„Wir werden in Europa nicht gerade von Geld beregnet“

Eigentlich überraschend, dass Alexander Straub nicht zu den Posterboys der deutschen Startupszene gehört. Vielleicht liegt es daran, dass er seit langem in London residiert oder dass er längst nicht nur in Deutschland gründet und investiert. Aber Straub, heute 41 Jahre alt, ist immerhin der Mann, der 1999 mit seiner ersten Geschäftsidee, der B2B-Plattform Mondus, den Gründerwettbewerb der Sunday Times of London gewann, dafür ein Preisgeld von einer Million Pfund einsackte – und ein Jahr später 40 Prozent von Mondus für 150 Millionen US-Dollar an die italienischen Gelben Seiten verkaufte. Er hat seitdem Firmen in Serie gegründet und in viele andere investiert. Straub steckt hinter der Beschaffungssoftware IBX und dem E-Invoicing-Anbieter OB10. Er hat in das Biotech-Startup Summit investiert und in den Mobile-VoIP-Anbieter Truphone. Xing-Gründer Lars Hinrichs hat einmal über ihn gesagt: „Alex Straub hat das Gespür für Dinge, die in zwei Jahren aktuell werden.“

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Derzeit verfolgt Straub zwei Projekte, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben und die er doch zusammenspannen will: das Tech-Startup Empora, das die textbasierte Suche à la Google überwinden will und dafür an Algorithmen für eine bilderbasierte Suche bastelt; und die Mode-Community Fashionfreax, auf der mittlerweile 600.000 vornehmlich weibliche Nutzer Bilder ihrer Outfits teilen. Seit einigen Monaten verknüpft eine iOS-App beide Projekte: Mit Fashionfreax Lens lassen sich per Smartphone-Kamera Farben und Schattierungen aller denkbaren Objekte scannen, zu der die App – in Echtzeit – Modeprodukte in passenden Farbkombinationen vorschlägt und Nutzer gegebenenfalls an den passenden Onlineshop weiterleitet.

Alex, wie wird man als Unternehmer mit Software- und Telekomfokus Chef einer Fashion-Community?

Das frage ich mich auch manchmal. Die Erklärung geht so: Ein Studienkollege von mir aus Oxford beschäftigt sich schon seit 2004 mit Visual Search. Wir haben uns die Frage gestellt, wie man die mathematische Analyse von Bildern im realen Leben einsetzen könnte. Je besser es gelang, Bilder in ihre Bestandteile wie Farben, Formen oder Texturen zu zerlegen, desto mehr fiel uns auf, wie sich diese Teile manchmal krass ähneln – so krass, dass sie vergleichbar sind – und manchmal gar nicht. So funktioniert auch Mode und das Zusammenspiel einzelner Kleidungsstücke mit ihren Stilen und Materialien. Mit dieser Beobachtung haben wir eine Suchmaschine für den Vergleich von Produkten gebaut – und als Voraussetzung dafür haben wir eine Community mit genügend eigenem Traffic benötigt. 2010 haben wir deshalb Fashionfreax, eine Berliner Mini-Mode-Community, gekauft. Sie hatte nicht einmal 10.000 Mitglieder.

Seitdem seid ihr ganz schön gewachsen.

Ja, heute sind es schon 650.000 Mitglieder! Darunter sind viele Fashion-Blogger, die Fashionfreax strategisch nutzen, um Interaktionen zu entwickeln, die sie bei TwitterFacebook oder Instagram aufgrund fehlender Fokussierung nicht bekommen. Das ist für mich übrigens auch der Grund für den Erfolg anderer Spezial-Communities wie Soundcloud – Universalnetzwerke können solche Bedürfnisse eben nicht so intensiv befriedigen. Was wir nun zusätzlich anbieten, damit Blogger über ihren Follower-Kreis hinaus posten können, ist die Funktion „Boost Outfit“. Das funktioniert ähnlich wie die Sponsored Posts bei Facebook. Der harte Kern semi-professioneller Blogger verwandelt mithilfe von Fashionfreax eine Leidenschaft in eine reguläre Beschäftigung. Ich wünsche mir, dass wir mit unserem Team die Grundlagen programmieren, dass daraus ein richtiger Beruf wird, so dass sich Blogger in unserem Netzwerk ihr Leben finanzieren können.

Ihr habt eine aktive Community und mit der Fashionfreax-App Lens eine faszinierende Technik. Was macht Ihr mit diesen Assets?

Wir fragen uns: Was machen die Mitglieder damit – und wie können wir damit für alle Beteiligten einen Mehrwert und mehr Erlöse generieren? Wir loten auch Wege für eine Zusammenarbeit mit E-Commerce-Unternehmen aus. Auf jeden Fall wollen wir die Assets nicht verkaufen oder gar ausverkaufen, sondern ein langfristig orientiertes, profitables Unternehmen damit schaffen.

Ein Fashion-Anbieter wie Zalando könnte von der Bildersuche und dem sozialen Netzwerk enorm profitieren. Gibt es da Kontakte?

Klar, Zalando ist eine hervorragende Firma, und Berlin kann sich nur bedanken, dass es entstanden ist. Wir haben aber Beziehungen zu allen möglichen E-Commerce-Stores.

Wie einzigartig ist Eure Bildersuche eigentlich? Googles Search by Image funktioniert ja ähnlich.

Der Unterschied: Wir sind fokussiert auf Mode und auf den Kontext, in dem Mode entsteht. Hierzu haben wir auch Patente, die aus unserem Inhouse-R&D hervorgegangen sind. Mein Eindruck ist, dass bei Google nicht so viel passiert. Ihnen geht es darum, die Werbepreise von Jahr zu Jahr um zehn Prozent zu steigern. Ich glaube, sie stellen Visual Search hinten an, weil ihre Textsuche immer noch so zentral ist. Und Google fokussiert sich stärker auf das eigene OS – als trojanisches Pferd für die Suche in mobilen Geräten.

Seid ihr derzeit auf Investorensuche?

Zugegeben, wir werden in Europa nicht gerade von Geld beregnet. Ich bin aber ohnehin vorsichtig und arbeite lieber schnell auf Profitabilität hin. Andererseits können nur mit unglaublich viel Dünger Urwaldriesen wachsen, die dann wiederum ihre Umgebung versorgen. Grundsätzlich gilt: Wer investieren will, ist willkommen! Ich bin übrigens auch von alternativen Wegen der Finanzierung begeistert: Man muss nicht immer in die USA schauen oder sich gegenüber Europäern den Mund fusselig reden, sondern kann sich zum Beispiel nach Asien oder Russland orientieren. Für Truphone haben wir etwa Roman Abramowitsch als Investor gewonnen.

Für die Entwicklung von Lens habt ihr hingegen auf Fördermittel der EU zurückgegriffen. Wie kamt ihr darauf, Subventionen zu beantragen?

Ich kannte öffentliche Fördermittel schon aus den USA. Die US-Regierung gibt viel Funding für Forschung und Entwicklung in Startups. Der Riesenvorteil ist ja, dass das Eigenkapital darunter nicht leidet, denn es ist ja so: Entweder du verkaufst ständig Aktien für Equity, so dass dir am Ende ein Prozent bleibt und du quasi Angestellter bist. Oder du arbeitest total sparsam und versucht die Anteile größer zu halten. Ich arbeite super sparsam, wo das geht. Nur so wird das Unternehmen hochprofitabel und funktioniert langfristig. Fördermittel zwingen Dich schon aufgrund engerer Regeln zur Sparsamkeit – das passt! Wenn ich andere Unternehmen sehe, die reich mit Equity ausgestattet sind, würde ich sogar so weit gehen und behaupten: Fördermittel machen dich sparsamer, weil du psychologisch weißt, dass du am Ende mehr davon hast.

Trotzdem, Subventionen gelten nicht als besonders sexy.

Klar, weil sie viel Zeit und Geld kosten. Aber das ist mir total egal. Niemand sollte es stören, am Anfang eines Unternehmens etwas Zeit zu investieren – in unserem Fall jedenfalls lohnt es sich.

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Als Gegenleistung musstest Du Deine Firma in einer strukturschwachen Gegend ansiedeln.

Wir haben Empora von London nach Wismar verlagert, auch, weil es ausgesprochen schön ist, am Meer zu arbeiten. Die Ruhe ist ein Privileg. Wenn wir den Buzz von Berlin oder London brauchen, fahren wir hin. Außerdem ist dort 1881 auch Karstadt entstanden. Das ist doch ein toller Anfang. Ich hoffe, Empora schafft es, ein Unternehmen aufzubauen, das auch 132 Jahre alt wird.

Kannst du die EU-Unterstützung anderen Gründern weiterempfehlen?

Wie gesagt: Gerade für R&D macht es Sinn, wenn man wirklich an die Grenzen des Machbaren geht, also den Status-Quo nicht akzeptieren und einen Mehrwert liefern will. Damit meine ich nicht Online-Windelverkäufer oder Müsli-Shops. Aber wenn man wie wir durchaus abgespacete Mathematik am Rande des Machbaren in Cloud-Systemen umsetzen und für potenziell sechs Milliarden Menschen im Netz zugänglich machen will, dann ja.

Vor ein paar Jahren hast du mal gesagt, du könntest dir vorstellen, in die Politik zu gehen. Steht der Plan noch?

Es war nie ein fixer Plan, sonst wäre ich heute Politiker. Aber ich glaube an einen fließenden Übergang vom Unternehmertum zur Politik, und genau auf dieser Schwelle für die Gesellschaft nützlich zu sein dürfen, indem man Erfahrungen teilt, Probleme und Notwendigkeiten erkennt, an neuen Rahmenbedingungen mitwirkt – das alles ist weiterhin ein Gedanke, der mich reizt. Es wäre eine neue Herausforderung! Aber es hat sich bisher nicht ergeben.

Du hast damals auch gesagt, als Politiker würdest du Subventionen abbauen. Wie passt das zur EU-Unterstützung für Empora?

Die Frage ist ja, um welche Subventionen es geht: Ja, einige abbauen, andere aufbauen. Wahrscheinlich habe ich mehr an Kohlebergbau gedacht.

Verfolgst du, was sich in der deutschen Startup-Landschaft tut?

Nein und ja. Eigentlich habe ich keine Zeit, andere intensiv zu verfolgen. Andererseits bin ich schon neugierig, was andere machen. Dass hier endlich eine Gründerszene existiert, ist genial, und es wird am Ende auf jeden Fall mehr herauskommen, als vorher da war. Letztendlich fehlt uns in Deutschland und Europa das große Kapital. Wer richtig große Firmen bauen will, braucht unglaublich viel Geld. Es wird immer übersehen, dass wir hierzulande nicht die Leute und die Ausbildung und die Vergangenheit haben. In Facebook wurden wahrscheinlich mehr als zwei Milliarden Dollar an Finanzierung gesteckt, um heute 100 Milliarden Marktkapitalisierung zu erzielen. Viele Leute hier können diese Bewertungen nicht nachvollziehen, geschweige denn das Kapital vorweisen, einen solchen Höllenritt durchzustehen. Deshalb wird oft bei erstbester Gelegenheit verkauft. Wenn ihr mich fragt: Das beobachte ich leider zu oft.

Ist das eine Folge der Dotcomblase? Du hast selbst einmal einen schnellen Exit gemacht und den Crash damals live miterlebt.

Klar, viele Leute dachten damals, man kann einen schnellen Reibach machen. Aber ich habe selber erlebt, dass es den in systematischer und immer wiederkehrender Form nicht gibt. Das war auch eine Lehre für mich. Am Ende ist alles ziemlich fair und wird auch immer so bleiben. Ökonomische Realitäten führen immer irgendwann zu einer fairen Abrechnung.

Deutschland fehlt heute also vor allem Kapital?

Klar, absolut. Und es fehlen noch immer viele Köpfe. Und uns fehlen ein Dutzend Großunternehmen, die aus der Startupszene entstanden sind. Darauf könnten die neuen wiederum aufbauen. In unserem Regenwald gibt es keine großen Bäume. Aber ich sehe erste gute Setzlinge. Jetzt nur nicht aufgeben!

Welches deutsche Startup könnte eine solcher Baumriese werden?

In Berlin gibt es zwei, die ich ganz besonders mag und die meinen Themen ähneln: Soundcloud und Researchgate. Ich sehe hier Parallelen zu Fashionfreax im Aufbau von Publishing-Plattformen. Ich hoffe, dort wird langfristig gedacht – dann können es Mammutbäume werden!

Bild: Namensnennung Bestimmte Rechte vorbehalten von Robert Scoble