Anna Vonnemann und ihre Tochter Dindia Gutmann während einer Wanderung Quelle: ReMoD

Anna Vonnemann und ihre Tochter Dindia Gutmann während einer Wanderung; Quelle: ReMoD

In einer Altbauwohnung in Berlin Wedding, umgeben von sehr viel leerem Raum und sehr hohen Decken, sitzen zwei Frauen. Bemalte Leinwände stehen in mehreren Lagen übereinander im Flur, also dort, wo ohnehin wenig Platz ist, Bücher stapeln sich in einer Ecke, ansonsten kann der Blick durch die Zimmerfluchten wandern.

Es ist eine Wohnung, in der das Chaos des Lebens von der gewünschten Ordnung abgespalten wurde. Die Frauen, die hier wohnen, tragen heute dunkelblaue Kleider, als hätten sie die Kleiderordnung für den Besuch abgestimmt. Dann lachen sie über ihre Kleider und darüber, dass es so aussieht, als hätten sie sich abgestimmt. Und das soll heißen: Wir stimmen uns nicht ab. Jedenfalls nicht in Kleiderfragen.

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Die beiden Frauen sind Mutter und Tochter. Die Mutter ist 67 und Malerin. Die Bilder in den Fluren sind ihre Arbeiten. Die Tochter ist 26, Betriebswirtin, sie hat gerade fertig studiert, ihr Weg und ihre Zukunft sind noch offen.

Wie beste Freundinnen sehen sie aus, in diesem Moment. Die beiden reden, erklären, lachen, fallen sich ins Wort, ergänzen, was die andere vergaß oder widersprechen, wenn es sein muss. In einem Moment blitzt in den Augen der Tochter ein bisschen typisch töchterliche Genervtheit über die Mutter auf, dann wieder ist es die Mutter, die ihre Tochter streng ansieht, wie eben Mütter manchmal schauen. Und noch einen Moment später sind sie wieder zwei Freundinnen. Mit anderen Worten: Da sitzen eine ganz normale Mutter und eine ganz normale Tochter.

Die Zuschauer waren ergriffen

Vor wenigen Tagen haben diese beiden Frauen ein paar Millionen Fernsehzuschauer beeindruckt. Man könnte auch sagen, sie haben Millionen Zuschauer „berührt“, „zum Weinen gebracht“, zwei Umschreibungen, die leider durch ihre permanente Wiederholung im Fernsehshowalltag so zerlutscht wurden, dass man sie nicht mehr in den Mund nehmen mag.

Aber bei diesen beiden stimmt es. Die Zuschauer sahen am Dienstag den Auftritt dieser Frauen auf der Bühne eines Fernsehstudios, hörten sich ihre unglaubliche Geschichte an und waren – ergriffen.

Die Tochter ist krank. Sie erlitt vor ihrer Geburt einen Schlaganfall und kam linksseitig gelähmt zur Welt. Als sie laufen lernte, war es ein Humpeln. Zu laufen bedeutete für sie, Schmerzen zu haben, die mit den Jahren immer stärker wurden. Es bedeutet auch, aufzufallen, sich Blicken auszusetzen und diese auszuhalten, einsam zu sein. Laufen wurde zu etwas, das die Tochter am liebsten vermied, genau wie Kontakte zu Menschen.

Die Maschine gab ihr die Kontrolle zurück

Der Mutter bereiteten die Schmerzen der Tochter eigene Schmerzen. Sie versuchte ihrer Tochter zu helfen, wie Mütter es eben tun – nur dass die Hilfe bei dieser Mutter erst zu einer Idee wurde und aus dieser Idee am Ende eine Geschäftsidee. Die Idee ist eine kleine Maschine, etwa so groß wie ein Smartphone, dazu ein paar Kabel und Gurte. Mit dieser Maschine lernte die Tochter, die nach Meinung der Ärzte nicht mehr ohne Rollstuhl ausgekommen sollte, das Laufen neu. Die Mutter nannte ihre Maschine „ReMoD“.

Dindia als Kleinkind, sie lernt ihre gelähmte Hand und den gelähmten Arm zu bewegen; Quelle: ReMoD

Dindia als Kleinkind, sie lernt ihre gelähmte Hand und den gelähmten Arm zu bewegen; Quelle: ReMoD

Der ReMoD beseitigte durch leichte elektrische Impulse sowie sehr viel Training und Disziplin die Haltungsschäden bei der Tochter, sie gaben ihr die Kontrolle über den Körper zurück, die sie durch die Hirnschädigung verloren hatte. Mutter und Tochter glauben, dass der ReMoD auch Millionen anderen halbseitig gelähmten Menschen helfen könnte. Und mit dieser Idee waren die beiden im Fernsehen.

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Es war die Vox-Sendung „Höhle der Löwen“, in der es darum geht, dass Leute, die kein Geld, aber eine Geschäftsidee haben, Leute mit viel Geld davon überzeugen (oder auch nicht überzeugen können), bei ihnen zu investieren. Der Grill, auf dem man Pizza backen kann, die Eismischungen zum Selbermachen, die Schaumstoffherzchen, mit denen Highheels besser am Fuß der Trägerin sitzen – lauter lustige, interessante, sinnvolle, aber doch mehr oder weniger überflüssige Ideen wurden in der letzten Sendung von ihren Erfindern vorgestellt und von den Investoren gnädig angenommen oder ungnädig in den Staub fallen gelassen.

Ein toller Fernsehmoment

Als die beiden Frauen ihre Idee präsentieren, als die Tochter aufrecht, kaum humpelnd, die Erfindung der Mutter vorführte, als Mutter und Tochter erst den Unternehmer Carsten Maschmeyer, dann die Unternehmerin Dagmar Wöhrl dazu brachten, ihnen 200.000 Euro für eine Unternehmensbeteiligung von 20 Prozent zu geben, als Maschmeyer und Wöhrl Unterstützung versprachen bei den Bemühungen, die Maschine marktreif zu machen, da brachen erst die sozialen Netzwerke in Jubel aus („das sind wahre Löwinnen“, „geniale Erfindung“, „warum sind Mediziningenieure noch nicht auf diese Idee gekommen“, „eine Geschichte, die verfilmt werden muss“) und dann die Homepage des ReMoD zusammen. Es war ein toller Fernsehmoment.

Der große Auftritt bei der „Höhle der Löwen“

Der große Auftritt bei der „Höhle der Löwen“ (Quelle: VOX / Bernd-Michael Maurer)

Einen Tag nach Ausstrahlung der Sendung, in der Altbauwohnung in Berlin-Wedding, wirken Mutter und Tochter gefasster als die emotionalisierte Netzgemeinschaft.

Im Fernsehen, hatte die Mutter gesagt: „Ich wurde gefragt, warum ich das kann. Die richtige Antwort ist: Ich bin Mutter.“ Die Zuschauer weinten. Aber diese beiden Frauen weinen nicht.

Sie wollte nicht trainieren

Sie erzählen jetzt, dass das Gehenlernen auch ein Kampf war. Gegen die Schmerzen, gegen die Hoffnungslosigkeit und auch gegeneinander. Sie erzählen: Jeden Tag Training, die Mutter trieb die Tochter, ließ ihr keinen Fehler durchgehen. „Geh gerade“, sagte sie immer wieder. „Ich bin doch gerade“, sagte die Tochter, obwohl sie schief dastand, immer wieder.

Da verstand die Mutter, dass die Tochter gar nicht wusste, was „gerade“ bedeutet. Dies war der Moment, als ihr die Idee für den ReMoD kam, dessen erste Version sie mit dem Lötkolben am Küchentisch zusammenbastelte. Das Gerät maß, wann die Tochter schief stand, und sandte ein Signal. Erst ein Lichtsignal, später, weil das auffällige Licht die Tochter störte, einen elektrischen Impuls, einen kleinen Stromschlag sozusagen.

Die Tochter wollte nicht trainieren. „Aber ich musste ja“, sagt sie – Seitenblick zur Mutter. Lachen. Ein paar Wochen später konnte die Tochter gerade von schief unterscheiden – und aufrecht stehen.

Plötzlich wurde sie verwechselt

Etwas später, erzählt die Tochter, hatte sie ein Erlebnis, das ihr Leben und ihre Einstellung zum täglichen Training änderte. Ein Junge aus ihrer Klasse sprach sie an, aus Versehen. Er hatte sie von hinten mit jemandem verwechselt. Das war der Tochter noch nie passiert, weil sie, das schiefe Kind, immer unverwechselbar gewesen war. Seit diesem Tag war sie diejenige, die die Mutter zum täglichen Training trieb.

Was die beiden bisher gelernt haben: Man braucht sehr viel Kraft, um Chaos zu ordnen. Und mit sehr viel Geld kann man damit etwas Großes erreichen. Vielleicht. Hoffentlich.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Welt.de.

Bild: ReMod