Auszeit Erfahrungen Britta Kiwit

Fischen statt Business Development. Britta Kiwit tauschte für sechs Monate ihren Schreibtisch in Berlin gegen Backpacking in Südostasien.

Ich bin dann mal weg!

In unserem neuen Format stellen wir in Zukunft regelmäßig Leute aus der Startup-Szene vor, die sich bewusst für eine Zeit lang gegen den Beruf und für das Leben im Ausland entschieden haben.

Den Anfang macht die ehemalige Gründerszene-Mitarbeiterin Britta Kiwit. Nach ihrem BWL-Studium arbeitete sie 3 Jahre im Business Development für Gründerszene. Im Interview erzählt sie uns, wie sie dazu kam, ihren Job bei Gründerszene zu schmeißen, um eine Auszeit zu nehmen, wo dabei die Hürden lagen und wie sich der Kulturwechsel auf ihre jetzige berufliche Situation ausgewirkt hat.

Wer bist du und was machst du?

Ich bin Britta, 25, und habe mich vor kurzem mit meinem Mitgründer Felix selbstständig gemacht. Davor hab ich mir nach drei Jahren Arbeitszeit einen meiner langersehnten Träume erfüllt, legte die Kündigung auf den Tisch, packte meine Siebensachen und trat das bisher größte Abenteuer meines Lebens an: eine Oneway-Reise nach Südostasien.

Warum? Weil ich genug hatte von den ständigen Nörglern, die sich über ihr Leben beklagen und immer nur meckern, anstatt etwas zu ändern.

Was hast du in deiner Auszeit gemacht und für wie lange?

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Letztendlich war ich sechs Monate unterwegs. Es ging los in Thailand, über Laos und Vietnam, und hängengeblieben bin ich immer wieder in Kambodscha – mal als Backpacker und auch mal als Fischer – das wusste ich vorher nie genau.

Erstmal war nicht viel geplant. Ich wollte weg und wissen, wie es ist, morgens aufzuwachen und dann erst zu schauen, was die nächsten 24 Stunden bringen. Nicht zu wissen, in welchem Land man am nächsten Morgen aufwachen wird – das kennen wir planungsbekloppten Deutschen doch gar nicht!

Wie sah deine Arbeitssituation vor der Auszeit aus?

Meine Arbeitssituation vor der Reise sah an sich super aus. Das Gründerszene-Team war der Knaller, die Stimmung war gut. Ich hatte zwar nach drei Jahren im gleichen Job irgendwann das Gefühl, auf der Stelle zu treten, aber ich war jeden Tag glücklich und bin gerne zur Arbeit gegangen.

Nichtsdestoweniger fragte ich mich immer häufiger: „Wann, wenn nicht jetzt?“ Wann ist denn der richtige Zeitpunkt, seinem inneren Gefühl zu folgen und eine so große Entscheidung zu fällen, wie seinen Job zu kündigen?

Viel zu oft wird man mit diesen unglücklichen Jammer-Gesichtern konfrontiert, die immer nur klagen, wie doof alles ist. Dazu wollte ich nie gehören und dann ging alles ganz schnell. Die Auszeit hat sich in diesem Moment richtig angefühlt, also hab ich gar nicht erst angefangen, Pro und Kontra abzuwägen – es hieß nur noch kündigen, Flug buchen und los.

Was haben deine Freunde und Familie zu deinen Plänen gesagt?

Gut, mein Vater drohte mit Enterbung, aber das ist nichts Neues. „Britta, du hast einen festen Job! Was soll der Quatsch und woher kommen plötzlich diese Flausen im Kopf?!“

Schön waren auch Prophezeiungen à la „Nach Südostasien? Du wirst entweder verschleppt werden oder im Zinksarg zurückkommen“ – das machte einem richtig Mut. Es gab aber auch durchaus positive Reaktionen. Und generell galt für mich sowieso: Es ist MEIN Leben, es ist MEINE Entscheidung und somit haben alle in meinem Umfeld das zu akzeptieren.

Gab es Zögermomente?

Ich sage mal, die Zinksarg-Geschichte war nicht besonders beflügelnd, aber ich hab mir stets gesagt: Wenn du dein ganzes Leben immer nur zögerst, dann wirst du nie eine Entscheidung mit Herzblut fällen, sondern dir immer wabernde Mittelwegslösungen zurechtlegen und dir selbst etwas vorgaukeln.

Daher gilt: Wie willst du jemals irgendwas durchziehen, wenn du im Vorfeld, bevor du es wenigstens probierst hast, immer nur zögerst? Klar, wir Menschen sind Gewohnheitstiere und scheuen die Veränderung, aber wenn du nie Worten Taten folgen lässt, wird sich auch nie was ändern – den Mut zu haben, zu einer Entscheidung zu stehen, ist ja viel mehr wert, als im Leben immer nur zu zögern und im Endeffekt nichts zu ändern.

Wie verlief die Planung deiner Auszeit?

Die Planung war furchtbar hektisch, weil doch alles schneller geht, als man denkt. Bei der Arbeit stand neben dem Tagesgeschäft die strukturierte Planung einer reibungslosen Übergabe an, man macht sich Gedanken über die Auslandskrankenversicherung und informiert sich plötzlich über Dinge wie die Impfung gegen Meningokokken-Meningitis.

Ich hab mir daher meine restlichen Urlaubstage alle in die letzten zwei Arbeitswochen gelegt und extra so gekündigt, dass ich noch drei Wochen frei hatte vor der Auszeit. Und die habe ich auch echt gebraucht.

Welche Erwartungen hattest du an deine Auszeit?

Meine Erwartungen an die Auszeit? Einmal im Leben so zu leben, als gäbe es nur morgen. Und nichts zu erwarten. Wenn du nichts erwartest, kannst du nicht enttäuscht, sondern nur überrascht werden.

Und diese Einstellung führte auch zu den beklopptesten Situationen. Ich habe im kambodschanischen Waisenhaus mit verlausten Kindern auf dem Boden geschlafen, habe einen Monat lang mit einer Familie zusammengelebt und ein kleines Strandrestaurant mit denen hochgezogen und ja: Ich war auch eine Zeit lang Fischer. Hätte mir das vorher jemand erzählt: Ich hätte der Person einen Vogel gezeigt.

Wie lange hat es gedauert, richtig abschalten zu können? Spukte dir das Thema Job noch eine Weile im Kopf rum?

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Ich hab schon immer gerne gearbeitet und so waren der Anfang und die Umgewöhnung etwas schwierig. Ich hatte vor allem damit zu kämpfen, plötzlich 16 Stunden am Tag frei gestalten zu können – ohne am Schreibtisch zu sitzen und Verpflichtungen nachzugehen.

Ich erinnere mich noch an meinen ersten Tag in Bangkok, als ich meinen Mail-Posteingang öffnete – und keine einzige neue E-Mail eingegangen war. Das war ein sehr komisches Gefühl, weil man sich fragt: „Wer braucht mich denn eigentlich gerade im Leben?“ Auch hab ich mich anfangs teils nutzlos gefühlt. Aber nach zwei oder drei Wochen kam allmählich der Groove und ich konnte mit gutem Gefühl abschalten.

Erzähle uns von deiner lustigsten Anekdote.

Als ich meine Schwester mit dem Tuk Tuk vom Flughafen in Phnom Penh abholen wollte, zog sich der Fahrer noch schnell vorher eine Monster-Grastüte rein – und zwar mit den Worten „No problem. Is very easy here in Cambodia. And good for me!“ Solche Schlangenlinien auf der Straße bin ich noch nie gefahren :).

Ab wann hast du dich wieder auf die Arbeit gefreut?

Ach, das kam von ganz alleine. Mir war klar, dass ich nicht mein ganzes Leben lang mit einer Ukulele und Blumen im Haar in Hängematten baumeln will.

Es sollte ja auch weitergehen und nach fünfeinhalb Monaten kam zum allerersten Mal der Gedanke wieder auf, wie die Zukunft aussehen könnte. Und siehe da: Plötzlich kam mich Felix mit seinem Bruder in Kambodscha besuchen und erzählte mir von seinem Gründungsvorhaben. Zehn Tage später saß ich im Flieger und wir hatten unser erstes Kickoff-Meeting.

Was ist das Fazit deiner Auszeit?

Ich versuche den Leuten noch stärker ihre Ängste vor Entscheidungen zu nehmen. Nur, weil eine kurze Zeit unseres Lebens anders abläuft oder nicht durchgeplant ist, sind wir nicht plötzlich alle hängengebliebene, verkiffte Hippies.

Und: Weniger reden, mehr machen! Und dabei möglichst aufhören zu meckern. Ich bin jetzt seit neun Wochen zurück, wieder voll im Arbeitsleben angekommen und genieße jeden Tag zehn mal mehr als vorher schon. Unser Startup läuft zur Zeit super an, ich bin total energiegeladen und habe einen weiteren Blickwinkel auf Dinge.

Hast du persönliche Veränderungen an dir fest gestellt?

Ja, ich lebe bewusster. Und mir sind andere Dinge im Leben wichtiger geworden. Der Monat mit der kambodschanischen Familie hat mich sehr geprägt und mir sind materielle Dinge nicht mehr so wichtig (ich war seit Februar zum Beispiel nicht mehr shoppen). Und ich rege mich über fast nichts mehr auf. Gut, dann kommt der Zug halt 20 Minuten später, dann regnet’s halt – ist mir zu viel Zeitverschwendung, sich ständig über alles und jeden aufzuregen.

Was machst du jetzt? Inwiefern hat dich deine Auszeit dazu beeinflusst?

Ende April 2014 sind mein Mitgründer Felix Göde und ich mit Dein-Lebenslauf.com live gegangen – einer Plattform, auf der du dir eine Lebenslaufvorlage aussuchst und wir dir deinen individuellen Lebenslauf per Hand erstellen und dir Feedback zum Inhalt gegeben wird.

Und ja, die Zeit im Ausland hat mich sehr geprägt! Es verhielt sich da eigentlich genau so wie bei der Entscheidung zur Auszeit: „Wann, wenn nicht jetzt?“ Mehr als schief gehen kann es ja nicht. Und wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

Auch du hast dir eine Auszeit von deinem Job gegönnt und möchtest uns davon erzählen?

Dann nichts wie los und schreib eine E-Mail an juliane.siebelts@gruenderszene.de

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Erst aussteigen, dann absteigen: in Vietnam hatte Britta Kiwit mit einer Moped-Panne zu kämpfen.

Bildquelle: Britta Kiwit