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Gegen die Doppelmoral und für den Friedensnobelpreis

Christoph Kraemer weiß, wer es mit wem tut, wenn der Ehering bei einem Date in der Hosentasche verschwindet oder nur als Zierde und nicht als Zeichen der Treue getragen wird. Christoph ist der Europasprecher von AshleyMadison (www.ashleymadison.com). Das kanadische Unternehmen ist das nach eigenen Angaben führende Seitensprung-Portal weltweit und ermöglicht es Menschen, über ein soziales Netzwerk nach einer Affäre zu suchen – seit 2010 ist das Portal auch erfolgreich in Deutschland aktiv.

Christoph, stelle dich bitte kurz vor.

Ich spreche vier Sprachen, habe bisher in fünf verschiedenen Ländern auf drei Kontinenten gelebt, einen eigenen Concierge-Service in Barcelona aufgebaut und für meine Arbeit in der Musikindustrie Goldene Schallplatten verliehen bekommen. Meine Tätigkeit bei AshleyMadison hat vor zweieinhalb Jahren mit der Markteinführung in Spanien, die ich verantwortet habe, begonnen. In meiner jetzigen Position als European Communications Director bin ich unter anderem für die Entwicklung von innovativen Kommunikationsstrategien und Guerilla-Aktionen sowie das Schalten von On- und Offline-Marketing-Kampagnen in mehreren europäischen Märkten zuständig.

Fällt es dir oder deinem Team schwer, sich mit euren Nutzern zu identifizieren?

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Auch wenn wir wissen, dass wir wohl niemals den Friedensnobelpreis gewinnen werden, versuchen wir dennoch immer wieder auf die Doppelmoral, die bezüglich des Themas Untreue in unserer Gesellschaft herrscht, hinzuweisen und somit ein klein bisschen dazu beizutragen, dass jemand, der fremdgeht, irgendwann einmal nicht mehr von seinen Mitmenschen verteufelt wird. Umfragen belegen schließlich, dass zwischen 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung – sowohl Männer als auch Frauen – mindestens einmal im Leben fremdgehen und wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass Monogamie nicht Teil der menschlichen Natur ist. Solange jemand mit seinem Verhalten einer anderen Person kein Leid zufügt, glaube ich an das Motto „Live and let live“.

Wie sieht der typische Nutzer euer Seite aus?

Wir haben User ab 18 bis 60+, aus allen sozialen Klassen und von überall her. Dennoch haben wir anhand der Daten, die bei der Anmeldung eingegeben werden sowie einer Umfrage unter 3.275 männlichen und 2.684 weiblichen Mitgliedern, folgende Durchschnittsprofile ermittelt.

Typischer Fremdgänger:

  • 43 Jahre alt
  • 1,80m
  • 78kg
  • 89 Prozent sind verheiratet oder in einer festen Beziehung
  • 67 Prozent haben mindestens ein Kind
  • 14 Prozent sind selbständig oder Unternehmer
  • 10 Prozent arbeiten in der Unternehmensleitung/-beratung
  • 7 Prozent sind Ingenieure oder Architekte
  • 5 Prozent sind Ärzte
  • Hat 2,3 Affären pro Jahr
  • 51 Prozent geben ein mangelndes Liebesleben als Grund für den Seitensprung an
  • 15 Prozent geben mangelnde Aufmerksamkeit und Zuwendung der Partnerin als Grund für den Seitensprung an
  • 36 Prozent wünschen sich als Geliebte eine Frau zwischen 30 und 35 Jahren

Typische Fremdgängerin:

  • 35 Jahre alt
  • 1,68m
  • 65kg
  • 76 Prozent sind verheiratet oder in einer festen Beziehung
  • 63 Prozent haben mindestens ein Kind
  • 32 Prozent sind Hausfrauen
  • 11 Prozent sind Büro-Fachkräfte
  • 7 Prozent sind Krankenschwestern oder im Gesundheitswesen tätig
  • 5 Prozent üben einen Lehrberuf aus
  • Hat 1,4 Affären pro Jahr
  • 47 Prozent geben mangelnde Aufmerksamkeit und Zuwendung des Partners als Grund für den Seitensprung an
  • 27 Prozent geben ein mangelndes Liebesleben als Grund für den Seitensprung an
  • 39 Prozent wünschen sich als Liebhaber einen Mann zwischen 40 und 45 Jahren

Wie viele euer Mitglieder sind aktiv? Wie viele zahlen für diesen Service?

Durchschnittlich waren in den letzten 90 Tagen zwischen 15 und 20 Prozent unserer Mitglieder aktiv und haben sich zumindest einmal eingeloggt. Die Anmeldung und das Anschauen der Profile ist für alle kostenlos. Frauen nutzen alle anderen Optionen auch gratis, während Männer zum Beispiel für die Kontaktaufnahme und das Chatten bezahlen. Bei uns gibt es allerdings kein Monatsabonnement sondern ein Credit-System, so dass man nur für das zahlt, was man wirklich nutzt. Circa 60 Prozent der User haben zumindest einmal schon ein Credit-Paket gekauft.

Gibt es länderspezifische Unterschiede? Sind, ganz stereotypisch, vielleicht Italiener eher katholisch, konservativ und damit treu?

Unser Erfolg in den verschiedenen Ländern bezeugt, dass wir weltweit ein Bedürfnis erfüllen. Gleichzeitig kann ich sagen, dass in Ländern, die als besonders konservativ oder religiös gelten, wie zum Beispiel den USA, Brasilien, die Schweiz oder Spanien, unsere Erwartungen bei weitem übertroffen wurden. Der Grund hierfür ist, dass je mehr soziale oder religiöse Normen vorherrschen, desto mehr verlangen die Menschen danach, sich aus diesem Korsett zu befreien und das „Verbotene“ zu tun.

Das Land, welches sich fundamental abhebt, ist Japan. Nur zehn Tage nach Markteinführung hatten wir bereits über 250.000 Mitglieder, was ein neuer Rekord für uns war. Die Japaner haben eine ganz andere Auffassung bezüglich Seitensprünge. Sie werden dort nicht als unmoralisch betrachtet. Unmoralisch ist nur, wenn man beim Fremdgehen erwischt wird und somit das Gesicht verliert. Was man in der Privatsphäre tut, ist einem selbst überlassen. In Betracht dessen schätzen die Japaner die Diskretion und Sicherheit, die wir anbieten, und haben uns mit offenen Armen empfangen.

Mit dem Thema Diskretion geht auch das Thema Datensicherheit einher. Was tut ihr in diesem Bereich?

Seit unserer Gründung haben wir Millionen in die Sicherheit unserer Seite investiert. Zusätzlich arbeitet unser Produkt-Team kontinuierlich an der Aktualisierung und Optimisierung der Sicherheit. In zehn Jahren haben wir nur eine Handvoll Hacker-Angriffe erfahren, die alle gescheitert sind. Letztendlich gibt es bei uns, ja nichts wirklich Interessantes zu holen. Wir fragen weder nach dem vollen Namen, noch der Telefonnummer oder der Adresse unserer User. Bank- oder Kreditkarteninformationen speichern wir sowieso nicht, da die Bezahlung über ein externes, zertifiziertes und gesichertes Gateway läuft.

Verwaltet ihr alle Länder zentral oder habt ihr Büros an den jeweiligen Standorten?

Unsere Zentrale ist in Toronto, Kanada. Dort sitzen auch unser Customer-Service- und Produkt-Team. Zusätzlich haben wir in den meisten Ländern, in denen wir vertreten sind, einen Country Manager vor Ort, der sich vorrangig um das lokale Marketing und Business Development kümmert.

Das Thema Marketing dürfte sicherlich eine heikle Sache sein.

Wir geben weltweit Millionen für Marketing aus und müssen dennoch immer wieder nach neuen Kanälen suchen, um potenzielle Kunden zu erreichen. In Spanien zum Beispiel dürfen wir aus „moralischen“ Gründen nicht auf dem Sender werben, der zur Berlusconi-Gruppe gehört. In Deutschland dürfen wir zwar bei fast allen TV-Werbung schalten, allerdings erst zu später Stunde, obwohl unser TV-Spot überhaupt nicht anzüglich ist und neben den meisten Parfüm-Werbungen verblassen würde. Des Weiteren ist mir, auch hier in Deutschland, schon mehrmals passiert, dass eine Plakat-Kampagne abgelehnt wurde.

Facebook ist ein weiteres Medium, welches uns boykottiert. Im Gegenzug sind wir in SEM und Affiliate Marketing sehr aktiv. Eine lustige Geschichte ist mir letztes Jahr in Spanien passiert. Über das lokale Groupon-Office haben wir einen Deal angeboten, der reißenden Absatz fand. Nach nur zwei Stunden wurde das Angebot auf Geheiß Andrew Masons persönlich abgesetzt – wenige Wochen später wurde er dann gefeuert.

“Normale” Dating-Seiten dürften keine Konkurrenz für euch sein. Wen siehst du in Deutschland und Europa als eure größten Mittbewerber und was macht ihr anders oder besser, um diese abzuhängen?

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Sowohl die Casual-Dating- als auch die angeblichen Singles-Dating-Seiten „wildern“ immer wieder in unserer Nische, auch wenn sie sich öffentlich nie dazu bekennen würden. Immer wieder sehe ich zum Beispiel eindeutige Adwords-Anzeigen von solchen Portalen. Nichtsdestotrotz sind wir was Online-Seitensprünge angeht das Original, mittlerweile seit über zehn Jahren am Markt und in 29 Ländern mit über 20 Millionen Mitgliedern vertreten. Dieser Erfolg spricht für sich und wir wenden das erarbeitete Know-how tagtäglich an, um uns zu verbessern.

Kannst du etwas zu euren Umsätzen sagen?

2012 haben wir 90 Millionen US-Dollar Umsatz bei einer Gewinnmarge von 25 Prozent gemacht. In Deutschland haben sich seit dem Launch schon mehr als 500.000 Mitglieder angemeldet und wir haben letztes Jahr unseren Umsatz um 27 Prozent gesteigert.

Ihr wachst Mobile sehr stark. Was habt ihr in diesem Bereich vor?

Mobile ist für uns eine absolute Priorität und wir arbeiten konstant an der Verbesserung der mobilen Seite. Gerade weil man zuhause nicht vom Partner beim Surfen auf AshleyMadison.com erwischt werden möchte, ist die Nutzung der Seite am höchsten, wenn unsere User unterwegs oder auf der Arbeit sind. Mittlerweile liegt die Mobile-Nutzung bei Männern bei 19 Prozent und bei Frauen bei 34 Prozent – eine 50-Prozent-Steigerung gegenüber 2012. Außerdem sind wir das einzige Seitensprung-Portal mit eigener App für iPhone und Android.

Wo steht ihr in einem Jahr?

Ich hoffe dann bekannt geben zu können, dass wir in Deutschland über eine Million Mitglieder haben!

Bild: AshleyMadison