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Der Autor hat ein Rocket-Venture aufgebaut und für mehrere internationale Finanzhäuser gearbeitet, er ist Absolvent einer bekannten deutschen Business School. Aus Rücksicht vor seinem aktuellen Arbeitgeber will er unerkannt bleiben.

Plötzlich rüttelt jemand an meiner Schulter. „Hallo, hallo? Geht es Ihnen gut?“ Ich schrecke hoch und vor mir steht die Putzfrau. Ich blicke sie mit aufgerissenen Augen an, ich schaue auf meinen Computer, der Bildschirm ist schwarz. Es ist acht Uhr morgens. Irgendwann in der Nacht bin ich auf meiner Tastatur eingeschlafen.

Zu dieser Zeit hatte ich drei Wochen eines Hardcore-Projektes bei einer Bank hinter mir – mit 120 Stunden die Wochen und durchgearbeiteten Nächten. Am Tag vor der wichtigen Präsentation sollte ich über Nacht die Slides noch fertigstellen. Mein Chef hatte mir gesagt: „Das Ding machst du noch fertig, wir sind jetzt ja auf der Zielgeraden.“

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Nach dem schreckhaften Aufwachen hämmere ich wie verrückt auf die Tastatur. Ich weiß ganz genau, mein Chef fliegt vor acht Uhr los. Es steht also außer Frage, er ist bereits abgeholt worden, das Taxi war am Empfang und die Präsentation war nicht da. Alle Arbeit umsonst. Ich schaue in mein Mail-Postfach und habe zehn E-Mails von drei verschiedenen Leuten. Wo die Präsentation sei und was jetzt los wäre, fragen sie. Ich muss schnell reagieren.

Irgendwie habe ich es an diesem Morgen noch geschafft, die Präsentation vor der Ankunft meines Chefs ausdrucken und liefern zu lassen. Das waren die stressigsten drei Stunden meines Lebens. Noch heute hängt die Titelseite der Präsentation eingerahmt bei mir im Zimmer, um mich an meine Grenzen zu erinnern, die Grenzen meines Körpers, meiner Konzentration.

Nach diesem Erlebnis ist mir klar geworden, du kannst nicht einfach 120 Stunden arbeiten. Du brauchst Training, du brauchst Routinen, du brauchst einen Plan. Ohne Vorbereitung scheitert jeder auf Dauer daran. Und so habe ich angefangen, mich stärker mit dem Thema auseinanderzusetzen. Wie komme ich mit weniger Schlaf aus? Wie organisiere ich mein Leben? Wie mache ich trotz Schlafmangels keine Fehler?

Gründen kennt keine Pause

Ich war es gewohnt, viel zu arbeiten: Die Frage nach dem Warum stellte ich mir nicht. Los ging alles mit einem Job bei Rocket Internet. Ich war Anfang 20 und sollte für Rocket ein Venture aufbauen. Der Druck kam nicht direkt, niemand meiner Chefs sagte mir: Du musst 90 Stunden pro Woche arbeiten. Stattdessen wurde mir eingetrichtert, in einem halben Jahr muss dein Startup der Marktführer in dem Land sein.
Und so saß ich jeden Abend noch lange mit den anderen Gründern da, während unsere Mitarbeiter schon nach Hause gegangen waren. Nachts haben wir Zahlen „gecruncht“. Wir wollten wissen, wie unsere Aktionen sich ausgewirkt haben. In anderen Nächten standen wir wieder vor dem Whiteboard und haben überlegt: Welche Strategie ist richtig? Wie könnte uns ein Konkurrent schaden?

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Morgens war ich dann wieder der Erste im Büro. Tagesüber gab es die alltäglichen Probleme. Mindestens einmal pro Woche musste ich Konflikte zwischen Mitarbeitern schlichten, weil sie der Meinung waren, der jeweils andere würde versuchen, sie zu ruinieren. Zur gleichen Zeit gab es Probleme mit der IT, die Internetseite war zeitweilig down und auch Kunden beschwerten sich. Kurz gesagt, ich stand ständig unter Beschuss.

Auch nach meinem Wechsel in die Finanzindustrie war klar: Wenn ein Kunde sagt, er hätte die Präsentation gerne bis zum nächsten Morgen aktualisiert – inklusive einer gründlichen Marktanalyse und 20 neuer Seiten – dann sagt niemand „nein“. Das gehört zum Berufsethos. Auch hier waren die 120-Stunden-Wochen mehr Regel als die Ausnahme.

Ich bin nicht einer dieser Prahler, der seinen Freunden erzählt: „Hey, ich habe schon wieder 120 Stunden geackert, es ist alles so stressig.“ Ich kann mit den ganzen selbsternannten Performern, die sich mit ihren „Allnightern“ brüsten, nichts anfangen. Genau darum geht es mir bei diesem Beitrag auch nicht. Ich will niemanden ermutigen, viel zu arbeiten. Doch in einigen Punkten der Karriere ist es unausweichlich. Und wer sich das nicht bewusst macht, plagt sich irgendwann mit einem Burn-out herum.

Auf der nächsten Seite lest ihr, mit welchen konkreten Tricks unser Autor eine 120-Woche übersteht?

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