Riva

Zu schnell für Simultanübersetzer: Riva-Melissa Tez machte den Frauen Mut.

Eigentlich ist das Problem erst gelöst, wenn es Veranstaltungen wie diese nicht mehr braucht. Aber zur Zeit gibt es leider noch genug Themen und Probleme, die auf einer Konferenz besprochen werden können, die sich um Frauen und Technik dreht. Nur neun Prozent der Startups werden von Frauen gegründet, heißt es in einer Bitkom-Studie. Im Bereich der Wissenschaften, der Digitaltechnik und im Ingenieurswesen seien es nur 15 Prozent Frauen. Dabei bekommen Frauen in den Schulen die besseren Noten und machen die besseren Abschlüsse. 

Am liebsten die Farbe Rosa verbieten

Dafür muss es also strukturelle Gründe geben, die zum Auftakt von den beiden Keynote-Sprecherinnen formuliert wurden. Es traten zwei Frauen auf, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Als erstes betonte Familienministerin Manuela Schwesig (SPD), dass bereits in frühester Kindheit eine Prägung auf traditionelle Geschlechterrollen stattfindet. Sie klang so, als ob sie die Farbe Rosa am liebsten verbieten würde und den kleinen Mädchen nur noch Autos und Technik zum Spielen in die Hand drücken wollen würde. Der digitale Umbruch wird unser Leben umkrempeln, sagte die Ministerin, und deshalb sei es wichtig, dass Frauen gleiche Chancen hätten, den Wandel mitzubestimmen.

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Danach sprach Riva-Melissa Tez und riss das Publikum mit ihrer Leidenschaft für Digitaltechnik, künstliche Intelligenz und ihrem Humor aus den Stühlen. Im Alter von 19 Jahren war sie Mitgründerin des Londoner Toyshop and Kids’ Club, und mit 21 Jahren von einer Kindergeschichten-App aus Berlin. Später lehrte sie Entrepreneurship und Konsumpsychologie an Universitäten in Deutschland. Sie schreibt für Magazine, forscht und schreibt zum Thema Machine Learning und ist derzeit als Mitgründerin beim Early-Stage Venture Fund Permutation Ventures aktiv. Und das ist längst noch nicht alles.

Statt Umsatzrekorden lieber anderen Menschen helfen

Tez versuchte in ihrer Rede, den versammelten Frauen die Angst vor Themen wie künstliche Intelligenz oder Machine Learning zu nehmen. Mit Humor, Schnelligkeit und Überzeugungskraft. Tez: „Die Männer auf Podien tun immer so, als ob sie alles wissen.“ Sie selber hätte am Anfang kein Wort verstanden, als es um künstliche Intelligenz ging. Das hat sich offenbar dramatisch geändert. Ihr Resümee: „Finde deine Leidenschaft. Und vergiss einfach, was die anderen sagen!“

In den anschließenden Panels und Pitches stellten Frauen ihre Startups und Projekte vor. Und wenn kurz vorher noch zu hören war, dass man sich von überholten Geschlechterrollen lösen solle, so konnte man beobachten, dass das gar nicht so einfach ist. Während es bei Männern bei ihren Pitches oft um Geld, Wachstumsraten und Expansion auf internationale Märkte geht, sprachen die Frauen darüber, wie sie anderen Menschen mit ihren Startups helfen wollen. 

Die Startups der Frauen wurden alle für F_Lane ausgewählt. Das ist europaweit der erste Accelerator mit Fokus auf Startups von und für Frauen im Tech-Bereich. Sie erhalten ein sechswöchiges Förderprogramm in Berlin, mit Gründerinnenberatung, Training, Netzwerken und finanzielle Starthilfe. Und diese Startups sind gerade in Berlin dabei:

  • Lensationel will Frauen in aller Welt miteinander verbinden und stattet sie dafür mit Kameras aus. Mit Hilfe von Fotos sollen sie ihre Geschichten erzählen und so die Möglichkeit bekommen, sich frei auszudrücken und Erinnerungen zu sammeln.
  • In der App „Ask Without Shame“ können sich Menschen anonym über Sex und Aids informieren. Das ist in Afrika noch oft ein Tabu.
  • Hinter der App Securella steht ein marokkanisches Entwicklerteam um Samia Haimoura. Sie hat es sich zum Ziel gemacht, mittels Technologien das Unsicherheitsgefühl, insbesondere von Frauen, im öffentlichen Raum zu verringern. Die App bietet eine Community-basierte Karte, auf welcher sichere und gefährliche Orte und Wege gekennzeichnet werden.
  • Die App DigiSitter will den Stress von berufstätigen Müttern und Vätern verringern. Dafür werden die Kalender, beispielsweise der Eltern oder Babysitter, synchronisiert. Auch das Buchen und Bezahlen eines Babysitters soll mit der App vereinfacht werden.
  • In Ostafrika kosten Sehtests und Brillen nicht selten um die 300 Dollar. Brenda Katwesigye gründete Wazi Vision und überprüft die Sehkraft von Schulkindern und versorgt Schüler mit Sehschwäche mit Brillen zu bezahlbaren Preisen. Die Brillen kosten nur noch 20 statt 300 Dollar.

Der soziale Charakter steht also bei allen beteiligten Startups im Zentrum – nicht das Wachstumspotential und die Disruption von existierenden Businessmodellen. Man könnte also auf den Gedanken kommen, dass auch hier eine eher traditionelle Geschlechterrolle transportiert wird: die Frau als selbstlose Helferin. Aber wer kann ernsthaft etwas dagegen haben, wenn sich eine Gründerin entschlossen hat, das Leben von Millionen Frauen ein bisschen besser zu machen?

Foto: Screenshot Youtube