzierungsrunde bis April dieses Jahres in Stillstand gesetzt habe.

Die Vorgeschichte von YouTailors Insolvenz erscheint brisant. Was hat zu diesen Zuständen bei YouTailor geführt? Glaubt man den Quellen von Gründerszene, so liegen die Ursachen der vorläufigen Insolvenz womöglich nicht im Geschäftsmodell selbst, sondern im Vorgehen der Gründer. Von Betrug ist bei einer beteiligten Quelle die Rede, wenn es um die Gründer von YouTailor geht – was genau sich ereignet hat, bleibt jedoch nebulös.

Auch Michael Urban will darauf nicht näher eingehen, gibt aber zu: „Ich kann nur bestätigen, dass wir vom 10. November 2011 bis nach Weihnachten 2011 keine Produktion mehr hatten. Ich hätte jeden unserer Investoren verstanden, der aufgrund der Vorkommnisse in Quartal vier 2011 keine weiteren Investments mehr getätigt hätte. Aber jetzt, da alles aufgeräumt ist, waren wir alle schon sehr überrascht, dass kein weiteres Investment mehr getätigt wurde.“

Betrog YouTailors Gründerteam im großen Stil?

Glaubt man den Insiderinformationen, die Gründerszene vorliegen, dürfte das ursprüngliche Gründerteam von YouTailor durch sein Handeln die derzeitige Situation herbeigeführt haben. Dieser Sachverhalt, den Deutsche Startups bereits als „finanzielle Unregelmäßigkeiten“ titulierte, könnte so etwas wie ein ausgewachsener Betrug sein.

Gründerszene sprach auch auf offiziellem Wege mit Teilen der YouTailor-Geschäftsführung sowie der -Investorenschaft – zitierfähige Aussagen ließen sich dort allerdings nicht gewinnen. Auf die Vergangenheit angesprochen, setzt eine Mischung aus Schnappatmung, Kopfschütteln und Galgenhumor bei allen Befragten ein. „So etwas habe ich noch nie erlebt“ ist ein mehrfach genannter Satz und es ist spürbar, dass unter der Oberfläche noch einiges mehr brodelt als das, was bisher ausgesprochen wurde.

Die Vorwürfe, die Gründerszene durch einen Informanten erreichten, sind dabei durchaus schwerwiegend: So habe das Gründerteam bestehend aus Martin Zapart, Helmut Krenslehner und Peter Vavra angeblich in seine eigene Tasche gewirtschaftet, indem es Provisionen von Herstellern und Logistikern erhielt und selbst verbuchte. Orderte das Unternehmen YouTailor Kleiderwaren, hätten die Gründer bereits bei Herstellung und Versand mitverdient, heißt es. Dadurch sollen YouTailor natürlich auch deutlich höhere Kosten im Einkauf entstanden sein, als nötig – so kommuniziert es zumindest ein Informant aus dem mittelbaren Umfeld von YouTailor.

Vom selben Informaten heißt es darüber hinaus, dass angeblich YouTailor-Waren vom Gründerteam über dritte Firmen weiterverkauft worden seien. Einnahmen für YouTailor-Waren seien so in Drittfirmen gelandet, die dem Gründerteam gehörten, während YouTailor auf den Kosten für diese im Einkauf überteuerten Waren sitzen geblieben sei (und gleichzeitig aber nicht mehr über die Waren selbst verfügt habe).

Es ist sogar die Rede davon, dass ein Mitarbeiter, der diese Vorgänge bemerkt habe und an die Investorenschaft kommunizieren wollte, angeblich eine Morddrohung erhalten haben soll. Eine Aussage, die sich sicher nur schwer beweisen lässt und die auch mit entsprechender Vorsicht zu genießen ist, deren Verbreitung aber dennoch die Brisanz der Auseinandersetzungen in der Vergangenheit skizziert.

Gründer Martin Zapart tut diese Vorwürfe als falsch ab

Maßgeschneiderte Kleidung trug YouTailor-Mitgründer Martin Zapart nicht, als Gründerszene ihn in der letzten Woche auf ein Gespräch traf. Stattdessen zierten Markenartikel den Österreicher, dessen Blick eine Mischung aus Erstaunen und Entsetzen zeigte, als Gründerszene ihn mit den Vorwürfen konfrontierte. Als hätte er eine Nacht nicht geschlafen, wirkte er fahrig und gereizt, während er die Vorwürfe als falsch abtat.

Vom Verschulden der Insolvenz wollte Zapart nichts wissen. Im Gegenteil. Es habe nach dem Ausscheiden der drei Gründer doch eine Zwischenfinanzierung gegeben, während gleichzeitig die Preise bei YouTailor kontinuierlich angehoben worden seien. Eine durch die seit elf Monaten ausgeschiedenen Gründer verursachte Insolvenz ist für Zapart deshalb unplausibel und dem aktuellen Geschäftsführer Michael Urban hätten sich in anderthalb Jahren Geschäftsführung ja auch Mittel zum Gegensteuern geboten.

An den Vorwürfen sei also nichts dran. In Sachen Provisionen verweist der Österreicher darauf, dass es in den jeweiligen Produktionsländern durchaus üblich sei, Provisionen an Zwischenhändler zu zahlen, weil sich Ware sonst letzten Endes nicht günstiger einkaufen lässt, doch das Gründerteam selbst habe an diesen Provisionen nicht partizipiert.

Davon, dass besagte Zwischenhändler umgekehrt YouTailor-Mitarbeiter für den Lead provisionieren könnten, will Zapart also nichts wissen. Auch Verkäufe von YouTailor-Inventar über Drittfirmen soll es nicht gegeben haben – wie das bei einem Warenwirtschaftssystem, wie YouTailor es einsetzt, überhaupt möglich sein soll, fragt Zapart mit weit geöffneten Augen. Die Gerüchte über eine Morddrohung seien aus der Luft gegriffen.

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Das ganze Gespräch über ist es schwer, die Zeichen im Gesicht von Martin Zapart zu lesen. Seine Augen sind leicht gerötet und weit aufgerissen, immer wieder betont er, dass die aktuelle Darstellung der vergangenen Geschehnisse für ihn existenzgefährdend sei – und dies wohl nicht zu unrecht: In Berlin sollen die Namen der drei Gründer bereits bei den gängigen Investoren warnend die Runde gemacht haben. Wirklich sagen will Zapart aber eigentlich dennoch nichts, weil er und seine Mitgründer sich mit der aktuellen Firmenführung auf ein Gentlemen’s Agreement verständigt haben.

In Zaparts Worten stellt sich YouTailor wie ein solides Unternehmen dar, während die gemachten Vorwürfe allesamt nicht zutreffend oder zumindest falsch formuliert seien. Warum das dreiköpfige Gründerteam dann aber ausschied, will Zapart nicht verraten. So ist es nach dem Gespräch ein wenig, wie ein berühmter Song von Simon & Garfunkel es verfasst: People talking without speaking – es wird geredet, ohne dass etwas gesagt wird, und doch soll hinterher alles anders sein.

Die Investoren von YouTailor sehen schlecht aus

Während YouTailors Insolvenz durchaus überraschend und unerwartet eintrat, sieht die Investorenschaft angesichts dieser Hintergründe natürlich äußerst unglücklich aus. Ein Holtzbrinck Ventures wird sich fragen lassen müssen, ob es denn ohne die Samwers nicht in der Lage ist, erfolgreiche und gut umgesetzte Geschäftsmodelle aufzubauen. Bisher investierte der Münchner Geldgeber fast ausschließlich dann mit Erfolg, wenn die Samwers mit an Bord waren.

Für Tengelmann ist es hingegen der zweite Fall von operativen Unregelmäßigkeiten im Portfolio, nachdem auch Brands4Friends (www.brands4friends.de) in der Vergangenheit durch Unregelmäßigkeiten in der Buchhaltung auffiel und eine Washout-Round einlegen musste – also eine Finanzierungsrunde, bei denen die Anteile der Gründer durch eine ungemein niedrige Bewertung aufgrund der Problemlage stark verwässert wurden. Irritierend ist vor allem aber, dass ein Einzelhandelsriese wie Tengelmann, der durch seine Modekette Kik bestens mit den Weltmarktpreisen für Mode vertraut sein dürfte, sich beim Einkauf womöglich so hinter das Licht führen ließ.

Alles in allem gestaltet sich die Historie von YouTailor also durchaus abenteuerlich und es bleibt abzuwarten, wie es mit dem Maßhemdenschneider nun weitergeht. Glaubt man YouTailor-Geschäftsführer Michael Urban, habe die Organisation an allen wichtigen Stellschrauben entscheidende Fortschritte gemacht und sei nun besser aufgestellt:

„YouTailor ist ein voll tragfähiges Geschäftsmodell. Es gibt jetzt verschiedene Szenarien von Break-Even bis zum aggressiven Wachstum. Für jedes Szenario sind wir mit einigen potenziellen Investoren im Gespräch. Die Nachfage an einer Beteiligung ist groß. Ich gehe davon aus, dass wir im August bereits für unsere Kunden und unser Team eine Lösung haben“, resümiert Urban zuversichtlich.

Eine Prognose, die zumindest im Bereich des möglichen liegt, schließlich haben auch andere Investoren bereits Geschmack an dem Geschäft mit Maßhemden gefunden. Unter den Konkurrenten beispielsweise Project As Amerano und die Online-Schneiderei Herrenschmiede, an der die die IBB Beteiligungsgesellschaft (www.ibb-bet.de) mit ihrem VC Fonds Kreativwirtschaft und Mountain Super Angel (www.super-angel.ch) beteiligt sind.

Die Rettung von YouTailor ist den Worten von Urban nach womöglich nur noch eine Frage der Zeit. Es ist zwar fraglich, warum Tengelmann und Holtzbrinck kein weiteres Kapital zur Verfügung stellen, wenn dies gegeben ist, doch als Produkt wusste YouTailor bisher auch zu überzeugen – nicht umsonst überraschte viele die plötzliche Insolvenz.