alexander-goerlach

The-European-Gründer Alexander Görlach

Als Macher eines journalistischen Startups hat Alexander Görlach einiges erlebt – und einfach war es nicht immer. Gemeinsam mit Team Europe Ventures gründete er bereits im Jahr 2009 „The European“, ein Online-Magazin für Debatten und Meinungsjournalismus. Über die Jahre gelang es Görlach und seinem Team, eine bekannte Marke aufzubauen. Doch das Geschäft blieb nicht ohne Herausforderungen.

Ende 2013 übernahm Görlach die Mehrheit an The European. Ein Jahr später kam dann der umstrittene Finanzunternehmer Bernd Förtsch als Investor an Bord und kaufte die Mehrheit des Magazins. Görlach sagte dazu gegenüber Spiegel Online: „Es gab auch Phasen mit schwarzen Zahlen, aber uns fehlt nun das Geld für das Wachstum.“ Das gewünschte Wachstumskapital blieb aber aus. Knapp ein halbes Jahr später änderte der Investor Förtsch seine Meinung, alle Mitarbeiter wurden entlassen. Wenig später gelang eine kleine Rettung: Die Weimer Media Gruppe übernahm das Magazin in einem Asset-Deal.

Anzeige
Nach dieser bewegten Zeit hat Alexander Görlach vor kurzem sein Debattenmagazin verlassen. Heute forscht er als Gastwissenschaftler in Harvard. Für künstliche Intelligenz interessiert er sich zum Beispiel besonders. Im Interview spricht der Gründer darüber, warum er glaubt, dass Medienstartups in Deutschland keine Chance haben – und warum das in den USA ganz anders aussieht.

Alex, Du glaubst, dass Investments in Medienstartups in Deutschland tot sind. Warum?

Es gibt wenig Begeisterung für Medien und wenig Begeisterung für Formate. Vor allem nicht, wenn es um neue Ideen geht. Sicherlich gibt es die innerhalb der verschiedenen Redaktionen, aber es gibt keine übergeordnete unternehmerische Lust oder Freude an dem Thema.

Ist das in den USA anders?

Ja. Der Glaube dort ist: Ein Geschäft, das 100 Jahre lang ein Geschäftsmodell hatte, wird auch in Zukunft eines haben. Das manifestiert sich in den Investments und das unterscheidet sich von der deutschen Branche der Medienstartups. Die Folge ist, dass unser Ökosystem für Journalismus kleiner wird und das ist umgekehrt in den USA nicht der Fall.

Fehlt es an begeisterten Gründern oder den Investoren in Deutschland?

Gründer haben verstanden, dass sie mit Medien kein Geld machen können. Natürlich gibt es immer wieder mal gute Ideen. Von Investoren werden diese Ideen aber nicht nennenswert oder strukturiert unterlegt, gerade nicht von den klassischen Verlagen. Es fehlt an Finanzierung, technologischer Innovation und neuen Geschäftsmodellen für Journalismus.

Welche technologischen Innovationen siehst Du denn in den USA?

Dort ist man im Datenjournalismus weiter, außerdem in Sachen Videocontent und Mobile-Technologien. Das US-Onlinemagazin Mic hat zum Beispiel in wenigen Jahren 30 Millionen US-Dollar eingesammelt und heute über 100 Mitarbeiter. Und das alles mit einem einzeiligen Pitch – nämlich, dass Millennials Inhalte anders konsumieren, über Snapchat, Persicope und Livevideos. Die Darreichungsform ist dort schon Teil der journalistischen Praxis. In Deutschland könnte man solche Summen nicht einsammeln. Auch keine drei Millionen.

Snapchat und Livevideos klingen jetzt nicht nach der großen technologischen Innovation.

Ich wäre da vorsichtig zu sagen, dass man in jedem deutschen Newsroom in der Lage ist, damit umfassend zu operieren oder gar die Berichterstattung auf diese neuen Möglichkeiten zu stützen.

Das habe ich nicht gesagt, nur, dass diese Mittel bekannt sind.

Klar, auch in den USA hat keiner den Stein der Weisen gefunden. Der Unterschied ist, dass dort der Glaube ungebrochen ist, dass man ein neues Modell für Journalismus entdeckt.

Was sind weitere Gründe dafür, dass mehr erfolgreiche Medienstartups aus den USA kommen?

Der Wettbewerbsgedanke ist in Deutschland nicht ausgeprägt. Hier glauben die meisten, dass die aktuellen Spieler am Markt immer existieren werden. In den USA will man Konkurrenz verdrängen, den Markt beleben. Und das heißt nicht, dass es weniger Arbeitsplätze geben wird in der Branche: Wenn einer durch Wachstum andere verdrängt, gibt es neue Jobs, Journalisten wechseln dann innerhalb der Branche. Dafür braucht es ein Ökosystem, das durch entsprechende Investments floriert, so dass Neues wachsen kann.

Meine Befürchtung ist, dass der Zug in Deutschland abgefahren ist. Projekte wie Krautreporter oder Edition F werden leider immer wieder an Grenzen stoßen, weil eben die Begeisterung für neue Medien fehlt. Das wird auch dadurch nicht besser, dass ein großer Verlag wie Springer für 400 Millionen Business Insider kauft, aber nicht einmal einen Bruchteil dieser Summe in die Hand nimmt, um in den deutschen Markt zu investieren.

Du hast vor sieben Jahren das Debattenmagazin The European gegründet. Heute hat jedes Medium Meinungssektionen. Habt Ihr den Punkt verpasst, Euch zu spezialisieren?

Anzeige
The European war ein wichtiger und wertvoller neuer Teil im deutschen Medienbetrieb. Wir waren aber, obwohl ein internationales Debattenmagazin schon sehr nischig ist, insgesamt doch wieder zu breit aufgestellt was die Themen anbelangte. Damit waren wir zu groß, um in einer bestimmten Nische der Platzhirsch zu sein. Mein Freund und unser ehemaliger CFO, Christoph Blumberg, hat beispielsweise eine speziellere Nische gefunden und da bessere Chancen. Er macht jetzt ein Magazin für Motorrad-Kultur, Craftrad, das er nach seiner Zeit bei The European gegründet hat.

Was ist Dein größtes Learning aus der Zeit bei The European?

Ich würde nie wieder ein Unternehmen gründen, das nicht für eine spezifizierte Zeit durchfinanziert ist. Wir hatten durchaus Geld, aber du merkst on the job, dass man immer mehr benötigt, als man in seinen ersten Businessplan schreibt.

Mein nächstes Startup muss definitiv eine starke technologische Komponente haben – wie zum Beispiel Story Corps aus den USA. Dieses Medien-Unternehmen sammelt Podcasts. Das Frontend ist ein Medium, aber eigentlich arbeitet dieses Medium an Spracherkennungssoftware.

Planst Du also, bald wieder zu gründen?

Ich bin gerade sehr gerne als Gastwissenschaftler in Harvard und forsche im Bereich Politik und Religion. Außerdem bin ich Seniorberater beim Berggruen Institut, einem Think Tank mit Sitz in Los Angeles. Und ich schreibe viel für deutschsprachige und internationale Medien. Damit sind meine Tage sehr gut gefüllt. Natürlich schaue ich aber in den USA und Mexiko nach neuen, großartigen Ideen. Ich würde auch wieder in meiner Heimat eine Company gründen. Aber hier sehe ich leider ganz wenig Interesse, Geschäftsmodelle mit hochwertigem Content zu verknüpfen.

Danke für das Gespräch, Alex!

Bild: Gründerszene / Christina Kyriasoglou