Domscheit_Berg

Das Ehepaar Domscheit-Berg bei der Präsentation ihres neuen Startups

Viele Gründer wollen Geld verdienen und mit ihrer Idee das Leben ein bisschen besser machen. Die beiden Netzaktivisten Daniel und Anke Domscheit-Berg versuchen es andersherum. Sie wollen die Welt verbessern – und der einzige Weg dahin ist vielleicht, ein Startup zu gründen und Geld zu verdienen. Daniel Domscheit-Berg war bis 2010 Sprecher der Enthüllungsplattform Wikileaks von Julian Assange.

Die Idee ihres Startups ViaEuropa ist ebenso durchdacht wie kompliziert. Und – Überraschung – es geht ums Internet. Damit es zum User kommt, müssen Kabel vergraben und Leitungsnetze betrieben werden. Dann bieten Telekommunikationsunternehmen Providern Dienste an, die diese an Kunden weiterverkaufen.

Beherrscht wird dieses System von der Telekom. Das neue Domscheit-Startup will Deutschland nun zur Glasfaser-Nation machen und das Monopol der Telekom brechen. ViaEuropa versucht, der App-Store für Glasfaser-Internetanbieter zu werden. Kunden sollen später Angebote aufrufen und binnen 30 Sekunden ihren Vertrag wechseln können. Davon verspricht sich das Ehepaar mehr Wettbewerb, mehr Service – und am Ende ein bis zu tausendmal schnelleres Glasfaser-Netz.

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Erst muss das Imperium besiegt werden

In Deutschland liegt die Glasfaser-Quote lediglich bei 1,2 Prozent – gut ein Zehntel des Anteils in Mexiko. Die fehlende Infrastruktur in Deutschland sollen nach den Plänen von Domscheit-Berg Gemeinden und Kommunen vorfinanzieren. Nach acht bis zwölf Jahren würden sich die Investitionen nach ihrer Rechnung rentiert haben.

Ein andere Problem ist die Telekom. Der magentafarbene Konzern ist in den Augen der Netzaktivisten ein dunkles Imperium, das den technischen Fortschritt verhindert. Denn die Telekom setzt auf „Vectoring“-Technik. Damit sollen Kupferkabel schneller Daten transportieren. Für die Domscheit-Bergs fühlt sich das an, wie Briefe schreiben im Whatsapp-Zeitalter.

Geschwindigkeiten von „bis zu 100 Megabyte/Sekunde“ verspricht die Telekom. Aber nur rund zehn Prozent der Kunden erreicht die versprochene Maximalgeschwindigkeit. Wenn in zehn bis zwanzig Jahren Millionen von intelligenten Toastern und Kühlschränken mit ihren Daten die Leitungen verstopfen, wird die Vectoring-Technik den Datendurchsatz auf keinen Fall mehr stemmen können.

Glasfaserzeitalter: Bitte schnell updaten!

Doch die Provider, die bei ViaEuropa-Store später ihre Produkte anbieten sollen, sind derzeit noch von der Telekom abhängig. Ob sie die Seiten wechseln, ist fraglich. Dabei hat ViaEuropa immerhin eine innovative Idee, einen milliardenschweren Markt und bietet in Zeiten von Netflix ein gefragtes Produkt.

Doch darum geht es nicht. Das zeigte sich bereits bei der Präsentation des Startups: Mehr als eine Stunde zählen die Domscheit-Bergs bildreich die vielen Vorzüge der Glasfaser-Technologie auf – bis eine Journalistin fragt, was überhaupt die Startup-Idee sei.

Diese gerät bei so viel Gesellschaftsaktionismus leicht in Vergessenheit. Denn den Domscheit-Bergs geht es in erster Linie nicht darum, ihr Startup zum wirtschaftlichen Erfolg zu führen. Ihr Ziel ist es, Deutschland schnell in das Glasfaserzeitalter zu befördern. Am besten sofort.

Doch mit dieser Idee könnten sie Deutschland derzeit noch etwas überfordern.

Bild: Michel Penke