Während die Kollegen gerade gestresst an ihren Schreibtischen sitzen, bereite ich noch entspannt mein Frühstück zu, lese einen Artikel und überlege, was ich heute tun könnte. Ich kann mir das erlauben, denn ich arbeite am Freitag nicht. Nie.

In Deutschland ist etwa jeder Vierte in Teilzeit beschäftigt – und ich bin einer davon. Ansonsten aber falle ich aus dem Raster: Der typische Teilzeitler ist weiblich, arbeitet 20 Stunden in der Woche, versorgt Kinder und Pflegebedürftige oder findet keine Vollzeitstelle. Nichts davon trifft auf mich zu: Ich bin männlich, pflege niemanden und habe mich aus freien Stücken dazu entschieden, weniger zu arbeiten. Während die meisten meiner Kollegen fünf Tage in der Woche und mindestens acht Stunden am Tag arbeiten, sind es bei mir nur vier. Ich finde: Sie machen etwas falsch.

Bevor ich zum Arbeitszeitrevoluzzer wurde, hatte ich einen klassischen Lebenslauf: Ich ging zur Schule, schloss mein Abitur ab und begann zu studieren. Über ein Praktikum kam ich zu meinem jetzigen Arbeitgeber, der mich für mein Studium einen Tag freistellte. Da ich aber auch nach dem Abschluss meines Studiums nicht länger als vier Tage in der Woche arbeiten wollte, setzte ich mich gegen den Wunsch meines Arbeitgebers durch.

Ich erhalte immer die selbe Reaktion: Neid

In einer Szene, in der Gründer zwölf Stunden am Tag arbeiten und Überstunden an der Tagesordnung sind, ist das eine kleine Besonderheit. „Work hard, play hard“ – in dieser Reihenfolge, und wenn nötig nur ersteres. Für alles andere gibt es den Kicker im Büro und die Mate im Kühlschrank. Doch wenn ich Freunden und Bekannten davon erzähle, dass mein freier Freitag ihr Samstag ist, erhalte ich immer die selbe Reaktion: Neid. Jeder wünscht sich mehr Freiheit. Und mit mehr Freizeit geht die fast automatisch einher.

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Was viele nicht wissen und Arbeitgeber schonmal verschweigen: Rein rechtlich hat fast jeder Mitarbeiter einen Anspruch darauf, seine Wochenarbeitszeit zu verkürzen. Dafür müssen sie nicht einmal Gründe angeben. Warum aber gibt es dann so eine Schere zwischen dem Wunsch nach weniger Arbeit und der realen Situation?

Meiner Erfahrung nach trauen sich viele schlichtweg nicht, ihrem Chef oder ihren Kollegen mitzuteilen, gerne weniger arbeiten zu wollen. Das hat meist zwei Gründe: Erstens taucht in diesem Zusammenhang häufig das Wort „Kollegenschwein“ auf: Wer weniger arbeite, der lasse seine Kollegen im Stich. Zweitens präsentiert man sich mit dem Wunsch nach weniger Arbeit als vermeintlich schwach: Andere sind dem permanenten Druck scheinbar gewachsen, nur ich nicht. Und schwach sein will niemand. Und damit auffallen schon gar nicht.

Ausgeruhter für stressige Zeiten

Beides ist Quatsch: Zwar ist die Arbeit keine Freizeit und Druck gehört schonmal dazu. Aber sollte er niemals ein Dauerzustand sein. Nur wer ausgeruht und entspannt ist, kann langfristig Leistung bringen. Wer 40 Stunden und mehr im Büro sitzt, hat diese Zeit nicht automatisch in effektive Arbeit gesteckt. Zum anderen lastet man seinen Kollegen nicht mehr Arbeit auf, wenn man eine kürzere Wochenarbeitszeit hat. Es bedeutet nur, dass das starre Gebilde von Arbeit anders organisiert werden muss – zum Beispiel durch flexible Arbeitszeiten, wechselnde Arbeitsorte oder die Einstellung von mehr als einer Person für den gleichen Aufgabenbereich. Das bedeutet für den Arbeitgeber zwar einen organisatorischen und manchmal finanziellen Mehraufwand, aber langfristig einen Gewinn.

Dennoch muss ich mich immer wieder erklären, meistens aber kämpfe ich gegen mein eigenes schlechtes Gewissen. Ich weiß, dass ich niemanden im Stich lasse, und trotzdem fühlt es sich nicht gut an, besonders in stressigeren Zeiten nicht da zu sein, wenn meine Kollegen unter Druck stehen. Zudem kommen auch anderen Fragen auf: Verpasse ich etwas Wichtiges, sowohl privat als auch beruflich, wenn ich nicht da bin? Bin ich weniger ein Teil des Teams als die anderen? Und es gibt einen nicht von der Hand zu weisenden Nachteil: Ich verdiene weniger.

Aber dafür lerne ich in meiner Freizeit Neues, faulenze, lese, spiele, bin ausgeruhter, und dann motivierter bei der Arbeit. Ich freue mich teilweise sogar auf den Montag. Überhaupt macht mir meine Arbeit Spaß, besonders in dem Wissen, dass ich stressige Zeiten regelmäßig durch entspannte ausgleichen kann. Ich bin schneller wieder auf dem Boden und kann meine gestressten Kollegen dann teilweise mit auffangen. Und ich glaube: Sie sollten es mir gleichtun.

Bild: Getty Images / LindaRaymondPhotography